Geadelt im Nord-Ostsee-Kanal – Einziger Stralsunder Frachter begegnet dänischer Königsyacht

MS Fredo löscht vorpommerschen Raps in Rendsburg. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: 6.9.2021

Stralsund, Deutschland (Weltexpress). Gelb-braune Staubwolken vernebeln die Sicht, und ein unheimliches Rauschen liegt in der Luft. Was sich dahinter verbirgt, ist noch unklar. Bis plötzlich Stille einkehrt. Zum Vorschein kommt ein türkisfarbener Steven mit dem weißen Namenszug Fredo. Hoch oben am Achtermast flattert ein rotes Tuch: die Stralsunder Flagge. Sie und der Heimathafen am Heck signalisieren, dass wir es mit dem einzigen Frachter aus der Hansestadt Stralsund zu tun haben. Der lädt im Rostocker Seehafen Rapsschrot aus Vorpommern für ein Futtermittelwerk im schleswig-holsteinischen Rendsburg.

Die Gitterkonstruktion der Verladeanlage mit ihrem beweglichen Rüssel könnte locker einen modernen Dinosaurier abgeben. Während aus einem LKW bröseliger Pellet-Nachschub über das Förderband heranrollt, herrscht für Sekunden ungewohnte Stille am Liegeplatz 13. Der staubige Vorhang hebt sich, und das „Fredo“-Schauspiel beginnt…

Schiffsmakler links und Kapitän beim Klarieren der Papiere. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: 2.9.2021

Papierflut wächst

An Deck und auf dem Lukenrand bewegen sich drei Gestalten: in Overalls steckend und maskiert. Nicht etwa wegen Corona, nein, schlicht wegen des dichten Rapsstaubes, der einen ungeschützt atemlos machen kann. Sie, die Matrosen Willi, Jan und Don von den Philippinen, winken dem wohlbekannten Ankömmling zu, der da mit seinem Rucksack über die Gangway balanciert. Aus der offenen Brückentür sind freudige Worte eines Telefonats zu vernehmen: „Das flutscht ja hier wie noch nie! Wenn das so weiter geht, sind wir noch heute Abend Richtung Kiel unterwegs“. Kapitän Bernd Blanck und gemeinsam mit Bruder Willem Eigner, strahlt übers ganze Gesicht: „Dass wir das noch mal erleben dürfen…sonst dauert´s meistens viel länger, manchmal Tage, bis wir laden können“.

Und tatsächlich: Gegen 18 Uhr zischen die letzten von 1500 Tonnen hochwertigen Viehfutters in die Luke. Kurz danach turnt der Schiffsmakler ins Steuerhaus und breitet einen Stapel Papiere zum Unterschreiben und Stempeln aus. „Trotz PC“, schüttelt Bernd den Kopf und zeigt auf die Aktenordner hinter sich, „wächst die Papierflut unaufhörlich. Versteht kein Mensch!“

Auch nicht der Rostocker Kapitän Jörg Laudahn, gedienter Bereitschaftspolizist in Stralsund-Andershof, der zu Besuch an Bord gekommen ist. Er und Blanck verstehen sich sofort und schwimmen seemännisch auf einer Wellenlänge,

19 Uhr: Kapitän Blanck startet den 700 PS-MWM-Diesel mit fauchender Druckluft. Mit dem Kommando „Leggo!“ klatschen die Achterleinen ins dunkle Hafenwasser, das von den grellen Lichtern des havarierten Kranschiffes „Orion“ hinter der „Fredo“ goldfarben gewellt ist. Kurz darauf löst ein Festmacher an Land auch die Vorspring. Routiniert lässt Kapitän Blanck die Maschine rückwärts laufen bei Ruderlage mittschiffs. „Der dreht jetzt fast von allein“, weiß er aus jahrzehntelanger Erfahrung. Zum achteraus liegenden 38.000-Tonner „Irmgard“ bleibt noch genügend Luft, bis „Fredo“ die Kurve kratzt und ihre Nase in die Warnow steckt. „Alles gut betonnt“, meint Blanck beim Blick durch die Brückenfenster auf das für einen Laien blinkende rot-grüne „Chaos“ voraus. Die Abmeldung bei Warnemünde traffic, der Verkehrsleitzentrale, endet mit dem beiderseitigen Wunsch: „Gute Wache!“

Reger Schiffsverkehr am Leuchtturm Friedrichsort. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: 6.9.2021

Kanalabgabe gegen Spritpreis

Über der Ostsee hat es abends von Nordwest aufgebrist. „Fredo“ wiegt sich „in den Hüften“, wie man so sagt. Erster Steuermann Marco Heynen kann sich bei diesen schlaffördernden Schiffsbewegungen und dem gleichförmigen Dieselsound noch mal wohlig in seiner Koje umdrehen, bis er gegen 01 Uhr dran ist mit Brückendienst. Marco lässt die berüchtigte Kadetrinne an Backbord liegen, nimmt direkt Kurs auf Fehmarn. Der Kapitän ist froh, noch ein paar Stunden Ruhe vor sich zu haben, bis er am nächsten Morgen in der Kieler Förde das Ruder übernimmt. Er ist „Freifahrer“ und brauch nach einer bestimmten Anzahl von Passagen samt einer Prüfung keinen Lotsen zu nehmen.

Grüne Signallichter voraus: Ohne Verzögerung kann er die Holtenauer Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal ansteuern. „Seit die Kanalabgabe ausgesetzt worden ist“, erklärt er, „staut sich hier schon mal der Schiffsverkehr. Weil der rund 200 Seemeilen längere Weg via Skagen rund um Dänemark wegen höherem Spritverbrauch wieder teurer ist.“

„Fredo“ dampft mit maximal erlaubten 8,5 Knoten in die 98 Kilometer lange künstliche Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee. Es geht zügig voran und „es gibt bis jetzt keinen Stopper“, freut sich Blanck und meint damit die Ausweichstellen bei Gegenverkehr. Der ist nach einem komplizierten System geregelt und richtet sich nach Tiefgang, Länge und Breite sowie gefährlicher Ladung. In der Weiche Groß Nordsee sammeln sich einige Frachter. An der Baustelle der Kanalerweiterung herrscht noch Einbahnverkehr, bis das begradigte Stück irgendwann freigegeben wird. „Das dauert noch Jahre“, ist Blanck sicher.

Die königlich-dänische Yacht Dannebrog vor Rendsburg. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: 3.9.2021

Erhebende Momente

An diesem sonnigen Freitagnachmittag bevölkern viele Seh-Leute die parallel zum Kanal verlaufenden Wege: Wanderer, Radfahrer, jede Menge Wohnmobilisten. Sie alle wollen nur eins: Schiffe gucken. Für ihr Ausharren werden sie fürstlich belohnt. An der Schiffsbegrüßungsanlage unter der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke ist es so weit. Westlich voraus schiebt sich plötzlich ein cremefarbener Oldtimer ins Bild. Sogar auf der Brücke greifen wir jetzt zum Glas. „Was da wohl kommt?“ fragt sich Blanck und liest den Namen auf der elektronischen Seekarte ab: „Dannebrog“. „Das ist doch, das ist…die königlich-dänische Yacht!“ Er weiß mehr: 1932 gebaut, 78 Meter lang, mit 1238 Tonnen vermessen und benannt nach der Landesflagge. Das Schiffstyphon dröhnt los, an Land werden Flagge gedippt und die Nationalhymne unseres nördlichen Nachbarn abgespielt. Das Zeremoniell ist standesgemäß. Von der „Fredo“-Brückennock mit an den Kopf angelegter rechter Hand. Auf das Kommando „Front nach Backbord!“ grüßt die Marine-Crew ebenso zurück. Ihre Königliche Hoheit Margrethe steht in der Mitte und erwidert fröhlich winkend die Ovationen von Land und von Bord. Sogar die maskierten und vermummten Matrosen lassen ihre Rosthämmer für diese erhebenden Momente ruhen. „Das haben wir auch noch nicht erlebt!“, ist selbst der maritime „Haudegen“ Blanck völlig baff, „damit ist unsere ´Fredo` wohl so was wie geadelt worden“.

Fotoreportage

Mehr Bilder in der Fotoreportage: Unterwegs auf MS Fredo.

Infos:

MS Fredo: Bauwerft: Schiffswerft Hugo Peters, Wewelsfleth/Stör; Baujahr: 2/1985; Bau-Nr.: 607; Flagge: Deutschland; Taufname: „Premiere“ (bis 2002), danach „Montis , ab 1. Mai 2010 FREDO (Zusammensetzung aus den Heimatorten der Eigner Willem (Freiburg/Unterelbe) und Bernd Blanck (Dornbusch/Unterelbe).

Abmessungen: Länge: 82,45 m, Breite: 11,33 m, Tiefgang (max.): 3,43 (Typ Saima/Vänern-max, da der Frachter früher jahrelang zu den finnischen Seen unterwegs war); 1 Luke (3105 Kubikm. Schüttgut); eingerichtet für Container-Transport: 46 TEU, verstärkt für Schwergutladung; BRZ: 1649, Tragfähigkeit: 1829 tdw, Ladetonnen: 1700 Tonnen; Displacement (Ladetonnen und 865 t Schiffsgewicht): 2694 t; Maschine: MWM, Typ TBD 440-6K, 441 kW (700 PS), Geschwindigkeit (max.): 10,6 kn; GL-Klasse: GL+100 A4 MEG; Crew (max.): 7; Passagiere: 1 Einzelkammer ( Bad/WC/Dusche auf dem Gang), breite Koje, Schrank, Sitzecke, Tisch, Stuhl, Schubfächer, Sat.-TV, Waschmaschine/Trockner können problemlos benutzt werden, Preis (inkl. Vollpension): 50 Euro/Tag (Info/Buchung: fredo@gmx.info; Kapitäne Bernd + Willem Blanck: 0171 2111839); Brücke und Maschinenraum stehen dem Gast jederzeit offen;

Tipp: Fredo (Passagiers-Tagessatz nur 60 Euro/Tag) bietet sehr reizvolle Reisen zwischen großen, kleinen und kleinsten Nord-Ostsee-Häfen –Flüssen, -Kanälen und –Seen. E-Mail: fredo@gmx.info