Fünf Jahre in der Tretmühle – Erinnerungen eines Masochisten

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© Econ
Leider beichtet Herr Müller bis zum Schluss nicht, was seine wirklichen Beweggründe gewesen sind, Mitte der Nullerjahre in die Fremdenlegion einzutreten. Am Sold lag es bestimmt nicht, der liegt bei ungefähr 1500 Euro (bei Auslandseinsätzen verdoppelt sich das Geld). Wahrscheinlich hat ihn eine unglückliche Liebe in die Legion getrieben, von alters her ein guter Grund, neben existenzieller Not. Da wir im reichen Westeuropa leben, zieht es bei dieser geringen Gage naturgemäß eher Leute aus Osteuropa oder aus armen Ländern der einstigen dritten Welt in die Legion. Der Anteil der Deutschen liegt bei der 10.000 Manntruppe bei etwa 4 Prozent. Westeuropäer sind eine Minderheit.
Müller jedenfalls steht auf den ganzen Drill, das Marschieren, das sich unter ordnen, den Nahrungsentzug, die Demütigungen. Und als er es endlich geschafft hat, gibt er diese Dinge an seine Untergebenen weiter. Er wird der gleiche Arsch, wie es die Leute sind, die ihn schliffen bis ihm die Zunge zum Hintern wieder heraus kam. Was für ein Masochist muss er sein? Wer lässt sich freiwillig wie Dreck behandeln und wird dann selbst zu Dreck? Wie kann ein Mensch ohne Not diese Quälerei erdulden? Man muss drauf stehen, es irgendwie geil finden, andernfalls haut man ab oder wird irre. Müller blieb ganze fünf Jahre, machte das, was seine Vorgesetzten von ihm wollten und erlebte nebenher gescheiterte Beziehungen und fand sich bestimmt ganz cool. Martin Spechts Verdienst ist es, diese Dinge aus Müller herausgelockt zu haben. Was für ein armeseliges Leben, denkt man immer wieder bei der wirklich spannend geschriebenen Lektüre. Obwohl eigentlich nichts passiert, auch bei den drei Auslandseinsätzen zeigt sich die Gefahr nie wirklich. Zumindest steht davon nichts im Buch, Müller wabert zum Ende geheimnisvoll er dürfe über dies und das nicht reden“, da er aber nur ein kleiner Fahrer und manchmal Infanterist war, wird’s so wichtig nicht gewesen sein. Er hat immerhin zwei Freunde gefunden, der eine ist inzwischen in Portugal Kaufhausdetektiv für 1000 Euro im Monat, der andere sitzt in den USA ein. Müller selbst hat nach dem Ende der Dienstzeit vom Jobcenter eine Umschulung zum Personenschützer bezahlt bekommen. Wollen wir ihm wünschen, dass er nicht für 8,50 Euro die Stunde eine Bundeswehrkaserne bewachen muss. Übrigens, der Titel ist Unfug und irreführend.

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Stefan Müller, Mythos Fremdenlegion, Mein Einsatz in der härtesten Armee der Welt, 336 Seiten, Econ Verlag, Berlin, 11.09.2015, ISBN 978-3-430-20191-9, € 18,00 [D] € 18,50 [A], sFr 20,50

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