Europäische Königsklasse „Champions League“: Football is coming home oder Geld schießt doch Tore

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Quelle: Pixabay, Foto: Kelvin Stuttard

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Das gab es in den europäischen Wettbewerben des Klubfußballs noch nie: Alle vier Finalisten kommen aus einem Land – in diesem Falle aus England, dem Mutter- und Erfinderland dieses Mannschafts-Ballspiels. Diese Einmaligkeit ist dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur in der Königsklasse des europäischen Fußballs, der Champions League, sowie dem FC Arsenal und dem FC Chelsea in der Europa League, der zweitwichtigsten Kategorie, vorbehalten.

Die englischen Klubs lösten auf beiden Ebene beziehungsweise in beiden Wettbewerben die Dominanz der spanischen Fußball-Unternehmen ab, die mit dem FC Barcelona, Real Madrid, Atletico Madrid oder FC Valencia in den letzten Jahren dem Geschehen diesbezüglich ihren Stempel aufdrückten. Man könnte nun also sagen: Football is coming home. Doch ist der Fußball damit zu seinen Wurzeln zurückgekehrt?

Die Finalisten haben ihren Sitz in englischen Städten, doch das Geld, mit dem man die Spieler kaufen kann, die Tore schießen und Titel gewinnen, kommt aus aller Welt. Dieser Prozess zeichnete sich in jüngster Vergangenheit immer deutlicher ab. Denn die Premier League, Englands höchste Spielklasse mit 20 Vereinen, zahlt für kickende Profis weltweit die höchsten Gehälter. Das ist möglich, weil auch die Liga aus der Vermarktung durch das Privatfernsehen Summen bis in den Milliardenbereich akquiriert, von denen die Konkurrenz von Spanien bis Deutschland, von Italien bis Frankreich nur träumen kann.

Juventus Turin, Paris St. Germain, FC Barcelona und Real Madrid sowie Bayern München verfügen zwar teilweise und punktuell über die Finanzkraft der besten Klubs in der Premier League, liegen aber mit ihren Budgets weit vor den nationalen Mitbewerbern. Sie dürfen Meisterschaften oder Pokale feiern, ohne voll gefordert zu werden.

Deren Ligaalltag fordert den Spielern weniger Tempo und Einsatz, weniger taktische Anforderungen ab, als dann in der Endphase der Champions League.

In der Premier League jedoch verfügen auch die Teams in der zweiten Tabellenhälfte dank der finanziellen Möglichkeiten über einen klasse Kader, dass die Spitzenteams stets gefordert werden. Das ist offensichtlich ziemlich hilfreich im Vergleich mit der resteuropäischen Konkurrenz. Das Gesetzt des Umschlags von hoher Quantität in noch höhere Qualität kommt auch hier zur Geltung.

Die bessseren finanziellen Ressourcen ergeben sich auch dadurch, dass die Briten früher das Merchandising und den Verkauf von Fanartikeln forcierten als die Vereine auf dem Kontinent. Mittlerweils sind die Ticketpreise für die Darbietungen im ursprünglichen Arbeitersport Football im Schnitt höher nach oben geklettert als in der Bundesliga oder in Spanien. Fußball-Entertainment ist im Sektor Unterhaltung ein Massenbedarfsartikel geworden. Und es ist in Mittel- und Oberschicht angekommen. Rauchen ist in den Stadien verboten. Gefährliche Pyro- und Feuerwerks-Zwischenfälle durch unbelehrbare Ultras kommen so gut wie nicht vor.

Zudem können Investoren – im Gegensatz zu Deutschland – oder aber russische Oligarchen oder arabische Ölscheichs Anteile der Profi-Unternehmen erwerben oder gar ganz kaufen. Das alles spielt so viel Geld in die Kassen wie sonst nirgendwo im weltumspannenden König-Fußball-Reich.

Dabei ist es erst paar Jahre her, dass beispielsweise Uli Hoeneß in bekannt großspuriger Mia-san-mia-Attitüde spottete: Geld schießt eben doch keine Tore. FC Bayern Münchens Zampano, der vorübergehend der privaten Millionenzockerei an der Börse anheimfiel und darob wegen Steuerhinterziehung eine Bleibe im Gefängnis kennenlernte, reagierte so, als der FC Chelsea trotz der Millionenzuschüsse des russischen Oligarchen Abramowitsch in der Champions League bescheiden erfolgreich blieb. Und es bei anderen Klubs von der Insel nur zu sporadischen Erfolgen langte.

Das lag wohl auch daran, dass Abramowitsch und Co. sich bemüssigt fühlten – nach dem Motto: Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird -, allzu konfus in das Tagesgeschäft reinredete.

In der Deutschen Fußball-Liga DFL verhindert die sogenannte 50+1-Regel, dass Geldgeber mehr als 50 Prozent der Anteile und damit die Stimmenmehrheit erwerben. Insbesondere in Fankreisen wehren sich sogenannte Traditionalisten gegen die Streichung dieser Klausel nach englischem Vorbild. Doch andererseits sehnen sie sich nach Siegen wie von Eintracht Frankfurt, die es immerhin ins Halbfinale der 2. Europaliga schafften.

Selbst Hoeneß hat eingesehen, dass die Wettbewerbsnachteile ohne Erschließung neuer Geldquellen auf Dauer nicht zu kompensieren sind. 2013, als seine Bayern das Finale der Champions League gegen Borussia Dortmund gewannen, glaubte er wie die DFL und die deutschen Medien, die Bundesliga sei trotz des Verzichts auf Rekordtransfers natürlich die „stärkste Liga der Welt“. Und solange er das Sagen beim FCB habe, würde es solche „Wahnsinns-Summen“ für Spielerverpflichtungen nicht geben. Es ist anders gekommen.

Um künftig in Europa in der Spitze mitspielen zu können, würde man das vielzitierte und reichgefüllte Festgeldkonto, wie es nun bei Hoeneß heißt, für das kommende Spieljahr um bis zu 200 Millionen Euro erleichtern. Das ergab für den Rekordmeister Bayern München (aktuell 28 Titel) den Rekordtransfer von 80 Millionen Euro allein für den Abwehrspieler Lucas Hernandez aus dem Aufgebot des Weltmeisters Frankreich. Irgendwo scheint das noch nachvollziehbar und nahe an der weltweiten Höchstsumme für einen Abwehrspieler.

85 Millionen Euro waren dem FC Liverpool die Dienste des Niederländers Virgil van Dijk wert. Und das war durchaus im Rahmen, wenn man an die 222 Millionen Euro für den brasilianischen Angreifer Neymar und die 180 Millionen Euro für seinen jetzigen französischen Mannschaftskollegen Kylian Mbappe bei Paris St. Germain denkt. Da sind jeweils 70 Millionen für den zweikampfstarken Mittelfeldakteur Naby Keita oder den brasilianischen Torwart Alisson, die Liverpool investierte, fast schon wieder angemessen. Turin soll 95 bzw. 105 Millionen für den mehrmaligen Weltfußballer des Jahres, Christiano Ronaldo, investiert haben. Andererseits soll Champions-League-Finalist Tottenham wegen einer Transfersperre fast ohne Neuverpflichtungen ausgekommen sein, aber die spielen auch nur 2. Europaliga und sind in der Premier League schon lange aus dem Rennen um die Meisterschaft.

Geld allein schießt nicht immer die zum Erfolg nötigen Tore. Geld ist nur ein Garant. Zum zweiten Male nacheinander scheiterte der Paris Saint-Germain Football Club frühzeitig in der Champions League. Diesmal bereits im Achtelfinale gegen Manchester United aus der Premier League. Dabei war von Paris SG, dessen Haupteigentümer Scheich Nasser al-Khelaifi aus Katar ist, nichts weiter als die Siegerschale der explizite Auftrag für den deutschen Trainer Thomas Tuchel. Tuchel schiebt die Schuld auf den zu kleinen Kader beziehungsweise die Kaderplanung der verantwortlichen Klubführung um Scheich al-Khelaifi.

In der Premier League scheint die Einflussnahme der Geldgeber nicht mehr so massiv zu sein wie in Paris. Allein durch die Masse an Geld können starke internationale Spitzentrainer und Topspieler aus aller Welt gekauft und große wie gehaltvolle Kader finanziert werden.

Einer der aktuellen Erfolgsfaktoren im englischen Fußball, dem lange der Kick-and-Rush-Ruf und wenig technisch-taktischer Glanz anhing, ist allerding auch der Ausbau der Nachwuchs-Akademien. Das trägt seit etwa zwei Jahren Früchte. In fast allen Nachwuchs-Wettbewerben sind englische Teams ganz weit vorne. Unter dem Motto Jugend voran wird das spielerische Niveau der Premier League angereichert. In der Bundesliga prägnantester Akteur für diesen Trend ist Dortmunds 19-jähriger Tempodribbler Jadon Sancho. Er ist erfolgreich als Torschütze und bester Vorlagengeber der Liga.

Nebenbei bemerkt begann die deutsch-englische Fußball-Geschichte mit der Story von Bert Trautmann. Er war Fallschirmjäger in der Nazi-Wehrmacht, als Kriegshäftling Torhüter bei Manchester City und spielte als German ein siegreiches Finale mit – wie sich später rausstellte – gebrochenem Genick zu Ende. Er trug mit bescheidenem Auftreten und hoher Leistung viel zur Aussöhnung beider Nationen bei.

In Deutschland hingegen wurde und wird über das Wembley-Tor gestritten undbis heute angezweifelt, ob der Ball im WM-Finale 1966 zum 3:2 für den Gastgeber England nach einem Lattentreffer tatsächlich hinter der Linie des deutschen Tores war.

Die erste Hochfinanzwelle der Premier League zog dann deutsche Nationalspieler im Herbst ihrer Karrieren auf die Insel: Michael Ballack, Jens Lehmann, Dietmar Haman, Steffen Freund.
Aktuell sind Antonio Rüdiger, Ilkay Gündogan, Leroy Sane und Mesut Özil die namhaftesten Kicker mit deutschem Pass in der PL. Wobei der aus der Nationalmannschaft zurückgetretene Özil geschätzt 20 Millionen Euro Jahresgehalt bei Arsenal kassieren soll.

Profis aus allen Himmelsrichtungen zieht es nicht nur des Geldes wegen nach England. Unter einigen des besten Fußball-Lehrer sein Können und seine Karriere zu entwickeln, ist ein starkes Motiv. Zu den genannten Coaches zählen u.a. der Spanier Pep Guardiola (Nochmeister Manchester City), der Portugiese Jose Mourinho (vormals Chelsea und Manchester United), der Italiener Maurizio Sarri (Chelsea), der Argentinier Mauricio Pochettino (Tottenham Hotspur) und der Deutsche Jürgen Klopp (FC Liverpool). Sie garantieren Training und Know how auf Spitzenniveau. Und Erfolg natürlich.

Wie weit dabei die Suche nach dem kleinsten Erfolgssteinchen im Erfolgs-Puzzle geht, verdeutlichte Klopps Coup, die Ernährungsberaterin von Bayern München nach Liverpool zu lotsen. Die attraktive Dame darf nun mitsamt acht Angestellten die Menüs für Salah, Firmino und Co. zusammenstellen. Inwieweit das die Reds aus Liverpool zum denkwürdigen 4:0-Sensationstriumph über den FC Barcelona, gegenwärtig wohl noch immer die weltbeste Mannschaft, verholfen hat, bleibt unklar. Unbestritten jedoch, dass der sonstige Angriffsreservist Divock Origi mit zwei Teffern spielentscheidend war.

Er kam aus der Bundesliga, war in Wolfsburg, und ging nach Liverpool. Dort steht er für einen Trend: Die Bundesliga ist zu einem Sprungbrett in die derzeit beste Liga der Welt geworden!
Der Belgier Origi ist nur einer von zahlreichen Beispielen dafür: Neben dem Brasilianer Firmino, der Gabuner Aubamenyang, die Schweizer Shaqiri, Xhaka, der Belgier de Bruyne, Keita aus ursprünglich Guinea oder Joel Matip aus Kamerun sowie die erwähnten Deutschen im Meisterkollektiv von Manchester City … Die Premier League ist unbestritten der gegenwärtige Nabel der (Klub-)Fußball-Welt. Und darin das Zentrum – trotz Liverpool oder Manchester – Europas Finanz- und Fußball-Metropole London mit insgesamt fünf Teams in der Premier League!

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