Erloschene Hoffnungslichter – 25 Jahre Studio Ghibli – Serie: Meisterwerke der „Ghibli DVD Collection“ des Universal Verleihs (Teil 2/ 7)

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Setsuko ( Ayano Shiraishi) war erst vier. Nun sind sie und Seita (Tsutomu Tatsumi) wieder zusammen. Wie am Tag, als Setsuko ihre Puppe während des Fliegeralarms fallen ließ. Zu spät für den Schutzbunker, wo ihre Mutter wartete. Als Seita sie wiedersieht, ist sie bis aufs Fleisch verbrannt, wenig später tot. Setsuko sagt er nichts, kauert nur weinend neben dem Klettergerüst. Seita macht daran Überschläge: „Guck, was ich kann.“ Damit sie abgelenkt ist, damit er nicht verrückt wird vor Schmerz, noch ein Überschlag und noch einer, mechanisch. Die Szene zerreißt innerlich, eines der stärksten Trauerbilder, die das Kino je hatte. Nur eine Box Fruchtbonbons hat Setsuko, als die Odyssee der Geschwister beginnt, vorbei an zerbombten Häusern, Brandleichen und verzweifelten Menschen, die in einem alten Bunker endet. Die Bonbons sind längst alle und trotz Seitas Kampf um Nahrung wird Setsuko schwächer.

Der Originaltitel „Hotaru no haka“ greift den der Romanvorlage auf, die Isao Takahata adaptierte. Noch schonungsloser, noch konsequenter ist der Name den, Akiyuki Nosaka für seinen verstörenden Roman wählte. “Das Grab der Leuchtkäfer“ heißt das 1967 erschienen Antikriegsdrama, in dem der Autor eigene Erlebnisse während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs zu verarbeiten versucht. „Das Grab der Leuchtkäfer“ schreibt den Tod als Endpunkt in den ersten Worten und der Eingangsszene unabwendbar fest. Von Seita bleibt nur eine ausgemergelte Hülle übrig. Ohne Kraft, ohne Hoffnung. Der Krieg löscht nicht nur Seita aus. Er hat seinen Lebenswillen ausgelöscht. Sein Sterben steht symbolisch für den seelischen Tod des Autors während des tragischen Kolluminationspunkts der Handlung.

Der den Glühwürmchen vorbestimmte Tod symbolisiert das Sterben von allem Schönen, Trost Spendendem. Ihr schwaches Glimmen erlischt für immer. Als Seita ihr zum ersten mal ein Glühwürmchen in die Hand setzt, zerdrückt Setsukos es versehentlich. Wie das Insekt ist sie zu zerbrechliche für ihr unbarmherziges Umfeld. Gnadenlos wird sie vom Schicksal zerquetscht. Der kriechende Verlauf macht Setsukos Verhungern und dessen Anblick noch qualvoller. Schon zu Beginn leidet sie unter Ausschlag, Bauchschmerzen und Schwindel, schließlich halluzioniert sie. „Hotaru no haka“ gestattet kein Aufatmen. Bis zum letzten Atemzug zwingt Takahakas Animé, die einzelnen Stadien der Auszehrung an Setsukos Körper zu beobachten.

Als einzige Ausflucht bleibt die Augen abzuwenden. Ein Wegsehen, das eine Nachahmung des Wegsehens von der Mitmenschen der Figuren wäre. Takahatas Animé erweckt nicht nur Krieg und Hunger als abstrakte Monstren. Er erzählt von der Grausamkeit der Menschen und davon, was der Krieg aus ihnen macht. Ihre verwitwete Tante (Akemi Yamaguchi), bei der die Geschwister Zuflucht suchen, beutet systematisch deren letzten Besitztümer aus und schikaniert Seita mit nationalistischen Durchhalteparolen. Seine aufopfernde Fürsorge gegenüber Setsuko wertschätzt niemand.

Schmerzlich und dennoch poetisch sind die kummervollen Szenen, welche das reale Verhungern der Schwester Nosakas während des Krieges nachzeichnen. Das persönliche Drama ist gleichzeitig Metapher für die Unmenschlichkeit des Krieges und das lange totgeschwiegene Leid der japanischen Bevölkerung. Hart, kalt, mit einer vagen Spur Süße, wie Seitas letzter verrosteter Besitz. Die leere Bonbondose wird in das Gras geworfen. „Die letzten Glühwürmchen“ sind verstummt.

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Titel: Die le

tzten Glühwürmchen (Grave of the Fireflies) – Hotaru no Haka

Land/ Jahr: Japan 1988

Genre: Animé

DVD-Start:

Sprachen: Japanisch, Deutsch

Regie: Isao Takahata

Drehbuch: Isao Takahata, Akiyuki Nosaka

Darsteller: Tsutomu Tatsumi, Ayano Shiraishi, Yoshiko Shinohara

Musik: Michio Mamiya

Schnitt: Takeshi Seyama

Laufzeit: 88 Minuten

Verleih: Universum Film

www.universumfilm.de

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