Sein und Werden! – Der Dokumentarfilm „Being and Becoming“ bringt einen auf Ideen: zum besseren Lernen und dass man Schule eigentlich gar nicht braucht!

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© Foto: Clara Bellar

Natürlich ist der Ansatz nicht völlig falsch, aber so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es wohl nicht. Vorgebetet von Medien und Sonntagsreden der Politiker, hielt ich für nachvollziehbar, wenn es hieß: „Zu geringes Sozialprodukt in Entwicklungsländern? Mangelnde Bildung ist schuld!“ „Arbeitslose Migrantenkinder? Sollen deutsch lernen und den Schulabschluss machen! Müssen gefördert werden!“ „Kein Hauptschulabschluss und straffällig? Der Grund ist doch klar wie Kloßbrühe!“ Nach „Alphabet“ kam ich zu einem „Ja, aber“ und begann zur These: ‚Mehr Schulbildung löst die Hälfte der sozialen Probleme‘ eine Antithese zu formulieren. Ja, Bildung ist total wichtig und hilft in der Tat – aber freiwillig sollte sie sein und nicht unbedingt in der Schule stattfinden, auch oder oft schon gar nicht in der Nachhilfeschule, wie das abschreckende Beispiel China beweist. Um den Preis, die Kindheit und Jugend ihrer Kinder zu opfern, mit einem riesigen Zeitaufwand und erheblichen Kosten ist die ganze Volksrepublik China im Bildungs- und Nachhilfewahn. Statt zu spielen, werden Diplome gezählt. Eine Mutter präsentierte stolz mehr als eine Dutzend dieser Trophäen vor laufender Kamera. Aber was am Ende dabei herauskam, auch gesamtgesellschaftlich, sind eben nicht die Erfinder und Unternehmer, nicht die Problemlöser, die jeder Zukunft und dem Weltmarkt gewachsen wären. Das ist bei der politischen Struktur der Volksrepublik vielleicht kein Wunder und auch so gewollt, aber angesichts des enormen Potentials der Chinesen auch irgendwie schade. Dass es auf der Insel Taiwan in der Republik China westlicher zugeht, ist zwar ein anderer Ansatz und ein Trost, aber auch wieder keine weitreichende Problemlösung.

Die liefert nun „Being and Becoming“ ganz nebenbei, indem der Film meist sehr persönliche Beispiele von Kindern zeigt, die in Ländern nicht zur Schule gehen, in denen das auch nicht Pflicht ist (http://www.etreetdevenir.com/EED.de.html#Accueil). Oder deutsche Beispiele, wie man es zumindest anders denkt.

© Foto: Clara BellarBisher dachte ich bei „Nichtschulbesuch“ immer automatisch: „OKAY. Die Kinder werden also nicht in der Schule, sondern ZU HAUSE unterrichtet.“ Ein jüngeres Beispiel zeigt die wunderbare Komödie „Wish I was Here“ von und mit Zach Braff, in der seine Filmfigur aus Geldnot versucht, seine Tochter und seinen Sohn bei sich im Haus, im Garten oder bei einem traumhaften Ausflug zu unterrichten. „Wish I was Here“ mit Zach Braffs Filmehefrau Kate Hudson und Filmkind Joey King startete am 9. Oktober 2014 und verbirgt im Titel schon einen Hinweis darauf, worauf es im Leben WIRKLICH ankommen könnte. „Sei jetzt hier“ oder „Be here now“ sind Buchtitel aus einer „spirituellen“ „Ecke“, die aber doch den Nagel auf den Kopf treffen. Sei jetzt hier – wenn du nicht bei der Sache bist, kannst du nicht zuhören und nichts lernen, natürlich werden dann Zettel geschrieben oder es wird aus dem Fenster gestarrt oder taggeträumt. Einer der entscheidenden Sätze des Films von Clara Bellar ist dieser: Bevor es mich nicht interessiert, will ich es nicht wissen. Genau wie auf Internetplattformen manchmal die Sportnachrichten stören und die Lifestyle-News nerven, weil man weder den Tabellenstand der Spielvereinigung Unterhaching wissen wollte noch, dass sich ein Societyliebling aus den Katschspalten von jemand getrennt hat, den man auch nicht kannte – genauso hat ein Kind das Recht, sich mit der Biologie der Schmetterlinge erst zu beschäftigen, wenn es sich dafür interessiert. Das klingt natürlich u.U. revolutionär und kann viel Widerspruch hervorrufen. „Ja, dann würden unsere Kinder ja gar nichts lernen – und nichts werden!“ oder sie lernten nicht das, „was sie brauchen“. Als ob wir das, was WIR in der Schule gelernt haben, alles gebraucht hätten!

© Foto: Clara BellarVertrauen in die Kinder als Menschen ist anscheinend ungewohnt. Umso erstaunlicher die Beispiele aus dem Film. Ganz normale Kinder – oder unnormale? – lernen zuhause (Homeschooling) oder ganz ohne Lehrer und Eltern (Unschooling). In Frankreich, Großbritannien und in den USA ist das möglich – und sogar in Deutschland wird das teilweise angestrebt. Komischerweise ist die von den drei Westallierten geprägte Bundesrepublik Deutschland ist diesem Punkt der preußischen Unterrichts- oder Schulpflicht von 1717 näher als seinen Verbündeten – und dass, obwohl nach 1945 nicht nur Schulbücher, sondern alle Bücher in Deutschland eine Genehmigung eines der Allierten brauchten. Die BRD wurde zwar zur Demokratie geformt und erhielt mit dem Grundgesetz eine wunderbare Verfassung, die sehr fortschrittlich mit den Themen Zensur, Asyl und Kriegsdienstverweigerung umging, aber die Schulpflicht ist hierzulande Credo. Zu Unrecht, wie Bellar zeigt. Zu zahlreich die Beispiele, als dass man die Kinder – bzw. heutigen Erwachsenen – als Einzelfälle abtun oder zu Wunderkindern stempeln könnte, bloß um bei der Verschulung für die Massen  bleiben zu können. Zu erfolgreich die Protagonisten, die an weltbekannten Universitäten studierten, ohne eine Schulabschluss vorweisen zu können! Zu menschlich das ganze Ambiente. Und zu häufig gibt einem zu denken, dass die Eltern derer, die nicht in die Schule geschickt werden, ganz oft ausgerechnet LEHRER sind.

Lassen Sie sich überraschen von einem farbigen Blick auf ein Thema, von dessen Existenz Sie vielleicht noch nicht einmal geahnt hatten: Selbstbestimmtes Lernen. Und fast so unterschiedlich, wie die Heransgehensweisen sind, sind die Begriffe, mit denen dieses auto-directed Learning umschrieben wird: In England nennt man es zum Beispiel Autonomous oder informal learning. In Kanada gibt es einen ganz tollen Begriff, wie es sich für ein tolles Land gehört: „Life learning“. Australien lässt sich nicht lumpen und wartet mit natural learning oder organic learning (!) auf. Aus den Vereinigten Staaten stammt das bereits erwähnte „Unschooling“, aber es gibt auch Termini wie Child-led learning, self-directed learning, interest-led learning, self-motivated learning, child-initiated education, und, neben anderen, an informal learner-directed, life-based non-coercive type of home-based education ”¦

Der Film läuft seit dem 20.11.2014 in den deutschen Kinos. Frankreich, Luxemburg und die Schweiz waren Deutschland voraus (Start im Mai bzw. Juli 2014).

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