Elektrisierend – Stefan Kimmigs Inszenierung „Der Kirschgarten“ im Deutschen Theater

0
294

Russland, das bedeutet selbstverständlich Kälte, und so sind die Ankömmlinge dick vermummt und bibbern trotzdem unter mehreren Schichten von Pullovern, Jacken und Mänteln. Wie eine Gruppe von Flüchtlingen sehen sie aus, bei ihrem Eintreffen erstarrt, wie auf einem Foto festgehalten, um dann ziellos durch die Räume zu rennen.

Das Gut, auf das die Ranjewskaja mit ihrer Tochter und ihrem Bruder zurückkehrt, ist hoffnungslos verschuldet, der gesamte Besitz heruntergekommen, und auch der ehemals berühmte Kirschgarten wurde allzu lange vernachlässigt und wirft nichts mehr ab.

Kaufmann Lopachin, Abkömmling von Leibeigenen und durch Arbeit zu Geld gekommen, weiß, wie die drohende Zwangsversteigerung zu verhindern wäre. Lopachin platzt beinahe vor Stolz, weil er imstande ist, der verehrten Gutsherrin einen Rettungsplan zu unterbreiten, den diese jedoch als trivial bezeichnet und verwirft.

Felix Goeser verkörpert einen gutartigen, wenn auch nicht unbedingt sympathischen Lopachin. Er ist unentwegt beschäftigt, immer in Eile, begeistert über seine geschäftlichen Erfolge, mit denen er sich gebührend wichtig macht. Dieser Lopachin neigt zu Sentimentalität, schäkert ganz entspannt mit dem Zimmermädchen Dunjascha, kann sich aber auf eine ernsthafte Beziehung oder gar eine Ehe nicht einlassen.

Nicht Schüchternheit hindert Lopachin daran, Warja endlich, wie von allen erwartet, einen Heiratsantrag zu machen. Goesers Lopachin  ist bei aller liebenswerten Tapsigkeit ein knallharter Geschäftsmann, in dessen Denken kein Platz für Gefühle ist. Er mag Warja offensichtlich ganz gern und ist jederzeit bereit, der Ranjewskaja einen Gefallen zu erweisen. Vor allem geht es Lopachin jedoch darum, die Achtung der Gutsherrin zu erwerben.

Für die Ranjewskaja ist es zwar ein wichtiges Anliegen, ihre Pflegetochter in einer akzeptablen Ehe unterzubringen, aber Warja ist eben nicht ihre Tochter, sondern eher eine Dienstbotin, und für die Heirat mit ihr hätte Lopachin allenfalls ein freundliches Dankeschön aber keine Ehre zu erwarten. Ein gutes Geschäft wäre diese Verbindung für Lopachin also nicht.

Insofern macht Lopachin insgesamt schlechte Geschäfte. Er wird immer reicher, aber für die Ranjewskaja bleibt er ein ordinärer Bauer, und das herrschaftliche Anwesen, das er am Ende erwirbt, muss er zerstören, damit es sich für ihn rentiert.

In Stefan Kimmigs Inszenierung regiert die Absurdität. Die Ranjewskaja ist von einem Liebhaber um ihr Vermögen gebracht worden und braucht dringend Geld, um ihren aufwändigen Lebensstil weiterhin finanzieren zu können. Sich mit Finanzen zu beschäftigen ist allerdings unter ihrem Niveau, und obwohl sie sich auf ihrem Gut erkennbar nicht zu Hause fühlt, lässt sie keinen Gedanken an einen Verkauf zu.

Das Bühnenbild von Katja Haß erscheint wie eine fast vergessene Erinnerung: weiße Tüllgardinen vor hohen Fenstern, Türen aus Metall mit kunstvoll eingestanztem Muster, dessen Form an Standuhren denken lässt. Die Räume sind nicht voneinander abgegrenzt, und sie sind leer, Andeutung von etwas Schönem, das es schon längst nicht mehr gibt.

Die Ranjewskaja und ihr Bruder spielen Billard, wobei der Billardtisch nur in ihrer Vorstellung existiert. Es scheint so, als könne das Vergangene durch die Imagination wieder zum Leben erweckt werden, aber die Angst vor der Rückkehr in das alte, längst überwundene Leben ist offenbar stärker als die Furcht, das Besitztum zu verlieren.

Vorn auf der Bühne stehen drei moderne Stühle, einer davon mit grellrotem Polster. Auch die Kostüme von Anja Rabes sind heutig. Die Personen auf der Bühne sind Menschen unserer Zeit. Die Melancholie und die Gemächlichkeit des 19. Jahrhunderts sind in dieser Inszenierung nicht spürbar.

Stefan Kimmig hat Nina Hoss als Ranjewskaja deutlich ins Zentrum des Geschehens gerückt.

Sie ist der Fixstern, um den alle kreisen, und sie versteht es, alle unter ihre Kontrolle zu bringen. So lässt sie durch erotische Annäherung den Studenten Trofimow (Elias Arens), der ihrer Tochter den Kopf verdreht, spüren, dass er nicht, wie er behauptet, über der Liebe steht, sondern nur ein verklemmter Weichling ist.

Trofimow ist hier ohnehin kein wirklich fanatischer Weltverbesserer, sondern eher ein schüchterner junger Mann, der mit dem Verkünden revolutionärer Ideen um Aufmerksamkeit buhlt.

Nina Hoss mit High Heels, schwarzen Leggings und übergroßem grauem Wollpullover, der immer wieder ihre nackte Schulter und einen schwarzen BH-Träger freigibt, scheint ständig unter Strom zu stehen. Sie fingert, meistens offensichtlich gedankenlos, an allen Männern herum, wirkt gehetzt und verängstigt.

Die Ranjewskaja hat das heimatliche Gut fluchtartig verlassen, nachdem ihr kleiner Sohn dort im Teich ertrunken war. Nach ihrer Rückkehr drohen die Geister der Vergangenheit sie nun zu vereinnahmen. Den Schrecken über die Erscheinung ihrer toten Mutter schiebt die Ranjewskaja scheinbar achtlos beiseite, um sich der Tagesordnung zuzuwenden, bei der sie sich ebenfalls als Meisterin der Verdrängung erweist.

Geschäftig erwägt die Gutsherrin mit ihrem Bruder Möglichkeiten, Geld aufzutreiben. Der Erfolg scheint dabei sehr viel weniger wichtig als die Betriebsamkeit, mit der die innere Unruhe überdeckt und die Realität ausgeblendet werden muss.

Christoph Franken als Gajew präsentiert sich mit beachtlicher Körperfülle im Schatten seiner Schwester. Auch wenn er offenbar ein behagliches Leben vorziehen würde, beteiligt er sich  gehorsam an den Scheinaktivitäten zur Sanierung des Familienbesitzes.

Gajew watschelt mit naiver Selbstgefälligkeit herum, ein weltfremder Sonderling, der die Geschehnisse so hinnimmt wie sie gerade kommen und für sich selbst in Allem etwas Gutes entdeckt. Schließlich findet er sogar eine Anstellung, aber, wie Lopachin überzeugend kommentiert, wird die, wegen Gajews Faulheit, wohl nicht von längerer Dauer sein.

Meike Droste überrascht als Warja. Zweifellos könnte sie diese Gestalt sehr anrührend mit der mütterlichen Fürsorglichkeit ausstatten, die gemeinhin mit Warja verbunden wird. Aber Meike Droste darf hier wieder einmal ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen. Ihre Warja ist ein derbes Kind aus dem Volk, das Getränkekisten herumschleppt und sich für Prügeleien begeistert, offensichtlich mit einer Vorliebe fürs Boxen. Sie versteht es, kraftvoll zuzuschlagen, obwohl es ihr doch sehr Leid tut, dass sie versehentlich Lopachins Kopf mit einer Flasche trifft.

Diese tatkräftige Warja wäre sicher eine großartige Frau für Lopachin, doch trotz ihres unkonventionellen Verhaltens ist es undenkbar für sie, dem zögernden Anwärter selbst einen Antrag zu machen, obwohl Lopachin den wohl nicht ablehnen würde.

Pech mit den Männern hat auch das Zimmermädchen Dunjascha (Katrin Wichmann). Für ihren Auserwählten, den Diener Jascha  (Thomas Schumacher) ist sie nur ein Abenteuer, denn Jascha strebt nach Höherem und hofft auf die dauerhafte Protektion der Gutsherrin, für die er wiederum nur ein mäßig interessantes Spielzeug zu sein scheint.

Dunjascha übergibt sich, ist vermutlich schwanger, womit die Verzweiflung verständlich wird, mit der sie Jascha an die Versprechen erinnert, die er ihr gemacht hat und mit der sie auch Lopachin umgirrt.

Die beiden komischen Figuren des Stücks, der Gutsbesitzer Pischtschik und der Buchhalter Jepichodow präsentieren ihre Absonderlichkeiten in knappen, prägnanten Auftritten. Jürgen Huth als ewig schnorrender Pischtschik, der einmal in Panik seinen verloren geglaubten Geldbeutel sucht und Harald Baumgartner als Pechvogel Jepichodow, der nicht einmal das Gleichgewicht halten kann und wie ein Baum umstürzt, erscheinen als groteske, fast unheimliche Gestalten.

Außerhalb der Zeit, von der die übrigen Beteiligten gehetzt werden, bewegen sich der alte Diener Firs und die Erzieherin Charlotta. Helmut Mooshammer als Firs mit Pelzmütze und in roten Trainingshosen schlurft kraftlos über die Bühne, fühlt sich immer noch verantwortlich für das Wohlergehen von Gajew, auch wenn er mittlerweile zu schwach ist, um seinem Herrn dienstbar zu sein. Die Gegenwart mit ihren Veränderungen berührt ihn nicht. Er lebt nur noch in seinen Erinnerungen, obwohl auch die allmählich verblassen.

Firs ist der Einzige, den die schwer erträglichen, lauten Geräusche, die mehrmals während der Vorstellung zu hören sind, nicht erschrecken. Für ihn gibt es nichts Alarmierendes mehr. Wenn er am Schluss, nachdem alle Anderen fort sind, zurückbleibt, beißt er gelassen in sein Butterbrot, während das Haus über ihm zusammenbricht.

Charlotta, das Zirkuskind (Angela Meyer) hat sich resigniert damit abgefunden, dass sie keine Familie und kein Zuhause hat. Sie lässt sich treiben, macht sich nicht all zu viele Sorgen um die Zukunft, demonstriert mit ihrem Auftritt als Zauberkünstlerin aber auch, dass sie jederzeit bereit ist, ihr erlerntes Handwerk mit Bravour auszuüben.

Natalia Belitski als Anja erscheint zunächst fast wie ein Märchenwesen, zart wie eine Elfe mit dünnem Stimmchen und so leichtfüßig, als könne sie jederzeit davonfliegen. Sie ist kindlich besorgt um ihre Mutter und schwärmerisch verliebt in Trofimow, dessen Ideen ihr jedoch fremd sind. Dieses hilflose kleine Mädchen, das von Allen umsorgt und in Unmündigkeit gehalten wird, entwickelt sich dann aber zu einer respektablen Persönlichkeit. Wenn sie am Ende verkündet, dass sie studieren wird, steht Natalia Belitski mit beiden Beinen fest auf dem Boden und lässt keinen Zweifel daran, dass Anja ihren Weg machen wird.

In Stefan Kimmigs Inszenierung mit seinem großartigen Ensemble ist „Der Kirschgarten“ zu einem Stück über Heimatlosigkeit und den Verlust, nicht nur von Geld, sondern mehr noch von Traditionen und Werten geworden, über den Untergang einer geordneten Vergangenheit, der eine chaotische Gegenwart ohne Orientierungspunkte zu folgen scheint.

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow, Deutsch von Thomas Brasch hatte am 24.02. Premiere im Deutschen Theater. Nächste Vorstellungen: 13. und 26.04.2012.

Anzeige