Eine Moskauer Immobilienfehde hat das Potenzial, die deutsch-russischen Beziehungen gewaltig zu stören

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Ein Blick über die Dächer im Zentrum von Moskau. Quelle: Pixabay, Foto: Evgeny GoTown.ru

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Eine Auseinandersetzung zwischen zwei in Aserbaidschan geborenen Immobilienmaklern – einer mit ständigem Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland und einem in der Russischen Föderation lebenden – droht zu einer neuen Quelle der Auseinandersetzung in den Zick-Zack- oder besser Auf- und Ab-Beziehungen beider Staaten zu werden.

In aktuellen Fall geht es um Vorwürfe, dass der in Moskau lebende Milliardär God Nisanov Hunderte von Millionen Dollar illegal von dem in Deutschland lebenden Ilgar Gajiyev in der russischen Hauptstadt beschlagnahmt habe.

Ein anderer in Deutschland ansässiger Aserbaidschaner, Ziya Gaziyev, wurde Teil des Streits, als er 80 Prozent der SDI-Gruppe von Gajiyev, dem auf Russland fokussierten Immobilienentwickler, dessen Vermögenswerte Nisanov beschlagnahmte, übernahm. Gajiyev und Gaziyev sind langjährige Geschäftspartner.

Gajiyev ist keineswegs das einzige Opfer der Moskauer Immobilienfehde. Mehr als 1.000 russische Familien gaben Geld für Wohnungen aus, die in drei Komplexen in Moskau verbaut wurden.

Nachdem Nisanov die Liegenschaften beschlagnahmt hatte und Millionen von Anzahlungen von den Konten der SDI Group überwiesen wurden, bestreitet Gajiyev in Gerichtsakten, die er in Russland eingereicht hatte, um die Komplexe zurückzubekommen.

Die russische Regierung hat sich aus der Pattsituation herausgehalten. Dann, wie bei einem schlagartigen Überfall, tauchte die russische Bundespolizei in Moskau überall dort, wo die Nisanovs Familie involviert ist, auf, um den Vorwurf der Steuerhinterziehung und Geldwäsche zu untersuchen.

Nisanovs schlechter Ruf holte ihn vor nicht allzu langer Zeit ein, als sich die israelische Einwanderung weigerte, ihn in das Land zu lassen, um an der Hochzeit des Sohnes des ehemaligen israelischen Kabinettsmitglieds Avigdor Lieberman teilzunehmen. Der in der Sowjetunion geborene Lieberman ist der Vorsitzende der Partei Jisra’el Beitenu (deutsch „Unser Zuhause Israel“), die bei der letzten Wahl im September 2019 acht Sitze in der Knesset gewann und als ein wichtiges Zünglein an der Waage zwischen Likud und Blau-Weiß gilt.

Zurück zu Gajiyev und Gaziyev, die offenbar nicht vor ein Gericht in Russland gehen wollen, um zu versuchen, ihr Eigentum in Moskau zurückzubekommen, sondern derweil mit der Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) und einzelnen Bundestagsabgeordneten über die Situation sprechen. Sie hoffen, dass ihre Position als in Wirtschafts- und Immobilienkreisen bekannte Bewohner der Bundesrepublik die Parlamentarier dazu bewegen, in ihrem Namen aktiv zu werden, wie Gaziyev sagte, die einst Assistentin der Bundestagsabgeordneten Petra Merkel (SPD) war.

„Ich wäre in Russland geblieben, um die Beschlagnahme zu bekämpfen“, sagte Gajiyev, der 50 Millionen Dollar seines eigenen Geldes in die Komplexe gepumpt hat, „aber ich bekam Morddrohungen“. Jetzt verbringt er seine Arbeitszeit mit der Führung seiner Geschäfte in Deutschland und der Schweiz.

Wenn der Immobilienstreit zu einem internationalen Zwischenfall eskaliert, könnten die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland Schaden nehmen. Diese Beziehungen haben sich sichtlich verbessert, als die Merkel-Regierung sich weigerte, den Forderungen der USA nach einem Stopp des Pipelineprojekt Nord Stream 2 nachzukommen. Die Deutschen wollen sich mit der Ostsee-Pipelines einen vertraglichen Zugang zu russischen Gasvorkommen und somit mehrere strategische Vorteile sichern. Der Bau von zwei weiteren Röhren wird unter der Bezeichnung Nord Stream 2 gegen den Willen vor allem von US-Amerikanern fortgesetzt.

Die Beschlagnahme von Gaziyevs und Haliyevs Moskauer Eigentum mutet wie eine Geschichte aus dem Wilden Westen an. Die Vorgeschichte begann 2018, als sich Nisanov das Grundstück für drei Hochhauskomplexe sicherte und Haliyev mit dem Bau begann.

Ende 2018 verlangte Nisanov von Haliyev, die von ihm errichteten Wohnhochhäuser in lukrativere Gewerbeimmobilien umzuwandeln, worüber in der russischen Zeitung „Novaya Gazeta“ berichtet wurde.

Haliyev lehnte ab und stellte fest, dass Hunderte von Familien bereits Wohnungskaufverträge unterzeichnet hatten.

Der Wendepunkt in der Fehde kam Mitte Januar 2019, als eine Gruppe stämmiger Männer auf die Wohnanlagen zustürmte und die Kontrolle über sie übernahm. Betroffen waren die Wohnanlage VernadSKY am Vernadsky Prospekt, die Pirogovskaya Riviera im Moskauer Bezirk Mytischtschi und der Akkord Smart Kvartal im Odintsovo Bezirk.

Am 24. Januar 2019 marschierte eine weitere Gruppe von Angreifern in das Büro der SDI-Gruppe am Kutuzovsky Prospekt im Zentrum von Moskau ein und verlangte die Herausgabe sämtlicher Schlüssel für das Gebäude. Einige Angreifer trugen normale, neutrale Kleidung, aber manche trugen Uniformen der Vityaz-Sicherheitsfirma, die, da schließt sich der Kreis, einige von Nisanovs Besitztümern bewacht und von dessen Vertrauten Maksim Kotov geführt wird.

Zudem erhielt Gajiyev eine Reihe von Morddrohungen, die ihn dazu bewegten, nach Deutschland zu fliehen.

Über Nacht entpuppte sich ein Geschäftspartner zum Rivalen, der einen beträchtlichen Teil von Haliyevs Vermögen enteignete, wie es in „Novaya Gazeta“ heißt. Zur Räuberpistole kam von Nisanov kein Kommentar.

Der Verlust von drei erstklassigen Immobilienprojekten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion war ein seltener, aber verheerender Rückschlag für Haliyev, dessen Lebensgeschichte, die aus Lumpen ins feine Garn der Reichen führt, längst legendär ist.

Gajiyev verließ seine Heimat mit 15 Jahren, um in den späten 1980er Jahren, in der Dämmerung der Sowjetunion, sein Glück in Russland zu suchen.

Eines Tages bemerkte er eine Schar heißer, verschwitzter Arbeiter, die nach ihrer Schicht eine Fabrik verließen.

„Was ist das erste, was ein müder Arbeiter nach einem langen Arbeitstag will?“, fragte er sich. Die Antwort war Bier. Sie konnten ihren Durst aus Flaschen löschen, die sie auf dem Heimweg abgeholt hatten, aber warum warten?

Gajiyev kaufte kistenweise Bier, um dieses vor gleich mehreren Fabriken an die Arbeiter zu verkaufen. Auf diese Weise verdiente er eine Million Dollar, bevor er 19 Jahre alt war, und spezialisierte sich dann auf Sportartikel und andere Einzelhandelsgeschäfte.

Als Gajiyev Ende 20 war, ging er zurück nach Aserbaidschan und gründete dort sein erstes Milliarden-Dollar-Unternehmen: die Akkord-Baufirma. In Aserbaidschan wurden dringend benötigte Verkehrsprojekte wie Straßen, Brücken und Flughäfen gebaut, aber auch in Kasachstan, Usbekistan, Georgien und später in ganz Osteuropa und sogar in Nigeria.

In einem Zeitraum von zwei Jahren startete Gajiyev jeden Monat ein neues großes Infrastrukturprojekt und brachte im Handel Waren und Wandel in den Ländern, in denen er aktiv war. Dass Präsident Ilham Aliyev bei Einweihungen, Eröffnungen und sonstigen Zeremonien dabei war, das wude als Ausdruck der wirtschaftlich und politischen Bedeutung, die auch Gajiyev in breiten Bevölkerungsschichten immer bekannter machte.

Der Erfolg der Baufirma Akkord veranlasste Gajiyev, 2012 als Leiter seines neuen Immobilien- und Geschäftsentwicklungsunternehmens SDI Group nach Russland zurückzukehren. Obwohl er es ausdrücklich gegründet hat, um den russischen Markt zu erschließen, hat es sich in Projekte in Zentralasien, im Kaukasus und im Nahen Osten verzweigt. Drei Jahre später übersiedelte er nach Deutschland, um Projekte in Westeuropa zu entwickeln.

Gajiyev lernte dabei Nisanov, der zu einem Mächtigen und Milliardär in der Entwicklung von Immobilienen und im Einzelhandel in Russland geworden war, kennen und schloss sich mit ihm zusammen.

Die Partnerschaft dürfte für beide gut und gewinnbringend gewesen sein, bis sie sich 2018 über die von Gajiyev gebauten Immobilienkomplexe in Moskau zerstritten.

Gajiyev ist alles andere als mittellos, da weiterhin Geld von verschiedenen Unternehmen aus einer Reihe von Ländern auf seinen Konten eingehen, doch 50 Millionen US-Dollar, die in den Immobilienkomplexen stecken sollen, sind auch für ihn kein Pappenstiel.

Als Gajiyev im Frühjahr 2019 daran arbeitete, seine Moskauer Investition zurückzugewinnen und in die russische Geschäftswelt zurückzukehren, gab ihm sein in Berlin ansässiger Partner Gaziyev durch den Kauf von 80 Prozent der SDI Group einen Vertrauensschub.

Gaziyev sagte, Gajiyev habe zugestimmt, ihm vor dem Streit mit Nisanov eine Mehrheitsbeteiligung an SDI zu verkaufen. „Ich entschied, dass ich in einer so schwierigen Zeit keinen alten Freund im Stich lassen würde“, sagte Gaziyev.

Angesichts des boomenden Immobiliensektors in Moskau, St. Petersburg und anderen großen russischen Städten dürfte das Land in den kommenden Jahren ein großartiger Immobilieninvestitionsmarkt sein, fügte er hinzu.

Gajiyev hofft weiterhin, dass der Streit mit Nisanov beigelegt wird, entweder durch Verhandlungen mit seinem früheren Partner, durch rechtliche Schritte oder durch ein Eingreifen deutscher Repräsentanten bei der russische Regierung.

Zusätzlich zu den Auswirkungen auf sein eigenes Geschäft, sagte Gajiyev, mache er sich Sorgen über die ungelöste Auseinandersetzung mit Hunderten von weiteren Opfern. „Viele Leute, die für mich arbeiteten – und Steuern an die russische Regierung zahlten – könnten ihre Jobs verlieren“, sagte er. „Und was ist mit den mehr als 1.000 Familien, die SDI Group Anzahlungen für Wohnungen geleistet haben? Werden sie ihr Geld zurückbekommen oder jemals ihre Häuser sehen?“

Die neuesten Berichte, die er aus Moskau erhalten hat, besagen, dass der Bau aller drei Komplexe zum Stillstand gekommen ist.

„Niemand versteht, was als nächstes passieren wird“, sagte Gajiyev. „Wir hoffen sehr, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzt, und wir zu unserer Arbeit in Moskau zurückkehren können.“

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