Ein lebendiger Standort im Gesamtkunstwerk Dresden – Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz legen das Buch »Kulturpalast Dresden» vor

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Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz,
Das Buch "Kulturpalast Dresden" von Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz. © Jovis

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Eine glückliche Hand bewies die Stadt Dresden, als sie 2009 die Architekten von Gerkan, Marg und Partner mit dem Projekt des Umbaus des Kulturpalasts Dresden beauftragte. Kern des Vorhabens war der Einbau eines neuen Konzertsaals, der selbstverständlich höchsten akustischen Ansprüchen gerecht werden musste. Zum Projekt, zu seiner Ausführung und zu seiner Ausstrahlung ziehen Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz in dem Buch »Kulturpalast Dresden» eine Bilanz.

Aus städtebaulicher Sicht weisen die Autoren auf zwei Merkmale hin, die für die Stadt Dresden konstituierend sind. Einerseits ist Dresden im 18. Jahrhundert zu einem barocken Gesamtkunstwerk ausgebaut worden. Andererseits wurde beim Wiederaufbau der Stadt von großmaßstäblichen architektonischen und städtebaulichen Projekten der DDR-Moderne ausgegangen, die trotz geschichtsverfälschender Eingriffe und Abrisse nach 1990 sichtbare Spuren im Stadtbild hinterließen. Meinhard von Gerkan, der geniale Architekt des Flughafens Tegel, bekennt sich zu seiner bereits 1990 entwickelten Idee des Gesamtkunstwerks Dresden und stellt nicht ohne Genugtuung fest, dass die Stadt einer populistischen Strömung widerstanden hat, die die Zeugnisse einer 40jährigen Epoche tilgen wollte. Als ein solches Zeugnis musste der Kulturpalast unbedingt erhalten werden.

Ikone der Ostmoderne

Auch der Architekturkritiker Falk Jaeger stellt fest, der Kulturpalast als architektonisch runderneuerte Ikone der Ostmoderne beweise, dass die Errungenschaften der DDR-Architektur durch die vom Westen dominierte Nachwendearchitektur nicht entwertet werden können. Deshalb war Bedingung, den Kulturpalast nach dem Umbau nahezu unverändert im Stadtbild erscheinen zu lassen. Den Architekten musste das Kunststück gelingen, in einem selten eng gesteckten baulichen Rahmen einen Konzertsaal von internationalem Rang, ein Kabaretttheater und eine Bibliothek zu implantieren – für von Gerkan eine geradezu undankbare Aufgabe, doch eine, die seinen Ehrgeiz weckte, denn er versteht Architektur als Kunst in sozialer Bindung und Anwendung. Und gerade der Kulturpalast war seit einem halben Jahrhundert eine fest etablierte Größe im Stadtbild, wohltuend zurückhaltend, ohne Trend zum Sensationellen. Jaeger sagt treffend: Wo man normalerweise das Rathaus erwartet, am Altmarkt, erblickt man, wie aus dem Ei gepellt, den eleganten Bau der DDR-Moderne, in den es den Besucher geradezu hineinzieht.

Für und Wider des neuen Konzertsaales

Jaeger beschreibt ausführlich die Probleme der unumgänglichen Sanierung des Gebäudes nach 40jährigem Betrieb, die zugleich Grundsatzfragen aufwarf, zum Beispiel, ob der alte Mehrzwecksaal durch einen völlig anders gestalteten Konzertsaal ersetzt werden durfte. Anhänger der Ostmoderne forderten seine unveränderte Erhaltung, der Architekt Wolfgang Hänsch pochte auf sein Urheberrecht, was, wie Jaeger schreibt, im Falle seiner Durchsetzung auf einen Schildbürgerstreich hinausgelaufen wäre, denn der vernutzte Saal hätte vollständig abgerissen und originalgetreu wieder aufgebaut werden müssen. Eine noch größere Gefahr entstand durch Forderungen nach dem Abriss des Kulturpalasts überhaupt oder durch die vom Architekten Hans Kollhoff vorgeschlagene, historistische Umkleidung des Bauwerks und die Implantierung von Ladenstraßen wie in den landläufigen Konsumtempeln – quasi eine Kampfansage an die Baukultur der DDR. Schließlich setzte sich die Vernunft durch, auch weil der Stadtrat den Nutzen des Gebäudes durch den Einbau des Konzertsaals, des Kabaretttheaters und der Städtischen Bibliothek erhöhen wollte. Nicht unwichtig für die Entscheidung war auch die Verankerung des Kulturpalasts im Bewusstsein der Dresdner Bevölkerung.

Jaeger diskutiert ferner die Frage, ob der Saal und das ihn umgebende Bauwerk eine untrennbare strukturelle, raumlogische, funktionale und künstlerische Einheit gewesen waren, sodass die Herausnahme des alten Saales das Baudenkmal unakzeptabel zerstört hätte. Mit seinem Kippparkett besaß der Saal durchaus ein Alleinstellungsmerkmal, aber die starre Sitzordnung und der Verzicht auf gebogene Formen hatten Kompromisse gefordert, die die Harmonie des Raumes störten und die vor allem akustisch unverträglich waren. Zu diesem Schluss kam auch das Landgericht Leipzig und wies die Klage Wolfgang Hänschs ab.
Der Denkmalschutz jedoch wurde gewahrt. Viele geschützte Elemente der Innenausstattung konnten erhalten oder wiederhergestellt werden – zweifellos ein künstlerisch-architektonischer Erfolg. Allerdings wirken die mit Sicherheitsglas beplankten Treppengeländer überdimensioniert. Das an der Westseite des Gebäudes gelegene, 315 Quadratmeter große Mosaik »Der Weg der roten Fahne» von Gerhard Bondzin hatte seine Feinde, doch obsiegte die Überzeugung, das Kunstwerk als Zeitzeugnis erhalten zu müssen.

Im Mittelpunkt des Projekts standen der Bau des Konzertsaals und die Gewährleistung einer exzellenten Akustik. In die Beurteilung der von Berechnungen und Messungen geprägten Gestaltung bringt Jaeger eine interessante Note ein, nämlich, dass die Böden, Wandverkleidungen und warmrot bespannten Sitze eine wohnliche Atmosphäre erzeugen, die Einfluss auf das Hörempfinden haben und zum sprichwörtlich »warmen Dresdner Klang« der Dresdner Philharmonie beitragen.

Dresden als Gesamtkunstwerk

Im Vergleich mit anderen neuen Konzertsälen in der Berliner Philharmonie, im Gewandhaus Leipzig und in der Elbphilharmonie Hamburg wertet Jaeger den Dresdner Konzertsaal als auf höchster Ebene konkurrenzfähig. Die Ganztagsnutzung des Kulturpalasts mache ihn mehr als je zuvor zum lebendigen Kulturstandort. Die »architektonisch runderneuerte Ikone der Ostmoderne» sei eine Genugtuung »für all jene, die die Errungenschaften der DDR-Architektur durch die vom Westen dominierte Nachwendearchitektur entwertet sehen«. Das mag die Verantwortlichen der Stadt darin bestärken, die von den Autoren der Ausstellung »Kulturpalast Dresden» des Stadtmuseums Dresden im vergangenen Jahr aufgeworfene Frage, einen Konsens in der Wertung der DDR-Moderne zu suchen, zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion im Rahmen eines Symposiums zu machen. Die von Meinhard von Gerkan geprägte These von Dresden als Gesamtkunstwerk könnte wegen der Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas 2025 in dem Sinne diskutiert werden, wie die Stadt städtebaulich und architektonisch weiterentwickelt werden kann, wobei auch der Wohnungsbau als soziales Grundproblem zu erörtern sein wird.

Der Innenausbau des Kulturpalasts forderte und schuf Neuerungen, denn die Implantierung eines Konzertsaals in eine bestehende Bauhülle verlangt Phantasie, genaueste Planung und die Fähigkeit zur Improvisation. Zum Beispiel wurden die Koordinaten der Unterkonstruktion, der Wände und Deckenpanele ohne Fertigungszeichnungen auf Basis von 3D-Daten von einem Vermesser direkt auf die Baustelle übertragen.

Leider berichten die Herausgeber nicht über die Planung und Gestaltung der von der Firma Eule, Bautzen, geschaffenen Konzertorgel mit ihren 67 Registern und 4000 Pfeifen, die zu 80 Prozent aus Spenden finanziert wurden – eine Glanzleistung des Fördervereins der Dresdner Philharmonie.

Eine wichtige Bedingung des Umbaus waren verbesserte Arbeitsbedingungen der Musiker der Dresdner Philharmonie und der Gastorchester. Im Sinne des von von Gerkan verfolgten Prinzips des »dialogischen Entwerfens» wurden die Grundrisse der Stimmzimmer, Garderoben und Depots vom Projektleiter Christian Hellmund mit dem Orchester in intensiven Diskussionen abgestimmt. Vom Ergebnis zeigt sich der Orchestervorstand höchst zufrieden, was auch den Konzertsaal als Arbeitsort selbst betrifft. Doch was fehlt, ist eine Kantine wie in der neuen Staatsoperette Dresden oder wie in der Berliner Philharmonie, Orte, die sowohl für Betriebsessen und Pausenverpflegung als auch als Treffpunkt der Künstler gebraucht werden. Das ist angesichts der engen Zusammenarbeit bei der Planung mehr als verwunderlich. Eine Lösung werde gesucht, beteuern die Intendantin Frauke Roth und der Orchestervorstand. Doch auch die Projektanten sollten sich angesprochen fühlen.

Ein Wort kompetenter Leute

Das Buch enthält Grundrisse der einzelnen Etagen, die zum Beispiel zeigen, wie die Bibliothek in den oberen Geschossen die Kuppel des Konzertsaals passgenau umschließt. Ganz am Schluss prangt auf einer Doppelseite ein Foto von der Restaurierung des Mosaiks »Der Weg der roten Fahne» – ein erneutes Bekenntnis zu der Entscheidung, die »Zeugnisse einer immerhin 40 Jahre andauernden geschichtlichen Epoche» zu erhalten, wie Meinhard von Gerkan schreibt. Die Autoren versäumen nicht zu erwähnen, dass unter den 70 abgebildeten Personen auch Walter Ulbricht zu sehen ist, ein bedeutender Kopf jener Epoche, maßgeblich beteiligt an den Entscheidungen über den Bau des Kulturpalasts, welcher zum Prototypen des Palastes der Republik in Berlin wurde. Dieses Buch ist, ja, ein Wort kompetenter Leute im unaufhörlichen Denkprozess zu einem gerechten Urteil der Geschichte. Und es treffen sich Ideen. Einen interessanten Vorschlag brachte Hans Modrow, Ministerpräsident a.D., auf dem Parteitag der LINKEN im Juni diesen Jahres in Leipzig ein: Ein »Linkes Zukunftsprogramm Ost» auszuarbeiten. Das würde Stadtgestaltung, Wohnungsbau, die Erhaltung und Ansiedlung von Arbeitsplätzen sowie die Erhaltung von Theatern, Orchestern, Kulturhäusern, Museen und Bibliotheken einschließen. Den Autoren des vorliegenden Buches könnte dazu einiges einfallen.

Bibliographische Angaben

Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz (Herausgeber), Kulturpalast Dresden, Fotografien von Christian Gahl, 103 Seiten, 35 farbliche und 23 s/w Abbildungen, Deutsch/Englisch, Hardcover, Format: 19 x 29,2 cm, Jovis Verlag, Berlin Januar 2018, ISBN: 978-3-86859-484-3, Preis: 20,80 EUR

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