Ein Heidenspaß mit Wolf Haas – „Brenner und der Liebe Gott“ treten in der Lesung des Autors im Frankfurter Schauspielhaus auf

Wolf Haas

Wie angenehm. Keine warmen Worte zu Beginn und auch keine zum Abschied. Der Tisch mit dem obligaten Wasserglas steht vor uns auf der sonst leeren Bühne. Wolf Haas, inzwischen im 50sten Lebensjahr, spurtet zum Tisch, setzt sich, schlägt das Buch auf und beginnt: „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn Du einmal stirbst, muß man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. Weil heute bin ich die Ruhe in Person. Und müßte schon etwas Besonderes passieren, daß ich mich noch einmal aufrege. Die Zeiten sind vorbei, wo mich alles gleich aus der Fassung gebracht hat”¦Ich persönlich schau heute lieber auf die positiven Seiten des Lebens.“

Später begründet Haas denen, die das nicht wußten, warum er mit dem siebten Brennerroman so angefangen hat, ja anfangen mußte. Denn der ominöse Erzähler, der alle sechs bisherigen Brennerromane im Ton begleitet hatte, der war doch nach dem sechsten im Jahr 2003 definitiv tot, deshalb hatte dem Wolf Haas ja ein jeder geglaubt, daß es nun ein Ende habe mit den Geschichten von und um den Brenner, was jedem leid tat, der sie gelesen hatte, denn die Brennerromane haben ein deutliches Suchtpotential. Aber tot ist tot, dachten alle, weil sie die Weisheit der Großmutter außer acht gelassen hatten, daß einer erst richtig tot ist, wenn dessen Maul extra erschlagen wurde, was beim Erzähler des Brenners unterlassen wurde, weshalb er zwar tot bleibt, aber sein Maul uns nun die siebte Brennergeschichte erzählt, eben „Der Brenner und der Liebe Gott“ . Und weil ihm das gar so gut gelungen ist, gehören wir zu denen, die heute schon fordern: „Wir wollen einen achten, einen neunten, einen zehnten Brenner. Warum nicht jedes Jahr einen neuen, Herr Wolf Haas?“

Der einzige Grund, der dagegen spräche, wäre tatsächlich, daß es auch taugt, diesen talentierten Vorleser und Emailerzähler monatelang durch die deutschsprachigen Länder zu schicken, denn seine Lesungen sind kongenial zu seinem Schreiben, zumindest, wenn das so abgeht, wie an diesem Abend im Frankfurter Schauspielhaus, wo ein sehr junges Publikum erstaunte, mit einigen Weißköpfen, wie es sich gehört. Wir hatten unser Exemplar aus dem Hoffmann und Campe Verlag mitgebracht und staunten nun, daß er tatsächlich das ganze erste Kapitel liest, nur kurz etwas überspringt. Er liest im Sprachduktus wie man spricht, und das Lebendige der Sprachsprache kommt bei der österreichischen Aussprache erst recht zur Geltung.

Das Wichtigste und Witzigste an dieser Lesung war allerdings das, was er außerhalb der eigentlichen Lesung brachte. Und wenn man die Grundsatzfrage stellt, warum man auf Lesungen geht – um von einem Buch zu erfahren, einen Schriftsteller kennen zu lernen, seine Sprache auch akustisch zu hören – , so kommt an diesem Abend eine Erkenntnis dazu: um von dem Autor über seine Emailkontakte zu hören und das, was er im Internet, hier der Online-Ausgabe des Standard über sich selber und sein Buch erfährt. Viel mehr, als er wissen wollte, aber dem Publikum wird nicht zuviel, was es nun aus dem Haasmund darüber hört. Wir haben das zwar mitgeschrieben, verweisen aber auf die Originale, wo sich die Leser gegenseitig sekkieren und keine Ruhe geben, um ihn, d.h. den neuen Brenner auseinanderzunehmen.

Schon witzig, wie sich die Leute um den Autor sorgen, ob ihm sein literarischer Erfolg, den er 2006 mit „Das Wetter vor 15 Jahren“ hatte, der in die Zwanzigerliste zum Deutschen Buchpreis aufgenommen wurde, auch genug Zaster einbrachte, so daß er sich es jetzt sogar leisten könnte, Gedichte zu schreiben. Allein die Phantasienamen der Schreiber haben es in sich, wobei „Daslebenistschwerunddannstirbtman“ schon den Vogel abschloß, ansonsten sich ein Hauen und Stechen entfaltete, was die Lesequalitäten des Autors beim Vorlesen seiner eigenen Werke angeht. Vom Jubeln, wozu wir uns zählen täten, bis zum Todesstoß für den vorlesenden Autor: „Die Art zu lesen, vernichtet den Inhalt.“

Wie gut, daß Wolf Haas in diesem Sinne weiterlas. Es folgte das zweite Kapitel von Seite 16 an, aber jetzt ging es holterdipolter/holterdiepolter, Sätze entfielen wie ganze Absätze bis zum 3. Kapitel. Verstanden hat man trotzdem die Handlung, die Haas auch nach der Pause weiterführte, denn er war ja immer noch am Anfang. Wichtig waren die zusätzlichen Erklärungen, denn im Ernst, so hinreißend Haas seinen eigenen Text liest, sind die Aha-Erlebnisse dennoch die Informationen, die er nebenbei einstreut. Das stimmt nämlich, daß erst in diesem siebten Roman der Brenner mit Namen im Titel auftaucht und dann gleich vergöttlicht mit dem Lieben Gott persönlich als Duo, was auch deshalb komisch ist, weil der Brenner ja lange nicht auftaucht nur sein Vorname als Herr Simon als Nachname daherkommt, was Haas damit begründet, daß der Liebe Gott ja auch keinen Vornamen trüge.

Von der „Wiederkehr des Verdrängten“ sprach Wolf Haas beim neuen Brenner und das ist nicht zu kurz gegriffen, denn im Roman kommt pausenlos Verdrängtes nach oben. Nur in der Jauchegrube, da liegt er unten der Liebe Gott. Aber so weit wollten wir jetzt nicht gehen, denn davon las der Haas, Wolf nichts vor. Zwangsläufig hätte er die Handlung des Romans skizzieren müssen, aber er sagt nur welche Fehler der Herr Simon macht, als das anvertraute Kind verschwunden ist und er nicht die Polizei ruft und nun selbst recherchieren muß. Zur Handlung des Romans, damit die Hörer einen Zusammenhang begreifen können, schweigt er. Aber der Autor macht etwas viel Besseren: er zitiert eine Webseite, wo hilflose Schüler einander fragen, wer eine Inhaltsangabe zuschicken könne, wobei sich die Schüler ihre Bitten von einander abschreiben, sprich rauskopieren, denn die für Schüler ziemlich untypische Redewendung „Bitte könnt Ihr sie mir per Mail schicken?“, wiederholt sich stereotypisch.

Das ist ein rechter Spaß, insbesondere, wie Haas das vorliest und weitersagt, daß er dies aus dem Internet kopiert habe und als eigenen Artikel veröffentlicht habe, für den er auch noch Geld bekam. Uns stört das nicht, schon eher, daß Haas diese Einträge enden läßt mit: „Ich habe eine Inhaltsangabe, die ist zwar ein bißchen lang. Aber”¦und einem P.S. So ein Scheißbuch“. Nein, das finden wir ganz und gar nicht. Der siebte Roman von und um Simon Brenner handelt zwar auch von Scheiße, aber er ist reines Gold. Und Autor Wolf Haas sein güldener Vorleser. Ach was, kaufen Sie sich das Buch endlich selber. Denn wir haben nun schon so viele Lobgesänge auf einen Roman angestimmt, daß uns unsere eigenen Stimmen verfolgen, was Sie unter Info nachlesen können.

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Info: Wir hatten bei seiner Plazierung auf Platz 1 der KrimiWeltBestenliste von uns gegeben: „Also hat Gott doch ein Einsehen mit diesem herrlichen Stück Literatur im Namen des lieben Gottes und, wenn es schon die Jury des Deutschen Literaturpreises verschmäht, dann ist doch die Jury des KrimiWeltBestenliste auf der Höhe der Literatur und verleiht „Der Brenner und der liebe Gott“ den ersten Krimiplatz für den Buchmessenmonat Oktober. Wir hielten die Plazierung für verloren, weil – auch wenn der Roman offiziell ein Kriminalroman ist – hier in einer Art über das Leben und wie man leben sollt und wie besser nicht, räsoniert wird, daß man dem Geplauder des Brenner, das in seinem Kopf stattfindet, ewig zuhören könnt, auch wenn man froh ist, ihn nicht riechen zu müssen, nach all den Vorkommnissen in der Senkgrube. Warum die zu erwähnen so wichtig ist, hat mit dem Titel vom lieben Gott zu tun, den trifft der Brenner dort unten nämlich. Fast. Die Kunstfigur von Wolf Haas, der diese schon einmal hat sterben lassen, aber Kunst ist eben Kunst und kann auch Tote zum Leben wiedererwecken – und wir ahnen, dann leben sie auch noch länger und noch besser, gut so, Wolf Haas: Wir sind schon gespannt auf Brenner Nummer 8 – ist der reinste Philosoph. Was der da alles erlebt und vor allem nicht erlebt, aber zu allem seine Kommentare hat, ist ein intellektuelles Vergnügen, und ein sprachliches auch.

„In der Tat ist dieser Kriminalroman einer aus aneinandergereihten Lebensfragen, die oft mehr Antworten geben, als wir überhaupt Fragen hatten, was dazu führt, daß man noch mal von vorne liest und immer tiefer, wenn schon nicht in die Jauchegrube des Schufts, so doch in die Gehirngänge des Brenner gerät, der mehr noch als ein von den Toten wiederauferstandener Detektiv ein Alltagsphilosoph ist, der sich keiner speziellen Lehre verpflichtet glaubt, wenngleich er von sich denkt, er sei ein Hedonist, und doch die Sadomasomasche für sich persönlich durchzieht, immer wieder in das tritt, was doch eigentlich in der Senkgrube liegen sollte und dort auch besser aufgehoben wäre, als unter seinen Schuhen. Dabei befindet sich in der Grube noch so manches und nachdem man beim Lesen denkt, daß die verwirrenden Verhältnisse nie aufzuklären sind, hat, ohne daß wir’s merkten, der Brenner schon eins und eins zusammengezählt und alle Trümpfe in der Hand. Ja, beim lieben Gott!“

Und hatten ein andermal formuliert: „Nein, das wird uns überhaupt nicht zuviel, nach alle den Lobsprüchen unsererseits – beim Deutschen Buchpreis, in der KrimiWelt und bei jeder anderen sich bietenden Gelegenheit – über die Kunstfigur Brenner des Österreichers Wolf Haas weiter zu schreiben, so sehr freuen wir uns und finden es aber auch angemessen, daß sein Kriminalroman „Der Brenner und der liebe Gott“ bei Hoffmann und Campe erneut ganz vorne liegt. Warum uns das so freut, hat auch damit zu tun, daß dieser Krimi auch ein starkes Stück Literatur ist, so daß die Scheidung von Gebrauchsliteratur und echter hehrer Kunst hier einfach aufgehoben ist. Und auf der Buchmesse 2009, wo man Wolf Haas erleben konnte”¦“

Wolf Haas, Der Brenner und der Liebe Gott, Hoffmann und Campe, 2009

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