Ein Fest für Peter Weiss – „Marat/Sade“ begeistert im Deutschen Theater

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Quelle: Pixabay, gemeinfrei

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers, Dramatikers und Malers Peter Weiss präsentiert das Deutsche Theater einen hintergründigen Spaß der Extraklasse: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Der lange Titel des 1964 am Schiller-Theater Berlin uraufgeführten Schauspiels entspricht der Vorliebe für ausufernde Stückbenennungen in den 1960er Jahren. Stefan Puchers Inszenierung ist verkürzt als „Marat/Sade“ betitelt und offenbart, dass Peter Weiss’ vor mehr als 50 Jahren gefeierte Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution auch heute noch den Nerv der Zeit trifft.

Schauplatz ist bei Stefan Pucher nicht die Irrenanstalt Charenton, in der Sade die letzten 13 Jahre seines Lebens verbrachte, sondern eine Schaubude. Zweifellos eine gute Wahl, denn die hölzerne Sprache des Stücks und die Knittelverse mit unreinen Reimen schreien geradezu nach Jahrmarkt und Grand Guignol. Folglich agieren auch keine Irren, sondern SchauspielerInnen, die mit eben den Macken behaftet sind, die Peter Weiss seinem Personal zuschrieb.

Barbara Ehnes hat diese Jahrmarktsbude auf die Bühne gestellt, ein Etablissement, das mit Gespenster- und Geistererscheinungen lockt, Horror und Abnormitäten verspricht und auf dem oben der Name Marquis de Sade prangt.

Im Inneren des Gebäudes steigen, über die gesamte Bühnenbreite, hölzerne Stufen auf, die unterschiedliche Spielebenen bieten. Weit oben steht die geschwungene Badewanne, in der Marat die schmerzhaften Auswirkungen seiner Hautkrankheit zu lindern versucht. Noch höher ist zeitweilig eine Guillotine installiert. Dort werden, ohne dass die Bühnenhandlung unterbrochen würde, wie am Fließband lebensgroße Gestalten unters Fallbeil geschoben. Die abgetrennten Köpfe werden an den Haaren hochgehalten, auf Pfähle gespießt und ausgestellt.

Im Unterschied zu der anscheinend leicht von der Hand gehenden, fast tänzerisch ausgeführten Arbeit an der Tötungsmaschine zeigt ein Video das von Charlotte Corday beschriebene Elend in Paris, und den Marquis de Sade, der sich angesichts der realen Grausamkeiten übergeben muss.

Die AkteurInnen treten abwechselnd in originaler Größe oder verkleinert als Puppen auf. Es sind nur Puppenkörper, aus denen die Köpfe und Arme der Darstellenden herausragen, die, auf den Knien rutschend, die Puppenbeine in Bewegung setzen. Marat trippelt an die Rampe und lässt unter seinem offenen Hemd seine entzündete Brust sehen. Meistens sitzt er in der Badewanne mit über den Rand baumelnden Puppenbeinen.

Menschen wie Puppen sind von Annabelle Witt mit historischen Kostümen ausgestattet und arrangieren sich zu lustvoll anzuschauenden Bildern, grandios ausgeleuchtet von Matthias Vogel. Die Bilder verfließen ineinander in der temporeichen Inszenierung, und auch die dezente Livemusik von Chikara Aostina und Michael Mühlhaus treibt die Handlung voran und verweist auf Action und Sensationen.

Lautstark gebärdet sich der Chor. Die zehn Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch liefern in Sprache und Bewegung eine hervorragende Ensemblearbeit. Mit ihren einheitlichen Perücken und dunklen Anzügen sehen sie aus wie die Beatles. Ihre Münder jedoch sind blutrot überschminkt, und mit grimmigen Gesichtern skandieren sie: „Wir sind das Volk“. Sie bellen ihre Forderungen heraus, die in dem Ruf nach einem „Chef in der Krise“ gipfeln, einem starken Mann an der Spitze der Regierung.

Das ist nicht besorgtes Bürgertum. Das sind bedrohliche und beängstigende FanatikerInnen. Sade spricht über Leute, die Revolutionen als Allheilmittel gegen persönliches Missgeschick, wie angebranntes Essen, herbei wünschen.

Felix Goeser als Marquis de Sade ist eher ein Berserker als ein aristokratischer Zyniker. In seinen cholerischen Ausbrüchen verlieren sich einige der geistreichen Bemerkungen des Individualisten und Menschenverächters. Die Schaubude ist eben nicht der Ort für Finessen und bedient sich stärkerer Akzente.

Die setzt ebenfalls Katrin Wichmann als Charlotte Corday. Sie lässt ihr Püppchen recht unkeusch mit den Hüften wedeln, fällt zwar, wie im Text vorgesehen, mehrfach in Schlaf, ist dann aber hellwach und gibt sich als handfeste junge Frau, eher eine aufmüpfige Rebellin als eine erleuchtete Somnambule.

Daniel Hoevels als Marat leidet diskret in seiner Badewanne, ein großer Dulder für die Idee der Gleichheit aller Menschen, aber auch einer, der das massenhafte Abschlachten auf dem Weg zur Befreiung für unbedingt notwendig erklärt. Hoevels’ Marat erscheint ebenso klug und idealistisch wie gefährlich verbohrt.

Vergeblich versucht Marats Lebensgefährtin Simonne Evrard ihn zur Schonung seiner Kräfte zu bewegen. Michael Goldberg ist nicht nur die aufopfernde Frau an seiner Seite oder die pflegende Nonne mit dekorativer Haube. Gelegentlich reißt sich Goldberg die Perücke vom Kopf, begibt sich in adlige Gesellschaft und wettert über die Revolution. Er übernimmt auch anklagend den Part von Marats ehemaligem Lehrer, der bemerkenswerte Details aus dem Leben des Revolutionsführers kundtut.

Eher zurückhaltend und dennoch mehr als deutlich verkörpert Bernd Moss als Duperret ein verabscheuungswürdiges Exemplar dekadenter Aristokratie. Er ist sehr elegant gekleidet und blickt so wundervoll stumpfsinnig vor sich hin, als besäße er gar kein Gehirn. Er begleitet Charlotte Corday, versucht sie mit konservativen Allgemeinplätzen zu beruhigen, und hat offenbar nichts anderes im Sinn, als die junge Frau zu begrapschen.

In Mönchskutte erscheint der ehemalige Priester Jacques Roux (Benjamin Lillie), ein Aufwiegler im Dienst der Revolution. Er hat in seine Reden auch einige aktuelle Anspielungen eingebaut und scheint, obwohl zornig über Ungerechtigkeiten, weit weniger hasserfüllt als der Chor.

Anita Vulesica schafft die Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Zu Beginn stellt sie sich als Moderatorin vor. Dieser Part beinhaltet die Texte des Ausrufers und des Direktors und enthält auch einige zeitkritische Anmerkungen, die wie improvisiert wirken. Aber Anita Vulesica spricht ohnehin so, als teile sie mit, was ihr gerade so einfällt. Sie versteht es, die sperrigen Reime, ohne sie zu vernachlässigen, in flüssige Rede zu verwandeln, zaubert ganz überraschende Pointen hervor und setzt atemberaubende Pausen, die zum Denken provozieren.

Mal im schwarzen, mal im weißen Frack fliegt Anita Vulesica förmlich von der Bühne über den schmalen Laufsteg, der in den Zuschauerraum hineinführt, bewältigt diesen unsicheren Weg, trotz Schuhen mit hohen Absätzen, in rasantem Tempo mit artistischer Grandezza, tanzt durchs Gedränge der Darstellenden und ist immer, anscheinend mühelos, wieder zur Stelle. Sie streitet mit dem Regisseur Sade und belehrt die ZuschauerInnen darüber, dass die Zeiten sich seit der Revolution zum besseren verändert hätten, wobei sie nicht nur, wie im Stück, die Napoleonische, sondern auch die heutige Zeit anspricht. Dabei stellt sie ihre Belehrungen immer wieder auch durch ironische Untertöne in Frage.

Peter Weiss hat in seinem Stück kontroverse Denkrichtungen einander gegenüber gestellt ohne mit dem pädagogischen Zeigefinger auf die richtigen oder die falschen zu deuten. Auch die Inszenierung von Stefan Pucher ergreift nicht Partei, sondern stellt Positionen vor, die vom Publikum akzeptiert, abgelehnt oder hinterfragt werden können. In unserer Zeit, in der Menschen beständig vorgekauter Meinungsbrei aufgedrängt wird, können Theater nichts Sinnvolleres tun als die Lust am Denken zu beflügeln.

Nach der B-Premiere gab es großen Applaus und Bravorufe für Anita Vulesica und das Regie-Team.

„Marat/Sade“ von Peter Weiss hatte am 27. 11. Premiere im Deutschen Theater Berlin. Nächste Vorstellungen: 03., 10. und 21.12.2016

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