Der Liebe verfallen – Jules Massenets „Thais“ in der Oper Bonn

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Nathalie Manfrino als „Thais“, umgeben von vier Schakalen. © Oper Bonn, Foto: Thilo Beu

Thais (Nathalie Manfrino) ihrerseits befindet sich auf dem zweifelhaften Höhepunkt ihrer Karriere als Liebesdienerin des Venuskults. Nicias (Mirko Roschkowski), ein reicher junger Alexandriner, hat gerade sein gesamtes Vermögen aufs Spiel gesetzt, um nur eine Woche mit ihr verbringen zu dürfen. Und dennoch verrät ihr der Blick in den Spiegel, dass ihre Schönheit nicht von ewiger Dauer sein wird. Eine Midlife Crisis der klassischen Art, wie sie ähnlich auch die Marschallin im Rosenkavalier leidvoll erfahren muss?

Schönheit contra Willensstärke

Kein Ansatzpunkt jedoch für Athanaels Missionierungsdrang, mit dem er Thais Seele für Gott gewinnen will. Ein alter Mönch (Priit Volmer) und ein weiser Mann (Yuhi-Rango Binama) laufen mit ihren Warnungen ins Leere. Wie besessen beschwört er Thais, ihre Schönheit nicht über ihren Willen siegen zu lassen. Ein Dialog, der das stimmliche Vermögen und die schauspielerischen Qualitäten der Hauptakteure deutlich veranschaulicht.

Innerlich zerrissen fällt Thais schließlich auf die Knie und nimmt mit ihrer Taufe für immer Abschied von ihrem sündhaften Lebenswandel. Musikalisch begleitet von der äußerst einfühlsam vorgetragenen Meditation der Solovioline (Mikhail Ovrutsky) geht sie ein in das strahlende Licht einer überdimensionalen Sonnenscheibe (Licht: Thomas Roscher), mit der das durchweg fantasievoll gestaltete Bühnenbild (Rifail Adjarpasic) aufwartet.

Aufbegehrende Sinnlichkeit

Die tiefenpsychologisch und theologisch dicht gewebte Inszenierung (Francisco Negrin) hält einen weiteren Höhepunkt bereit mit der Wüstenwanderung der beiden Hauptpersonen. Thais, inzwischen dem göttlichen Erlöser geweiht, bedankt sich auf anrührende Weise bei ihrem Lehrherrn, der für sie, die einstige Sünderin, den Himmel geöffnet hat.

Athanael hingegen, nun nicht mehr von ausschließlich religiösen Gefühlen ergriffen, ist bei der Übergabe von Thais an die Äbtissin des Wüstenklosters Albine (Susanne Blattert) der Verzweiflung nah. In einem wahnsinnigen Lachen schreit er sie geradezu schmerzhaft röchelnd  aus sich heraus. Peinigt ihn doch die Erkenntnis, dass er nun seinerseits seinem bisherigen Schützling verfallen ist. In einer Liebe, die aus ihm, einem Heiligen, nun einen Sünder macht. Die nicht nur seine religiöse Identität zerstört, sondern der er zugleich in seiner aufbegehrenden Sinnlichkeit auch die Anwartschaft auf das Himmelreich opfern muss.

Aus dem Lot geratene Gefühlswelten

Von Anfang an stets präsent in ihren Heimsuchungen sind vier schwarze Schakale als ständige Sinnbilder für die mit dem jeweiligen  Triebverzicht verbundenen Versuchungen und Qualen. Als dunkle Silhouetten attackieren sie teils zurückhaltend teils heftig die aus dem Lot geratenen Gefühlswelten der beiden Hauptakteure. Bis hin zu dem äußerst ergreifend gestalteten Durchbruch des Liebesschmerzes Athanaels am Totenlager der Thais, von wo aus ihre Seele geläutert zu ihm spricht, ihn aber unerlöst zurücklässt.

Vollendet sich damit nicht der zutiefst unterschiedliche Lebensweg beider Personen im dramatischen Auf und Ab eines jeweils sündhaft-frommen Lebens? Dazu noch mit dem abschließenden schmerzhaften Zweifel Athanaels, dass Triebverzicht als höchste Ausdrucksform der Tugendhaftigkeit vielleicht doch nicht den einzigen Weg für höhere himmlische Weihen darstellt?

Dramatische Elemente

Das Beethoven Orchester Bonn sowie der Chor des Theaters Bonn (Choreinstudierung: Volkmar Olbrich) halten unter der musikalischen Leitung von Thomas Wise auf hervorragende Weise den das gesamte Werk durchziehenden Spannungsbogen aufrecht. In einer zwar von Massenet so bezeichneten „Comédie-Lyrique“, in der jedoch die dramatischen Elemente bei weitem überwiegen.

Eine Aufführung wie aus einem Guss, in der es beim Schlussapplaus das Bonner Publikum nicht auf den Plätzen hält. Ist dies doch die in jeder Hinsicht gelungene Wiederentdeckung eines spätromantischen Werks, das auf deutschen Bühnen in den letzten Jahrzehnten fast völlig in Vergessenheit geraten war.

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