Der kunstgeschichtliche Erbe auf der Suche nach sich selbst – Serie: „Tübke. Die Retrospektive zum 80. Geburtstag“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Teil 1/3)

Selbstbildnis mit roter Kappe, 1988

Mit einem Wort: Das ist eine Ausstellung, die eine eindeutige Klassifizierung sprengt, die Werner Tübke als großen Maler zeigt, deren rätselhafte Bilder einem viel zu knacken aufgeben, die man dann noch nach Hause im Gemüt und der Erinnerung mitnimmt und die eines deutlich erkennen lassen: Werner Tübke war zeitlebens ein Suchender, der sich als Kenner der Kunstgeschichte von dieser sowohl speiste, wie auch diese in die Gegenwart verrätselte und der in den vielen Harlekin- und Bildern sowie den Selbstporträts eben auch die Suche nach sich selbst und nach seiner Rolle als Maler auf die Leinwand zwingt.

Es begrüßt einen in der Ausstellung auf sattem Rot eine ganze Wand voll mit Lebensdaten und Werkangaben und zwei Tübke- Porträts, die durchaus aus der gleichen Zeit stammen können und doch zwei unterschiedliche Mensschen zeigen. Das eine ist ein Foto als alternder Künstler mit resignativem Blick im hellen Malerkittel. Nein, kein stolzes Selbstbildnis wie Corinth, Liebermann, Böcklin, erst recht Beckmann sie schufen, sondern nüchtern DDRlerisch, wie ein Buchhalter oder Gen-Forscher, mit prüfendem, aber traurigem Blick, und resignativem Falten um Nase und Mund, der aber nun wieder von so praller Sinnlichkeit ist, daß er der ganzen schmalen Gestalt mit den großen Daumen in den Kitteltaschen etwas Widersprüchliches verleiht. Rechts außen auf Augenhöhe dann hängt das „Selbstbildnis mit roter Kappe“ von 1988, Öl auf Leinwand. Fraglos die geschuldete Ähnlichkeit, aber ein anderer Blick. Selbstsicher skeptisch, erwartend und abschätzend, was wir von ihm wollen. Er trägt denselben Malerkittel, nur dekorativ verschlissener mit bunten Farbflecken und dasselbe dunkel-hell gesteifte Hemd, dessen oberster Knopf immer geöffnet ist.

So malten sich Künstler in der Renaissance, selbstbewußt und leicht distanziert, so malte sich auch überraschend der späte Malewitsch. Ein Bild. Ein Bildnis. Ein Selbstporträt. Eine Aussage. Eine Ausstellung seiner rund 300 Selbstdarstellungen würde man sich wünschen. Und an den in der Ausstellung gezeigten Selbstporträts kann man gut entwickeln, woher die Verwirrung durch die Hängung kommt. Es muß die Abfolge ja nicht zeitlich sein, auch thematische Hängungen sind instruktiv, aber eine, in der alles gemischt ist, verwirrt einfach. So kommt weit später das früheste Bild, sein Selbstbildnis von 1953, so witzig wie kunstgeschichtlich zeigt es den Maler als romantischen Künstler mit Malerkappe und Einstecktuch im schwarzen Gewand. Das linke Auge verschattet und das rechte schaut spitzbübisch, verwegen und doch trotz breiten Lächelns mit den vollen Lippen reserviert. Gebremste Offenheit.

Westdeutschen muß man immer noch Werner Tübke als Dreigestirn der Leipziger Schule mit Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer bekanntester DDR-Maler, der mit der Auftragsarbeit des Bauernpanoramas in Bad Frankenhausen – Reminiszenz an den 1525 niedergeschlagenen Bauernaufstand unter Thomas Müntzer – auf 14 Metern mal 123 Metern die malerische Selbstvergewisserung der DDR als Arbeiter- und Bauernstaat malen sollte, seine Aufgabe zwischen 1976 und 1987 auch erfüllte, allerdings anders als es die DDR-Oberen wollten. Ein tiefhumanistisches Weltbild ist in diesem Rundgemälde zustandegekommen, das zu den Großmalereien der Geschichte gehört, wie es die Sixtinische Kapelle zu ihrer Zeit wurde. Mit Blick auf die Vergangenheit, woher wir kommen, wird die Vision erzielt, wohin wir gehen. Keine aufbauende Vision.

Werner Tübke wurde 1929 an der Elbe geboren, zeichnete früh alles, was ihm in die Finger fiel, absolvierte eine handwerkliche Ausbildung zum Maler, studierte an der Hochschule für Grafik und Gestaltung (HGB), wurde Kunsterzieher, hatte in Altenburg die erste Ausstellung, daraufhin gleich Zwist mit den DDR-Oberen, wurde 1964 als Dozent an die HGB berufen, konnte eine ihn beeindruckende Reise nach Zentralasien unternehmen, sollte 1968 gleich wieder entlassen werden, was massiver Studentenprotest verhinderte. Immer wieder werden gleichzeitig seine Bilder ausgezeichnet. 1971 kamen mit der Ausstellung in Mailand sein internationaler Durchbruch und die erste Italienreise, die für seine künstlerische Entwicklung ausschlaggebend wurde, wie auch alle späteren.

1973 wurde er Rektor der HGB und gab diese Position auf, als er das kräfteverschleißende monumentale Werk „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ für Bad Frankenhausen bis 1987 schuf. Erst die Zeichnungen – insgesamt gibt es von ihm etwa 6 000 – , dann ab 1983 mit 5-15 ’Gehilfen’, zum großen Teil von ihm selbst ausgebildeten eigenständigen Malern, das Bauernpanorama, das am 14.9. 1989 eröffnet wurde. Bange Frage am Rande: „Wer würde heute solche Kunst und derart großzügig finanzieren?“ In den Neunzigern mußte er sich weidlich ärgern, war doch der tumbe Westen auf dem Malerauge blind und trägt bis heute – vergleiche die Berliner Ausstellung zu 60 Jahren dieser Republik – dieses Fehlurteil fort, statt sich diesen großen Maler als eine der großen deutschen Maler einzuverleiben. Der sehr kranke Werner Tübke starb am 17. Mai 2004.

Beim ersten Bild, „Festliche Szene“ von 1956 glaubt man sich in Spanien, auf einer der Fiestas, der schöne Jungherr im edlen Anzug und der feschen Kappe schaut auf die elegante, aber traurige Schöne auf seiner rechten Seite, in unserer Bildmitte – und sieht nicht den auf ihn gerichteten hingebungsvollen Blick der Tänzerin hinter ihm im weit geschwungenen Tellerrock. Ein Verweissystem in diesem Bild, wie es Raffael mit Handgesten vornimmt. Nur sind es hier Blick, die uns führen, die immer seitlich lugen, bis auf die Schöne, die zentral steht und uns zentral anblickt. Es soll ein Fest sein, sagen Titel und die Kleidung des Bildpersonals, aber über allem liegt Düsternis, auch die Fahnenträger sind sehr verhalten.

Und so verhalten ist auch das Porträt einer Studentin von 1956, ebenfalls spanisch anmutend in dunklen Farben und der stilisierten Haltung. „Tod in der Iller“ von 1957 dagegen ist von einer derartigen Mehrdeutigkeit, daß es eines eigenen Artikels bedarf, um die vielen Bezüge darzustellen. Eines ist klar. Wir haben das erste Historienbild vor uns, das aufgehängt an Toten die Geschicke von Menschen durch alle Zeiten ins Bild bannen. So sind die Bekleidungen zeitgemäß genauso wie altertümlich und der durch Rot hinterfangene Christus taugt höchstens fürs Leben im Jenseits, oder gibt er hier den verzweifelten Angehörigen Trost?

Ausstellung:

bis 13. September 2009, anschließend ab 30. September bis 3. Januar 2010 in Berlin im Kunstforum der Berliner Volksbank, leicht reduziert, wie der Katalog verrät.

Katalog:

Tübke. Die Retrospektive zum 80. Geburtstag, hrsg. von Hans-Werner Schmidt, E.A.Seemann Verlag. Man kann sich gut vorstellen, daß Besucher völlig ohne die Absicht, den Katalog unterm Arm mit nach Hause zu nehmen, gekommen sind. Aber die vielen Verrätselungen von Bildern und Hängung legen nahe, es genauer wissen zu wollen. Zudem zeigt der Band im Katalogabbildungsteil eine chronologische, von der Ausstellung abweichende Folge, die sehr hilfreich ist. Mit vielen essayistischen und schlichten Erinnerungsbeiträgen wird der Maler von vielen Seiten beleuchtet. Eduard Beaucamp ist auch dabei, der in der alten Bundesrepublik nicht nachließ, für die kunstgeschichtliche Bedeutung dieser DDR-Maler zu streiten und dessen Mahnerrolle durch die neue Bundesrepublik noch längst nicht erschöpft ist. Leider.

www.tuebke.org

www.mdbk.de

Reiseliteratur:

Tobias Gohlis, DuMont Reistaschenbuch Leipzig, 2006

Marco Polo, Leipzig, 2006

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Mit freundlicher Unterstützung des Leipzig Tourismus und der Universität Leipzig sowie des Hotels Mercure am Johannisplatz.

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