
Berlin, BRD (Weltexpress). Italien gedachte dieser Tage eines der barbarischsten Verbrechen, das unter dem Besatzungsregime der Hitlerwehrmacht begangen wurde: Des SS-Massaker in der Gemeinde Sant‘ Anna di Stazzema in der Provinz Chieti nördlich von Rom in den toskanischen Abruzzen. Binnen weniger Stunden ermordeten dort am 12. August 1944 Angehörige der Aufklärungsabteilung der 16. Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ unter dem Kommando des Obersturmbannführers Walter Reder 560 Einwohner, alles Zivilisten, darunter 120 Kinder unter sechszehn Jahren und acht schwangere Frauen. Das jüngste Opfer zählte drei Monate, das älteste 86 Jahre. Die Familie Tucci, die Frau Anna Maria, der Mann Antonio, wurde mit ihren acht Kindern niedergemetzelt. In Sant‘ Anna hatte es bis zu dieser Zeit keine Zusammenstöße mit Partisanen gegeben und kein Deutscher war getötet worden. Während die SS-Abteilung das Dorf überfiel, befand sich kein einziger Widerstandskämpfer dort.
Der für seine antifaschistischen Publikationen bekannte Hamburger Laika-Verlag hatte 2014 anlässlich des 70. Jahrestages dieses Verbrechens die Erinnerungen Enio Mancinis, der als sechsjähriges Kind überlebte, veröffentlicht. 1 Das Buch stützte sich auf jahrelang von Mancini gesammelte Fotos, Dokumente und Berichte der Überlebenden, mit denen er in Sant‘ Anna ein Historisches Museum des Widerstandes einrichtete, das er bis 2006 leitete. Viele der Fotos waren in dem Buch zu sehen.
Nach dem Einmarsch der angloamerikanischen Truppen am 4. Juni 1944 in Rom hatte der Partisanenkampf, darunter auch in Chieti, stark zugenommen. Die Partisanen befreiten mehrere Städte, darunter am 14. Juni Terni, am 3. Juli Siena und am 11. August Florenz. Vom 28. Juli bis 3. August schlugen sie den Angriff von drei deutschen Divisionen auf die befreite Zone von Montefiorini in der Emilia Romagna zurück. Die Wehrmacht erlitt überall große Verluste. Ihre Antwort war Mord und Terror gegen die Zivilbevölkerung, bei dem wie ein Hitler-Befehl festlegte, „ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden war, wenn es nur zum Erfolg führt“. Ausdrücklich hieß es, auf Frauen und Kinder „rücksichtslos hineinzuschießen“. So wurde auch in Sant‘ Anna verfahren. Die Feder sträubt sich noch heute , die in dem Buch enthüllten sadistischen Verbrechen wiederzugeben. Einer Schwangeren wurde der Leib aufgeschnitten und der Fötus herausgerissen. Die SS-Leute durchkämmten Gehöft für Gehöft, Weiler für Weiler, die Gebäude wurden angezündet und niedergebrannt, die Menschen, soweit sie nicht flüchten konnten, umgebracht. 150 Menschen wurden auf dem von einer Mauer eingefriedeten Kirchplatz mit nur einem einzigen Zugang, zusammengetrieben und mit zwei Maschinengewehren und Handgranaten regelrecht hingeschlachtet. Anschließend schichteten die Mörder die Leichen übereinander, übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an, um sie bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Nur 350 der Mordopfer konnten später identifiziert werden. Dem Besatzungsterror fielen in den folgenden Wochen weitere Tausende Einwohner zum Opfer, darunter bis zum 5. Oktober in Marzabotto 1830 Einwohner. Wie der bundesdeutsche Militärhistoriker Gerhard Schreiber in „Deutsche Kriegsverbrechen in Italien“ (München 1996) schrieb, wurden „im statistischen Mittel – ohne die gefallenen Partisanen und regulären Soldaten – täglich 165 Kinder, Frauen und Männer jeden Alters“ umgebracht.
Jeder der unzähligen Fälle barbarischer Kriegsverbrechen ist noch heute ein Kapitel unbewältigter brauner Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland. Denn in den seltensten Fällen wurden die Mörder und ihre Offiziere in der Bundesrepublik gerichtlich zur Verantwortung gezogen, auch nicht die des SS-Massakers von Sant Anna. Auch in Italien verschwanden nach dessen Aufnahme 1949 in die Nato die Akten zu vielen Kriegsverbrechen der deutschen Besatzungsmacht auf mysteriöse Weise für viele Jahre. Als schließlich 2005 in Italien zehn der Verbrecher von Sant‘ Anna angeklagt und zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, konnten die Strafen nie vollstreckt werden, da die Bundesrepublik die Auslieferung der Verurteilten verweigerte. Enio Mancini berichtet, dass in dem Prozess der SS-Mann Adolf Beckert, der mit einem weiteren Soldaten einigen Einwohnern zur Flucht verhalf, sechs Stunden lang über das Wüten der Einheit Reders in Sant‘ Ana aussagte. Zu den so Geretteten gehörte auch Mancini selbst. Obersturmbannführer Reder konnte in Italien gefasst werden und wurde 1951 von einem Militärgericht in Bologna u. a. wegen des Massakers in Marzabotto zu einer lebenslänglichen Haftstraffe verurteilt, 1985 begnadigt.
Die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die jahrelang im Namen der überlebenden Opfer versuchte, den SS-Mördern den Prozess zu machen, stieß auf schockierenden Widerstand der deutschen Justiz. In Sant‘ Anna wurde ein fünfjähriges Kind an den Beinen gepackt und so lange mit dem Kopf gegen eine Mauer geschlagen, bis sein Schädel zertrümmert war. Heinecke klagte auf Mord mit dem Mordmerkmal der Grausamkeit. Die Stuttgarter Staatsanwälte meinten zwar, es sei Grausamkeit gewesen, ob es auch subjektiv Mord war, negierten sie, da der Täter sich der Tat nicht bewusst gewesen sein könnte. Heinecke, die zu den Herausgebern des Buches von Mancini gehörte, ging darin auf die unfassbare Verhinderungspraxis der deutschen Justiz ein und hielt fest, dass „jeder dieser gut ausgebildeten SS-Angehörigen wusste“, dass „ein Völkerrechtsverbrechen“ begangen wurde. „Eine andere Interpretation konnte man gar nicht haben“. Zuletzt stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart 2012 ihre Ermittlungen gegen acht noch lebende Beschuldigte ein. Im Oktober 2013 wies das Oberlandgericht Karlsruhe einen Klageerzwingungsantrag als „unzulässig“ zurück.
Gabriele Heinecke ging auch auf die Heuchelei des damaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck ein, der im März 2013 Sant‘ Anna besuchte und von „Versöhnung“ sprach. Die Anwältin nannte seine Rede „symptomatisch für den Umgang mit den NS-Kriegsverbrechen in der Bundesrepublik Deutschland“, wenn er behauptete, „im Fall des Massakers von Sant‘ Anna reichten die Instrumente des Rechtsstaates nicht aus, um Gerechtigkeit zu schaffen.“ Welche Unverfrorenheit, ist hinzufügen, leistete sich das deutsche Staatsoberhaupt hier, das jahrelang keine Skrupel hatte, Bürger der DDR, die sich nach Recht und Gesetz für ihren Staat auch auf antifaschistischen Positionen einsetzten, erbarmungslos mit allen Mitteln des „Rechtsstaates“ zu verfolgen. Nicht zu vergessen, dass dieser Bundespräsident die von Hitlergenerälen aufgebaute Bundeswehr in weltweite Einsätze schickte.
Das Buch von Mancini ist noch heute eine lesenswerte Publikation.
Anmerkung:
1 Das Massaker von Sant‘ Anna di Stazzema. Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Herausgegeben von Gabriele Heinecke, Christiane Kohl und Maren Westermann. Laika Verlag, Hamburg 2014.
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