Das Geisterschiff

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MS Diamond Princess. Quelle: Pixabay, Foto: skeeze

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Das Drama an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“, das seit dem 3. Februar wegen der epidemischen Ausbreitung des Corona-Virus – kurz: COVID-19 oder 2019-nCoV – am Pier der japanischen Hafenstadt Yokohama unter Quarantäne festliegt, war gespenstisch. Es erinnerte entfernt an das fluchbeladene Geisterschiff in Richard Wagners Oper „Der Fliegende Holländer“: Geheimnisumwitterte, ohne Mannschaft auf den Weltmeeren dahintreibende Geisterschiffe, gibt es tatsächlich immer wieder. Der Zufall will es, dass ich selbst im Sommer 2018, auf einer ausgedehnten Japan-Reise, drei Wochen an Bord der „Diamond Princess“ verbrachte – unter erfreulicheren Umständen – und das mächtige, in Nagasaki 2003 für eine halbe Milliarde Dollar gebaute Schiff in- und auswendig kenne.

Am Mittwoch hat nun, nach zwei Wochen, endlich die Evakuierung der meisten Passagiere begonnen. Mit rund 3700 Personen an Bord und insgesamt 542 als Virusträger Diagnostizierten wurde dieses Schiff zu einem Mikrokosmos der chinesischen Millionenstadt Wuhan, dem Ursprung des neuen Virus. Die „Princess“ hat bei weitem die größte Konzentration von Coronavirus-Infizierten weltweit außerhalb von China aufgewiesen. Die Situation an Bord war prekär, vor allem für die Passagiere, die Innenkabinen gebucht hatten. Die exponentielle Ausbreitung des Virus (bisher rund 73 000 Infizierte und mehr als 2000 Todesopfer) führte in China zu den umfassendsten Quarantäne-Maßnahmen der Weltgeschichte: 20 Prozent der Fälle werden als „gravierend“ eingestuft, durchschnittlich 2,3 Prozent verlaufen tödlich. Vor einem Jahrhundert starben zwischen 50 und 100 Millionen an der „Spanischen“ Grippe (Virus H1N1) – möglicherweise mehr als in beiden Weltkriegen zusammen. Über deren Ursache herrscht nach wie vor Unklarheit. Eine Spur führt ebenfalls nach China – zu in Europa eingesetzten Wanderarbeitern aus Shanxi. Plausibler sind die entsetzlichen, engen Verhältnisse in den Schützengräben an der Westfront als Ursprung jener Masseninfektion.

Auf jenem Kreuzfahrtschiff, wo zahlreiche Passagiere und Besatzungsmitglieder auf beschränktem Raum zirkulierten, aßen und arbeiteten, hat sich das Virus explosionsartig ausgebreitet. Eingeschleppt wurde es von einem 80jährigen Mann aus Hongkong, der am 20. Januar zugestiegen war, das Schiff bereits nach fünf Tagen verlassen hatte – und dort eine breite Spur von Infizierten zurückließ: Ein so genannter „Superspreader“. Die „Diamond Princess“ wurde so zu einem Fall, den es in diesen Dimensionen noch nie gegeben hat. Es stellt sich angesichts der enormen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus an Bord die Frage, wie sinnvoll es war, dieses Schiff unter Quarantäne zu stellen, statt alle Insassen so rasch als möglich zu evakuieren bzw. zu hospitalisieren.

Anmerkung:

Dieser Kommentar von Dr. Charles E. Ritterband ist bereits in den „Vorarlberger Nachrichten“ erschienen.

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