Blätter, die die Welt bedeuten – Benedikt Taschen eröffnet den “Flagship Store” seines Verlags in der Hauptstadt

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Mehr “stylish” denn stilvoll wirkt der Taschen-Laden, der in der Berliner Friedrichstraße Lachshäppchen kauend und Champagner schlürfen eröffnet wurde, in dem es bald auch “Streetart” zu kaufen geben soll.

“Wir kennen uns seit zwanzig Jahren. 1989 haben wir das erste Starck-Buch herausgegeben“, erwidert Verlagschef Benedikt Taschen auf die Frage, ob das Design seinem persönlichen Geschmack oder dem der Zeit entspricht. Zu sehr im Mainstream will er sich nicht sehen. Obwohl die mitunter textschwachen Publikationen des ursprünglich auf Außergewöhnliches und Unbeachtetes spezialisierten Verlags partiell dorthin tendieren. “Texte sind bei uns genauso wichtig wie Bilder. Wir legen Wert auf gute Autoren“, betont Taschen. Sein Faible für Besonderes beweist der Mann, der sagte, Kunst bedeute ihm alles, insbesondere durch seine Design- und Erotikpublikationen. Letzte trugen dazu bei, pornografische und erotische Kunst aus der Schmuddelecke herauszuholen. Ein volles Regal ist diesen Foto- und Kunstbänden gewidmet. Im Gedränge forscht hier auch ungeniert, wer sonst verschämt daran vorbei schleicht. Die Regale sind themenunterteilt: Kunst, Design, Film –  durch die variationsreichen Einbände fühlt man sich fast in eine Galerie versetzt. “Von allem nur das Beste“, will Taschen.  Was leider nicht auf die Außenansicht des Geschäfts zutrifft. Wie mit Fingerfarben bemalt wirkt das breite Schaufenster. Auf farbigen Hintergrund versperren Liza Minelli als Sally Bowles, Berliner Weiße, Currywurst und zwei Problembären, das Berliner Wappentier und Knut, die Sicht auf die Ware. Die Scheibengestaltung soll Aufmerksamkeit erregen und sich von den luxuriösen umliegenden Fassaden abheben. Eine durchsichtige Scheibe hätte neugieriger auf die Bücher gemacht. Wenn er auch mit einem Bein sicher im Geschäft mit massentauglichen Publikationen, wie den jüngeren Erscheinungen auf dem Gebiet Reise und Städte, steht: Benedikt Taschens Vorliebe für Underground und Kontroverses ist zum Glück geblieben. Ihr sind die Bücher über Bill Ward, Eric Stanton, Araki, die “History of Men ´s Magazines” und das druckfrische “Book of Olga” zu verdanken.

“Streetart” ist eines der geplanten Buchthemen des Taschen Verlags. Auch Lowbrow, Pop-Surrealismus, ist laut Benedikt Taschen möglich. Sein Interesse für Avantgarde und Unkonventionelles glaubt man dem in Köln und Los Angeles lebenden Verleger,  der auch privat Kunst sammelt. Kunst fällt für ihn im doppelten Sinne schwer ins Gewicht. Eine Sonderablage im Geschäft hält einen enormen Einzelband. Die Seiten fliegen trotz ihres Umfangs, denn meistens blättern drei Hände aus der Menge der sich darum scharrenden Betrachter gleichzeitig. Die weltweit größte Publikation des Verlags trägt auch den größten Preis. 3500 Euro kostete jedes der von Boxchampion Muhammed Ali handsignierten Exemplare bei Erscheinen. Inzwischen hat sich der Wert verdoppelt. Von der ursprünglichen Intention Taschens, Bücher allgemein erschwinglich zu machen ist das eher fern. Abgesehen von den kleinformatigen “Icons” – Bänden sind die Bildbände ein teures Vergnügen. Auf eine Lieblingsrichtung bei den Publikationen möchte Taschen sich nicht festlegen. Design, Reise und Länder, Populärkultur oder Kunst:  “Die Bücher sind wie Kinder. Man darf keines bevorzugen.” Sein Traumprojekt und ein Wunschkollaborationspartner bleiben geheim. “Das darf ich nicht verraten. Sonst wird es nichts.”

Beim Eröffnungsempfang wird es eng. Das liegt nicht nur an den zahlreichen Gästen, die sich mit Champagnergläsern – nein, Herr Taschen ließ sich nicht lumpen – zu den Lachshäppchen durchschlängeln. Quadratisch und kompakt ist der Raum das Gegenstück der meist großformatigen Taschen-Bildbände. Wellige Goldborten krönen die dunklen Holzregale. Diagonal durchzieht den Raum eine mit bunten Fächern durchzogene Buchblage. Ein kleines Mädchen hat sich darauf gesetzt. Mancher blickt neidvoll auf die Schlaue, die als einzige nicht stehen muss. Stühle sind nicht geplant. “Man kann auch im Stehen schmökern.“, so Taschen . Die einladende Auswahl an Hochglanzbänden wird für den Besucher so zu sauren Trauben. Lange lässt sich in den gewichtigen Bildbänden nicht blättern, ohne Muskelkater zu bekommen. Bei den größten wird schon das Hochheben zur Anstrengung. Einige wie Bettina Rheims “The Book of Olga” , “Jeff Koons”, “Wirtschaftswunder” von Josef Heinrich Drachinger, oder “The Godfather Family Album” sind in einem schmalen Gang neben der Kasse zur Ansicht aufgebahrt. Die breiten Umschläge laden zum Betrachten ein – der Einbände, denn beim Umblättern der Riesenseiten gerät man schnell mit dem Lesenachbarn ins Gehege. Das Ausfalten der Doppelseiten sei nur gelenkigen Menschen empfohlen, die Körperkontakt mit Unbekannten nicht scheuen. Immerhin bietet das Separée ideale Anbahnungsmöglichkeiten (“Dürfte ich den Arm um Sie legen? Nur, um den “Valentino”-Band auszuklappen natürlich.”). Gegenüber hängt eine Sammlung von Originalbildern. Modeskizzen von Valentino, Batman und Robin knutschend auf einem Schnappschuss aus “Terryworld“, Robert Crumbs Comicmotive und Fotos von Naomi Harris sind darunter. Diese Willkürlichkeit der Bildwahl ist kein Makel, sondern willkommener Ruhepunkt in der durchkonzipierten Hochglanz-Ausstattung. 

Mehr “stylish” denn stilvoll wirkt der Taschen-Laden. Anders als das nahegelegene Dussmann Kulturkaufhaus, wo man bis Mitternacht auf fünf Etagen in Sesseln lesen und Musik hören kann. Oder der Bücherbogen am Savignyplatz, immer etwas verkramt wie ein übervolle Bibliothek. Die Mitarbeiter sind meist selbst über ein Werk gebeugt, aber mit gezieltem Griff ziehen sie sofort aus den endlosen verlockenden Regalen die gesuchte Rarität. Oder der verschlungene Museumsbuchladen des Martin-Gropius-Bau, bis unter die hohe Decke mit Büchern gefüllt. Mutig erklimmen die Verkäufer hier Regalleitern, um an verborgene Leseschätze zu gelangen. Ihr Adlerauge findet die schmalste Kladde im obersten Fach und – endlich kommt hier jener unbekannte Mitarbeiter zu Ehren – die durch das Fußbodengitter gefallene Kontaktlinse. Zum Verweilen lädt der Taschen Flagship Store trotz seines umfangreichen, interessanten Sortiments kaum ein. Dabei kann man gute Bildbände nicht “auslesen” wie Romane. Kennt man den Inhalt, möchte man sie erst Recht haben und immer wieder ansehen. Der Raum ist Verkaufsfläche, Betonung auf Verkauf. Wie erfolgreich der Taschen Verlag mit diesem Konzept sein wird, bleibt abzuwarten. Nicht weit entfernt musste die Filiale des Buchriesen Hugendubel schließen. Vielleicht verbringen Büchernarren zukünftig sechs Wochentage beim durchstöbern der Bildbände in anderen Geschäften, um dann am siebten in den sonntags geöffneten Taschen-Laden zu strömen.

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