Bisons erleben in Westkanada

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Herbstmorgen über dem Buffalogelände am Lake Audi in Manitoba. © Foto: Rainer Hamberger

Winnipeg, Manitoba, Kanada (Weltexpress). Es ist sehr kalt. Dabei zeigte das Thermometer „nur“ 0° C als wir uns heute Morgen um 6 Uhr auf den Weg machten. An der Kleidung liegt es nicht. Mehr Schichten waren nicht mehr tragbar. Still stehen und warten, da kriecht die Kälte durch sämtliche Jacken und Socken. Endlich entdecken wir am Ende der sich endlos bis zum Horizont ausbreitenden Prärie schwarze Punkte, die ganz langsam näherkommen. Bald sind sie im Fernglas erkennbar: Das dicke Fell am Oberkörper lässt sie noch wuchtiger erscheinen: Bisons – Urbewohner der nordamerikanischen Steppen – nähern sich unserem Aussichtspunkt. Genüsslich zupfen sie nach dem langen Winter das erste Grün. Die Gruppe besteht vor allem aus Kühen mit Kälbern und Halbstarke, die sich spielerisch zum Kampf auffordern. Die majestätisch dahin trottenden Bullen halten sich etwas abseits vom Getümmel. Dabei erkunden sie immer wieder mit der Nase die Umgebung nach potentiellen Feinden.

Wir setzen unsere
Erkundung mit dem Auto fort, aus Sicherheitsgründen und weil die
Tiere Fahrzeuge gewöhnt sind. Das Gelände am Audy Lake im Riding
Mountain Nationalpark in Manitoba gehört sicher zu den schönsten
und besten Möglichkeiten sich den Präriebewohnern ohne Gefahr zu
nähern. Inzwischen sind sie uns zum Greifen nahe gekommen. Die
Kälber, in ihrem hell braunen Fell, schnuppern neugierig an den
Reifen unter dem achtsamen Blick ihrer Mütter. Ein kurzes Muhen und
die Übermütigen suchen schnell den mütterlichen Schutz. Auch der
Bulle beäugt uns argwöhnisch. Doch wir finden Gnade in seine Augen,
er zieht mit seiner Familie weiter. Noch nie sind wir diesen
mächtigen Tieren so nahe gewesen. Ein ausgewachsenes Männchen misst
nahezu vier Meter und bringt bis zu 900 Kilogramm auf die Waage. Der
mächtige Brustkorb und der anschließende Buckel des Vorderkörpers
sind mit dichtem dunkelbraunem Fell überzogen, das im Sommer heller
und dünner wird.

Bisonkuh mit Kalb im Elk Island National Park Alberta. © Foto: Rainer Hamberger

Weibliche Tiere sind
wesentlich kleiner und nur halb so schwer. Beobachtet man sie,
während sie in aller Ruhe ihren Weg fortsetzen, glaubt man kaum,
dass sie bis zu 50 Kilometer schnell sein können. Auch die
Durchquerung eines Gewässers ist kein Hindernis für sie.

Plötzlich hält der
Leitbulle inne. Den Kopf in die Höhe streckend hat er Witterung
aufgenommen. Und dann legt er ohne weitere Vorankündigung aus dem
Stand los. Die Herde folgt ihm blind. Nur die Muttertiere muhen
aufgeregt, damit sie ihre Kälber nicht verlieren, die
Schwierigkeiten haben auf ihren kurzen dünnen Beinen mitzuhalten.
Bald verschwindet wie ein Spuk das Ganze in einer Staubwolke, die
noch eine Zeitlang über der Prärie schwebt.

Der
Riding-Mountain-Nationalpark verfügt über 2973 Quadratkilometer
geschützte Natur, wo sich Seen und Wälder abwechseln. Das Manitoba
Escarpement erreicht sogar eine Höhe von etwa 700 Metern. Welch ein
Kontrast zu den endlosen Prärieebenen, die uns auf dem Weg hierher
begleiteten. Der Park liegt etwa 30 Kilometer südlich der Stadt
Dauphin im Norden und ist über den Kanada-Highway Nr. 10, der direkt
durch den Park führt, zu erreichen. Alljährlich feiern in dem
pittoresken Ort die sich dort nieder gelassenen Ukrainer ein
Festival, bei dem sie ihre Kultur aufleben lassen. Da fehlt auch die
deftige Kost aus der Ukraine nicht.

Von Winnipeg, der
Hauptstadt Manitobas mit internationalem Flugplatz, sind es ca. 2 ½
Stunden Fahrzeit Richtung Westen, um in den Park zu gelangen.

Nach dessen Gründung 1933
wurden die dort noch lebenden Indianer vertrieben. Am Südrand
befindet sich heute das Wasagamack-Indianerreservat in dem
Ojibway-Indianer beheimatet sind.

Der Riding Mountain
National Park und sein Biosphärenreservat wurden 1986 als
Weltnaturerbe in die UNESCO aufgenommen.

Bereits 1919 suchte man
ein Gelände in Manitoba um einen Naturpark einzurichten. Das Riding
Mountain Waldreservat schien als Schutzgebiet hervorragend geeignet.
1933 war die offizielle Eröffnung des Parks.

Während des Zweiten
Weltkriegs entstand am Südufer des Audy Lakes, dort wo heute die
Bisonherde weidet, ein Kriegsgefangenen-Lager für deutsche
Kriegsgefangene. Zwischen 1943 und 1945 lebten hier 450 Soldaten, die
in Nordafrika in kanadische Kriegsgefangenschaft gerieten. Sie
mussten die notwendigen Holzfällerarbeiten der im Krieg
befindlichen Kanadier übernehmen. Das Camp bestand aus 15 Gebäuden
samt Wasch- und Toilettenanlagen und war bestimmt das einzige
Gefangenenlager ohne Zaun. Doch wohin hätte man auch in diesem
Niemandsland fliehen sollen. Die Freizeit vertrieben sich die
Soldaten mit Musik und Theater. Den kargen Speiseplan verbesserten
sie durch ihre Schweinezucht. Nach Kriegsende 1945 kehrten sie in ihr
Heimatland zurück

Mit etwas Glück hört man
am frühen Morgen das Heulen der Wölfe im Wald. Welche Neuigkeiten
tauschen sie wohl miteinander aus? Hin und wieder trifft man auch auf
einen Schwarzbär oder Elch. Zur Brunftzeit im Herbst hallt das
Röhren der Wapiti-Hirsche durch den Wald.

Im Süden des Parks liegt
der kleine Ort Wasagaming. Hier finden sich die einzigen Geschäfte
und Unterkunftsmöglichkeiten auf dem Parkgelände und ein
interessantes Besucherzentrum. Aus Feuerschutzgründen sind dort
während des Winters allerdings die Betriebe geschlossen.

Im Gebiet des Parks stieß
man außerdem auf die ältesten archäologischen Artefakte der
Provinz. Sie sind etwa 11.500 Jahre alt.

Schwer vorstellbar, dass
im 16. Jahrhundert nach Schätzungen ca. 25 bis 30 Millionen Bisons
in Nordamerika lebten. Gräser, Kräuter, Moose und Flechten dienten
dem mächtigen Tier als Nahrung. Auch Temperaturen bis zu minus 40°C
wie sie in der Prärie nicht ungewöhnlich sind, können ihm nichts
anhaben. Mit ihrem Dung und dem aufgewühlten Boden trugen sie
andererseits zur Fruchtbarkeit der Prärie bei.

Head-Smashed-In Buffalo Jump in Alberta – eine World Heritage Site

Mitten im frischen Gras lässt es sich gut sein. © Foto: Rainer Hamberger

Seine Neugierde wurde ihm
zum Verhängnis. Eigentlich wollte der Indianer-Junge genau
beobachten, was mit den Bisons geschieht, wenn sie von seinem Stamm
die Klippe hinuntergejagt werden. Doch mit dieser Unmenge hatte er
nicht gerechnet. Der Berg der getöteten Leiber wuchs und wuchs, und
erdrückte den Naseweis in seinem Versteck unter dem Felsabsturz.

Etwas westlich von Fort
Macleod in Alberta, dort wo die Randgebirge der Rocky Mountains auf
die großen Ebenen der Prärie treffen, kann eines der ältesten und
größten Jagdgebiete besichtigt werden, wo Menschen schon vor
beinahe 6000 Jahren sich auf äußerst raffinierte Weise mit
Lebensmittel versorgten. Lebensmittel bedeutete nicht nur Nahrung.
Die Felle dienten für Kleidung und Zeltwände. Aus Knochen stellte
man allerhand Werkzeuge her. Auch Musikinstrumente wie Rasseln
entstanden aus Bisonknochen. Der Dung bedeutete in der vorwiegend
baumlosen Prärie gefragtes Brennmaterial. Meist beteiligten sich
mehrere Stämme an der Jagd. Zeigte sich eine Herde Bisons kreisten
die Krieger, welche seit Mitte des 17. Jahrhunderts auch über Pferde
verfügten, sie ein und trieben sie Richtung Felsabsturz. Besonders
Mutige stülpten sich Felle über, um die Tiere zu irritieren. Andere
bedienten sich brennender Fackeln, um Angst einzuflößen. Es dauerte
nicht lange bis die Herde von Panik ergriffen kopflos Richtung
Abgrund stürmte und abstürzte. Glücklich, wer sich dabei das
Genick brach und gleich tot war. Andere warteten bewegungslos mit
gebrochener Wirbelsäule auf den erlösenden Pfeil oder Speer.

Die Verarbeitung oblag den
Frauen des Stammes. Sie zogen das Fell ab, zerlegten das Fleisch.
Knochen und Sehnen fanden Verwendung bei den alltäglichen Arbeiten.
Wer schon mal solch einen Bison aus der Nähe sah braucht nicht viel
Fantasie um sich vorzustellen, was hier von den Frauen geleistet
wurde. Trotz der hohen Anzahl von erlegten Tieren blieben für den
einzelnen Krieger und seine Familie nur wenige Kilogramm Fleisch
übrig, die als Wintervorrat reichen musste.

An diesem historischen
Jagdgrund , heute ein UNESCO Weltkulturerbe, baute man ein
interessantes Museum mit eindrucksvollen Ausstellungsstücken. Gerne
geben die Angestellten, meist Angehörige der First Nation, wie sich
die Indianer in Kanada heute bezeichnen, Auskunft über die alten
Jagdmethoden und über das schwierige Leben in der damaligen Zeit.
Wer schon einmal in den Prärieprovinzen unterwegs war, weiß um die
extremen Wetterbedingungen, denen man dort ausgesetzt ist. Immerhin
konnte nachgewiesen werden, dass dieser Platz seit nahezu 6000 Jahren
als Jagdgrund genutzt wurde

Die Waldbisons – Verwandte im Norden

Alte Bisons sind oft Einzelgänger. © Foto: Rainer Hamberger

Weiter im Norden der
Provinz, zwischen dem 300 Kilometer langen Athabascasee und dem
großen Sklavensee besteht bereits seit 1915 ein großer
Nationalpark: der Wood Buffalo Nationalpark, er beheimatet eine
Unterart des Präriebison, den Waldbison. Dieser steht unter dem
Washingtoner Artenschutzgesetz. Über die Jahre haben sich jedoch die
Tiere mit ihren Artgenossen aus der Prärie vermischt.

Der
Wood-Buffalo-Nationalpark wurde 1922 im Grenzbereich der Provinz
Alberta und der Nordwest-Territorien gegründet und ist mit einer
Fläche von 44.802 km² der größte kanadische Nationalpark und
gehört seit 1983 zum UNESCO Weltnaturerbe.

Interessanterweise wandern
nicht alle Bisons. Wenn sie in den trockenen Regionen der Prärie zu
Hause waren, mussten sie auf der Suche nach saftigem Gras und Wasser
oft lange Wegstrecken zurücklegen. Oft taten sich mehrere Herden
zusammen und bildeten eine Gruppe aus Tausenden von Tieren. Meist
ziehen bestimmte Vogelarten mit, die den Tieren das Ungeziefer aus
dem Fell picken.

Die Lebenserwartung eines
frei lebenden Bisons beträgt ca. 20 Jahre. Während bis Ende des 19.
Jahrhunderts Indianer wie Weiße nur so viele Tiere erlegten, wie sie
für ihren Lebensunterhalt benötigten, nahm die Jagd eine
unheilvolle Entwicklung als Gerber in Großbritannien und Deutschland
neue Verfahren entwickelten Bisonleder zu Schuhsohlen und
Antriebsriemen für Maschinen zu verarbeiten. Damit war die sinnlose
Jagd auf die Tiere eröffnet. Die Jäger interessierte nur das Leder,
das Fleisch verrottete in der Prärie.

Genauso verhängnisvoll
für die Bisons erwies sich die Erschließung des Landes mit
Eisenbahnlinien. Als die Central Pacific Railroad durch die Prärie
rollte, galt es als Volkssport Bisons aus dem fahrenden Zug zu
erledigen. Zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte dabei William F.
Cody, dem nachgesagt wurde, dass er bis zu 60 Bisons an einem Tag mit
dem Gewehr erlegte, was ihm den Namen Buffalo Bill bescherte.
Zwischen 1872 und 1874 wurden mehr als eine Million Büffelfelle nach
Osten zur Verarbeitung versandt.

Die Indianer verteidigten
ihre Nahrungsquelle bis zuletzt. Doch dann tötete man auch noch die
letzten Exemplare um die Ureinwohner, ihrer Nahrungsquelle beraubt,
in Reservate zu zwingen.

Dank der Gründung des
Yellowstone-Nationalparkes 1872 in den Vereinigten Staaten, schuf man
rechtzeitig ein Rückzugsgebiet für die beinahe ausgerotteten Tiere.

Tierschutz – Zucht – Feinschmecker

Ungefähr 45 Kilometer
östlich von Edmonton liegt in einer naturbelassenen Hügellandschaft
mit zahlreichen Seen und Tümpel der 194 Quadratkilometer große Elk
Island Nationalpark. Bereits bei der Gründung des Parkes 1906 lebten
angeblich 24 Wapiti-Hirsche, 2 bis 3 Elche und 35 Maultierhirsche in
dem Gebiet. Später wurden aus Montana/USA hier 20 Buffalos
angesiedelt.

23 Waldbisons siedelte man
aus dem Wood-Buffalo-Nationalpark über. Heute ist der Park im
Vergleich zur Größe der am dichtesten von Tieren bevölkerte
kanadische Nationalpark und gilt als Park mit der höchsten Dichte an
grasfressenden Säugetieren nach der afrikanischen Steppe Serengeti.

Wie überall auf der Welt,
wo Farmland an Naturschutzgebiete grenzt, kommt es zu
Auseinandersetzungen zwischen Farmern und Naturschützern.

Auch in Kanada flammt
immer wieder die Diskussion auf, ob Bisons Überträger der von den
Viehzüchtern befürchteten Brucellose-Bakterien sind, die bei
Rindern zu Fehlgeburten führen.

Dies war stets ein Vorwand
Bisons zu töten. Bisher konnte jedoch eine Übertragung nicht
zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Ob das Fleisch des Bison
tatsächlich in punkto Gesundheit hält was einem geschäftstüchtige
Händler weismachen, darüber streiten sich die Wissenschaftler.
Richtig ist jedenfalls, dass es gut schmeckt und viel Eisen enthält.
Die Tiere werden auch in Deutschland gezüchtet und ähnlich wie
Rinder gehalten. Mit dem Unterschied, dass sie ihr Dasein nicht in
einem Stall fristen müssen. Der weltgrößte Bisonzüchter mit
einem Bestand von 50.000 Tieren ist Ted Turner, der auch über den
zweitgrößten Grundbesitz in den Vereinigten Staaten verfügt.
Dagegen nimmt sich die größte Bisonherde in Europa in Belgien mit
einem Bestand von etwa 450 Tieren recht bescheiden aus.

Gefragt ist nicht nur das
Fleisch. Anhänger des Indianer-Kults in Deutschland haben einen
enormen Bedarf an Fellen. Sie pflegen die alten Traditionen in der
alten Welt.

Bestimmt sind die Bisons
auf einer belgischen Farm auch sehr imposant. Doch was ist ein Bison
ohne seine Prärie?

Informationen:

Im Rahmen von Rundreisen durch Manitoba oder Alberta bietet sich der Besuch der beschriebenen Nationalparks an, wo man die Tiere in freier Wildbahn beobachten kann. Informationen zu den Provinzen unter https://www.travelalberta.com/de und www.travelmanitoba.com/de.

Angebote dazu gibt es z.
B. beim Kanadaspezialisten CRD International GmbH in Hamburg:
www.crd.de.
Hier können Lodgeaufenthalte, Flüge und Mietwagen gebucht werden.

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