Der Tiger unterm Billardtisch – Im legendären Raffles Hotel in Singapur lebt die koloniale Vergangenheit auf

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Eine der schönsten Legenden ist die Geschichte vom Tiger, der im Raffles unter einem Billardtisch erschossen worden sein soll. Es soll die letzte freilebende Raubkatze der Anfang des 20. Jahrhunderts teilweise noch von dichtem Dschungel bewachsenen Insel an der Südspitze Malaysias gewesen sein. Eine Anekdote, die in der heutigen Finanz- und Handelsmetropole an der Straße von Malakka immer wieder gerne erzählt wird, und welche die Hotelleitung geschickt vermarktet. Selbst auf Streichholzschachteln des Hauses wird in englischer Sprache gefragt, ob sich tatsächlich ein Tiger unter einem Billardtisch verirrt hatte und dort den Kugeln eines Gewehrschützen erlag.

Gästebetreuer Leslie Danker, den seine Kollegen respektvoll ein wandelndes Raffles-Lexikon nennen, holt schmunzelnd die Kopie eines Artikels der singapurischen Straits Times vom 13. August 1902 hervor. Für die Authentizität des Beitrags bürgt Danker persönlich. „Wir haben das Original“, versichert er. Minutiös hatte ein Reporter den Fall recherchiert und mit einer gehörigen Portion Ironie niedergeschrieben. Die Lektüre offenbart, dass nicht alles an der Geschichte ins Reich der Legende verwiesen werden muss.

Fest steht, es hatte sich tatsächlich ein Tiger auf das Raffles-Gelände in der Beach Road verirrt. Nur war dieser nicht aus dem Regenwald der Insel in die Innenstadt vorgedrungen, wie gerne kolportiert wird, sondern aus einem Wanderzirkus ausgebüchst. Und unter einem Billardtisch hatte sich die Raubkatze auch nicht verirrt, dafür aber unter dem Bar & Billard-Room. Im hauseigenen Museum ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen, die zeigt, dass dieser Teil des Hotels früher auf Holzstelzen errichtet war, um das Gebäude vor Überschwemmungen durch starke Regenfälle zu schützen.

Der Tiger jagte dem Bericht zufolge einem Barkeeper, der nach Feierabend zu später Stunde nach Hause wollte, einen gehörigen Schreck ein. Der warnte die Gäste – ein Mann soll nichts ahnend auf der Veranda über dem Tigerversteck im Schaukelstuhl eingeschlafen sein – und weckte den Ausbildungsleiter des Hotels aus seinem Schlaf. Dieser genoss den Ruf, ein ausgezeichneter Schütze zu sein. Aber er muss wohl angetrunken gewesen sein, mutmaßt Danker. Denn drei Schüsse habe der nur im Schlafanzug bekleidete Mann benötigt, um den Tiger aus nächster Nähe niederzustrecken. Die Möglichkeit, die Raubkatze einzufangen, wurde damals wohl erst gar nicht erwogen. Die Gefahr für die Hotelgäste schien zu groß, von Tierschutz war noch keine Rede.

Die Legende vom letzten freilebenden Tiger Singapurs, der im Raffles Hotel sein Ende fand, entstand während der britischen Kolonialepoche. Das Raffles war nur wenige Jahre zuvor, 1887, von den Sarkies-Brüdern eröffnet worden. Am Anfang lediglich ein geräumiger Bungalow mit zehn Gästezimmern, wurde die Herberge wenig später schon um zwei doppelgeschossige Flügel ergänzt. Schnell lenkte das Haus die Aufmerksamkeit der kolonialen Gesellschaft, darunter Schriftsteller von Weltrang, auf sich. Joseph Conrad („Das Herz der Finsternis“) fand schon kurz nach der Gründung Gefallen an der Herberge, und Rudyard Kipling, der Autor des Dschungelbuches, schwärmte für die wohl damals schon brillante Küche. „Feed at Raffles!“ – Speisen Sie im Raffles“, empfahl er Singapur-Besuchern.

Anfang des 20. Jahrhunderts erlag ein weiterer Schriftsteller dem Charme des Hotels. Für Somerset Maugham, der in den 20ern und 30er Jahren häufig im Raffles residierte und arbeitete, war das Haus ein Sinnbild „für alle Fabeln des exotischen Ostens“. Das Hotel avancierte schnell zu den ersten Adressen am Platz. Im großen Ballsaal, 1920 errichtet, wurden Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks und der Prince of Wales neben Kautschukplantagenbesitzern, Offizieren und Globetrottern auf der Tanzfläche „des größten Tanzsaal des Ostens“ gesichtet.

Nicht nur die große Zahl an Prominenten trug zum frühen Ruhm des Raffles bei, sondern auch die für die damalige Zeit bahnbrechende Architektur. Die Neorenaissancefassade des 1899 errichteten Hauptgebäudes wurde international zum Markenzeichen.

Schnell schossen weitere Legenden ins Kraut. Wie die Geschichte des inzwischen weltberühmten Cocktails Singapore Sling. Die Rezeptur des süffigen Drinks soll nur überliefert worden sein, weil ein Gast sie nach einem durchzechten Abend auf seiner Rechnung notierte. Kreiert hat den Cocktail der Barkeeper Ngiam Tong Boon um 1910 – das genaue Datum ist nach Dankers Angaben unbekannt – in der stilvollen Long Bar des Raffles. Kellner in Sarongs, Wickelröcken, bedienen hier die Gäste, die aus großen Jutesäcken Erdnüsse naschen und die Schalen auf den polierten Teakholz-Boden werfen.

„Wer das Raffles nicht gesehen hat, der kennt Singapur nicht“, sagen die Singapurer. Das 1987 von der Regierung zum Nationalmonument erklärte Haus ist neben dem Merlion, einem wasserspeienden Switter aus Löwe und Fisch, eines der Wahrzeichen der Stadt. Auch nach der zweieinhalbjährigen Grundsanierung, in der das Haus geschlossen war, verströmt das Raffles seit seiner Wiedereröffnung im September 1991 nach wie vor den Charme kolonialer Vergangenheit. Die architektonische Eleganz aus den 1920er Jahren wurde größtenteils erfolgreich rekonstruiert, so dass das Raffles seinen Ruf als eines der besten und schönsten Grandhotels der Welt bewahren konnte. 107 Millionen Euro hat die Wiedergeburt des kolonialen Erbstücks gekostet.

Wer das Raffles aufsucht, gelangt in eine grüne Oase der Entspannung und Ruhe. Die Luxusherberge mit ihren zu den Straßen gewandten Arkaden ist von Kokospalmen und Farngewächsen gesäumt. Edle Geschäfte und Boutiquen bieten hochwertige Uhren, Handtaschen, Kleidung und Souvenirs. In einem hauseigenen Theater werden regelmäßig Komödien und Dramen aufgeführt. Patisserien des Raffles verführen mit köstlichen Süßigkeiten. Ein von der Straße zugänglicher Innenhof mit Restaurant und Bar sowie offener Tapas-Küche lädt zu kühlen Drinks und Snacks. Abends kann hier zu Live-Musik unter funkelndem Sternenhimmel getanzt werden. Übrigens: Wer die Tricks und Kniffe der ethnisch vielfältigen singapurischen Küche erlernen will, kann einen Kochkurs in der „Kulinarischen Akademie“ des Hauses absolvieren.

Hotelgäste tragen Schlüssel bei sich, mit denen sie auf dem weitläufigen, teilweise labyrinthähnlichen Gelände kleine schmiedeeiserne Gartentürchen öffnen, hinter denen sie von tropischem Wildwuchs scheinbar verschlungen werden und zu den Wohnbereichen und zum Spa mit Swimmingpool gelangen. In den drei Stockwerken des Raffles sind 103 Suiten von 58 bis 259 Quadratmetern untergebracht. Während schmale Wege durch tropische Gärten und über gepflegte Rasenflächen zu den Suiten in Parterre führen, sind die in den oberen beiden Etagen über großzügige Galerien zu erreichen. Die größte und nobelste– die Sir Stamford Raffles Suite – wurde nach dem Kolonialbeamten benannt, der 1819 die strategische Bedeutung der damals von Piraten bewohnten und Malaria verseuchten Insel erkannte und den Grundstein legte für den heutigen Erfolg der südostasiatischen Metropole. Am 1. April 1867 wurde Singapur offiziell britische Kronkolonie. Zahlreiche Staatsgäste wie Königin Elizabeth II. und Prinz Philip sowie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl haben in der Raffles-Suite logiert.

Das gesamte Haus ist geschmackvoll ausgestattet mit wertvollen Antiquitäten. Einen unvergesslichen Eindruck davon vermittelt schon ein Besuch der auch Touristen offenstehenden Lobby. Eingefasst von weißen Säulenarkaden wächst sie über drei Etagen hoch bis zur gläsernen Kuppel. Üppige Blumensträuße sind zwischen bequemen Sesseln arrangiert. Auf dem Marmorboden ein Perserteppich so dick, dass der Gast meint, seine Schuhe versinken in ihm. Erst wenn der Besucher sich wieder den Eingangsbögen zuwendet, fällt ihm die in deren Mitte stehende alte Standuhr auf. Seit rund hundert Jahren schlägt sie die Zeit. Und um acht Uhr abends intoniert dazu die Pianistin neben der Writers Bar „I ´ll see you again”¦“.

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Raffles Hotel Singapore, 1 Beach Road, Singapore 189673, Tel: +65 6337 1886, Fax: +65 6339 7650, Website: www.raffles.com

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