Aus Männern werden Mädchen, aus China Japan – Serie „Wortbilder. Comics aus China“ im Cartoonmuseum Basel (Teil 2/2)

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Kinder kommen in den Bildergeschichten reichlich vor. Aber es sind keine speziellen Comics für Kinder. In „Ich will zur Schule gehen“ von Wang Xuyang, Bin Qinguyu von 1956, wird uns verständlich, was auch das berühmte Poster mit dem Herausziehen der Mohrrübe durch viele kleine Chineslein ausdrückte: Gemeinsam sind wir man stark. Aber man ist auch stark durch Bildung, die man oft den Eltern abtrotzen muß, gehörte doch „Zur Schule Gehen“ nicht in ihren Lebensalltag. Lu Xun (1881 – 1936) war der Übervater der chinesischen Comics und gibt den Ton vor. Eine Bildergeschichte von Zheng Yumin, Pan Honghai, Gu Pan, macht ihn zum Helden und erzählt seine Lebensgeschichte.

Wir sehen ihn stehend dichtend an seinem Arbeitsplatz, die Zigarette in der Hand und dramatisch den Kopf zum Licht gewendet: er wartet auf Inspiration. In einem weiteren Blatt – diese Folge übrigens in Bunt, was dunkle gedeckte Farben bedeutet und einen Pinselstrich, der modern ist und weder einen Fotorealismus, noch naives Malen nachmacht -, spricht er vor männlichen Jugendlichen, doch, eine junge Frau ist auch dabei. Er steht am Tisch, auf dem Bücher liegen, diesmal die Zigarre in der Hand und orientiert mit seinen Worten die chinesische Jugend, die gebannt lauscht und in dem Jungen vorne im weißen Hemd ihren Chronisten gefunden hat, denn er schreibt auf einem Block die Worte des Meisters mit.

Da aber sind wir schon längst im Ersten Stock, wo „Revolution und Gesellschaft“ ganz eindeutig Thema der Comics werden, nachdem die klassische Literatur im Parterre zum Zuge kam. Hier kann man nun drei Perspektiven der Comics unterscheiden: Den Blick auf die alte Gesellschaft als nachträgliche Legitimation der Revolution, der Kampf gegen Japan und die chinesische Nationalregierung und den Blick auf die gegenwärtige chinesische Gesellschaft. Dann auf einmal wird es fotorealistisch: „Ankommen in der Mitte des Lebens“, Zeichnungen You Jidong, präsentiert außerordentlich hochwertige Kunst. Das ist um 1981/84, wo auch die Inhalte um das richtige Verhalten von Menschen gehen. Aber in den Neunzigern verblassen diese Comics und wenn im Jahr 2008 „Zibuyu“ erscheint, am Computer gezeichnet von Xia Da, ist längst eine Kehrtwendung vollzogen.

Hier zeigt sich Blau in Blau ein Sterntalerkind, das mit dem sogenannten Kindchenschema ausgeführt ist, ein im Verhältnis zum Körper übergroßer Kopf, ein rundes Gesicht, wo die Augen überdimensioniert in uns „niedlich“ sagen lassen und psychologisch ein Schutzbedürfnis hervorrufen – Strategien, die durch wissenschaftliche Forschung lange bestätigt sind – , so wie hier, wo dieses so absolut nicht chinesische Mädchen hilflos ängstlich das Tuch hält, in das nicht Sterntaler, sondern Blütenblätter fallen. Das alles ist eine total japanische Übernahme, die die neuen chinesische Comics zu Mangas macht, eine Entwicklung, die sich durchsetzt und auf alles Einfluß nimmt: die dynamische Gestaltung der Figuren, wo vorher Fläche angesagt war, schrille, oft lila-rosafarbige Farben, wo zuvor Schwarz-Weiß oder sanfte Farben bevorzugt wurden, die Computer als Arbeitsinstrument, wo zuvor der Pinsel, der Stift oder der Stichel Handarbeit bedeuteten. Eigentlich schade, daß Jugendkultur nun auf der ganzen Welt gleich aussehen soll.

„Strapazin“, das deutsch-schweizerische Comic Magazin widmet seine hundertste Ausgabe als Jubiläumsausgabe der Chinesischen Zeichenkunst: Comics aus China. Wir berichten weiter.

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Bis 13. März 2011

www.cartoonmuseum.ch

Der Katalog: Comics aus China entzückt schon beim Durchblättern. Hier sind die Bildergeschichten wie „Das Wanderleben von Sanmao“, das ist der widerständige Junge mit den drei Haaren, im Großformat zu sehen und erst beim Schauen kommt der Aspekt heraus, der in einer Ausstellungsbesprechung immer zu kurz kommt: die außerordentliche Vielfalt der ästhetischen und inhaltlichen Vorlagen. Gegliedert ist der Katalog in „Revolution und Gesellschaft“, „Literarische Wurzeln“ und „Moderne Künstler – Moderne Comicformen“, die dem Aufbau der Ausstellung entsprechen.

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