Aus Eins mach Zwei – Serie: „Neo Rauch. Begleiter“ im Museum der bildenden Künste Leipzig und der Pinakothek der Moderne in München (Teil 1/2)

„Begleiter“ nennen sich beide Ausstellungen in Museum in Leipzig und der Pinakothek in München, die tatsächlich die erste große Retrospektive des heute in der Welt bekanntesten deutschen Künstlers ist. Aus den Jahren 1993 bis 2010 besteht die Werkschau überwiegend aus großformatigen Gemälden, die weitaus ausladender sind als herkömmliche große Bilder. Wie sehr ihm die Werke unterm Pinsel weggekauft werden, vor allem von Amerikanern, sieht man daran, daß viele der Werke in Europa erstmals zu sehen sind, denn die Schau wurde nur möglich durch gütiges Dazugeben der Privatbesitzer und der wenigen, die sich in öffentlichen Sammlungen befinden. Wenn wir also gut finden, daß Rauchs Werk an zwei Orten – im deutschen Osten und im Südwesten – gezeigt wird und dies auch mit dem Umfang begründen, kommt hinzu, daß Rauchs Name in den beiden Altteilen der heutigen Bundesrepublik einen unterschiedlichen Namen hat.

Für die Alt-DDR ist er, der erst nach 1989 zum Malerstar wurde, dennoch der Leipziger Schule verhaftet, bei deren Großen er gelernt hat und die eigentlich über ihn in der Welt nun leidlich Ruhm abbekommen, der ihnen ob ihrer grandiosen Malerei sowieso zustünde, den die deutsche Geschichte aber bisher verweigerte: Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernard Heisig, Arno Rink, bei dem Rauch an der Hochschule für Grafik und Gestaltung in Leipzig studierte, wo er dann auch bis jüngst Professor war. Bis heute hat Neo Rauch sein Atelier in der Leipziger Spinnerei in der Leipziger Vorstadt Lindenau, einem imposanten aufgelassenen Industriebetrieb, in dem auch der Galerist, der die Leipziger Namen unter den Begriffen ’Leipziger Schule’, die ältere, die neuer, die erste, die zweite, die dritte, in die Welt brachte und maßgeblich an deren Erfolg beteiligt ist: Gerd Harry Lybke von der Galerie Eigen+Art residiert. Aus der anfänglichen sehr realistischen Gestaltung der Werke der Leipziger Schule, gegen den Welttrend immer gegenständlich, die eine Interpretation nicht schwer machten, wurden Bilder, die in einer Mischung aus Figürlichem und Abstraktem sich nicht nur der klaren Deutung verschließen, sondern eher über die Stimmung auf den Gemälden wirken, als über die konkreten Abbildungen.

Was bei Neo Rauchs Werken auffällt, ist zu allererst einmal die Größe der Gemälde, die schon vom Raumfüllenden her den Anspruch auf Bedeutung erheben. Sakrales zu künden, hat immer auch mit Größe zu tun, womit dieser Künstler selbstbewußt umgeht und dies anspricht. Dann ist das Figurative das Nächste. Lange in der internationalen Kunstwelt verpönt, macht Rauch aus seiner gegenständlichen Welt keinen Hehl, den großen Formaten entsprechen gewaltige, geradezu übermenschlich große Figuren, die halbnackt, auch nackt genauso aber auch im Biedermeierrock und gefälteltem Hemd Gegenwart und Vergangenheit ins Eins setzen und eine Aura von Traum oder Wahn erzeugen, wozu die oft fahlen Farben eines Schwefelgelb und Rosagrau beitragen. Leicht nennt man so etwas surreal, was sich auf den ersten Blick einer vom Betrachter interpretierbaren Bilderzählung entzieht.

Aber surreale Welten haben ein eigenes Programm, eigene Deutungen der Gegenstände, wofür Salvador Dalí¬ stünde, mit dem Neo Rauch nichts gemeinsam hat. Man merkt den Bildern an, daß sie nicht geschichtslos im Raum stehen, denn sie verweisen alle auf etwas. Nur auf was? Neo Rauch legt Wert darauf, in der Tradition bestimmter Maler zu stehen, von denen er dezidiert Max Beckmann, Francis Bacon, Joseph Beuys und Georg Baselitz anführt. Wir sehen sehr viel mehr Künstler in seine Gemälde hinein und sind vor allem auf Raffael gestoßen, worüber andere lachen werden und sich Neo Rauch vielleicht schüttelt, wir aber gute Gründe haben.

Was bei Rafael im Verweissystem der Hände auf so vielen Gemälden eine Geschichte erzählen läßt, ergibt bei Neo Rauch das Gegenteil. Seine Figuren agieren auch mit Gesten und Haltungen, insbesondere die Hände haben eine eindeutige Richtung, nur führen sie zu nichts, d.h. den ausgestreckten Fingern zu folgen, ergibt keinerlei inhaltlichen Sinn, führt ins Nichts. Die malerischen Mittel also, mit denen ein Raffael eine Geschichte erzählt, in dem er bei den Teppichen in London beispielsweise ein Verweissystem errichtet, wo man mit dem Blick von Hand zu Hand die Geschichte entschlüsselt, führt bei Neo Rauch zur Absurdität.

Von daher wird bei ihm insgesamt den Menschen der Boden entzogen, es sind merkwürdige in Raum und Zeit befindliche Figuren, die auf die Menge hin einer gemeinsamen Familie zu entstammen scheinen, also alle miteinander Ähnlichkeiten aufweisen, bzw. so als ob spezifische Modelle in den Bildern wiederauftauchen und diese zu einer großen Familie machen. Andererseits bevölkert somit auch dieser Menschenschlag die gesamte Erde, erhebt also den Anspruch auf ein eigenes Geschlecht. Was auf den Bildern zu sehen ist? Die Titel helfen dabei nicht, wenngleich „Krönung I“ von 2008 und in den Maßen 250 x 190 cm, der Leipziger Seite des Katalogs vorgebunden, tatsächlich eine Krönung zeigt, allerdings eine, wo der zu Krönende auf einem Marterinstrument kniet, die eine Hand in einen Schläger/ eine Leuchtbirne gesteckt, die andere in einem dicken Sack mit Kordel abgebunden, wie zu einer Hinrichtung nun die Krone aufgesetzt erhält, allerdings keine Dornenkrone, sondern ein schwarzes Etwas, was auf den ersten Blick als Gugelhupf, auf den zweiten als Zylinder und auf den dritten als Kopfschraube erscheint. Sehen Sie selbst, erleben Sie selbt, interpretieren Sie selbst.

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Ausstellung: Bis 15.8.2010 Leipzig und München

Katalog: Neo Rauch. Begleiter, HatjeCantz 2010

Hans Werner Schmidt, der Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig und Klaus Schrenk, Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München haben für ihre Häuser die Ausstellungen kuratiert, gemeinsam das Geleitwort sowie eine ausführliche Einleitung verfaßt und verantworten die beiden Katalogteile, die man von vorne und hinten als Wendebuch gleichermaßen studieren kann, einmal ist die Leipziger Ausstellung Inhalt, ein andermal die Münchner. Dann folgt ein Index der abgebildeten Werke – sinnvoll! – und die ganzseitigen Abbildungen, zu denen einzelne Werke eine Erläuterung finden, von Kunsthistorikern oder Künstlern wie die von Jonathan Meese auf den Seiten 34/35, der auf einem Bild von 2005 mit dem Titel „Kommen wir zum Nächsten“ mit Saint Justs rechter Hand, die in eine Aktentasche fährt, spielt. Ausgerechnet Saint Just, der hier ohne weitere Erläuterung vom verschwiegenen Säulenheiligen der Französischen Revolution – erst in den 80ern des vorherigen Jahrhunderts wurde ihm, initiiert durch eine Wiener Enthusiastin, im Geburtsort in Südfrankreich ein Denkmal gewidmet –zur allbekannten Figur mutiert.

Die Münchner Seite, die mit „Wahl“, einem gelb-grün-schwarzen wie eine Grafik erscheinendem Gemälde von 1998 auf 300 x 200 cm, bebildert ist, das die Pinakothek als erstes Rauchwerk ankaufte, was schon einmal Ausstellungstitel war, bietet dieselbe Gestaltung. Der Katalog ist insofern eine Hilfe im Nachhinein, als sich die unendliche Bilderflut im Kopf nach den Ausstellungen auf einzelne Bilder kaprizieren läßt, die man nun – mit allen im Kopf – noch einmal mit anderen Augen anschauen kann und vielleicht besser verstehen zu können glaubt.

Internet: www.mdbk.de, www.pinakothek.de, www.neo-rauch-ausstellung.de, www.hatjecantz.com

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