Auf Tatort-Suche durch Schwedens Süden

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Schloss Marsvinsholm. Foto/Credit:Credits: Per-Erik Tell/imagebank.sweden.se
Wenn die Dämmerung über Ystad hereinbricht, öffnet sich dem Fremden eine geheimnisvolle Puppenstadt. Romantisch erhellen Laternen die niedrigen Häuser in den schmalen Kopfstein gepflasterten Gassen. Liebevoll schmücken Rosen und Malven den Eingang. Auch die großen Häuser haben menschliche Ausmaße. Man ist nie kleiner, als dass man nicht in irgendeine erleuchtete Stube blicken könnte. Vorhänge, wenn es sie denn gibt, sind Zierde. Das Licht drinnen, die Gemütlichkeit – ist das nicht wie früher, als das Leben noch gut und sicher war?
Sicher? In ebendieser kleinen Hafenstadt an der Südküste Schwedens lässt der schwedische Autor Henning Mankell, der Anfang der 1980er Jahre selbst dort wohnte, seinen Kriminalkommissar Kurt Wallander agieren und etliche Morde aufklären. Die 16.000 Einwohner schreckten ungläubig auf, als ein wahrer Mord passierte. Und weil die deutschsprachige Wallander-Fangemeinde wächst, hat Ystads Touristbüro einen Führer aufgelegt, mit dessen Hilfe man die „Schauplätze“ aus Romanen und Filmen auf eigene Faust erkunden kann.
Vom Stortorget, dem Marktplatz, geht es zu Wallanders Wohnung in der Mariagatan. In den Verfilmungen ist das echte Wohnhaus durch ein repräsentatives Fachwerkhaus in der Västra Vallgatan ausgetauscht, aber auch dieses erlebt man live. Man lernt das Polishuset, das Polizeihauptquartier und Wallanders zweites Zuhause, kennen. „Foffos Pizzeria“ gehört zu seinen Lieblingsrestaurants – wie könnte es anders sein, der Übergewichtige und an Diabetes Leidende stopft sich gern mit Fast food voll. Von hier könnte man die Taxifahrt nachvollziehen, die in Die Brandmauer mit einem Mord endet. „Fridolfs Konditori“ verführt den Spurensucher wie den Kommissar zu Kaffee oder – bei Wallander (zu)viel – Bier. Und das schicke Jugendstil-Hotel Continental, in dem Kurt ab und an zum Mittagessen einkehrt, bietet dem Gast eine ruhige Nacht, ohne Mord. Wenn es auch in Mittsommermord zum Mittelpunkt eines polizeilichen Großeinsatzes wird.

Der Fährtensucher kommt durch die Liregatan, wo der Mörder in Die fünfte Frau lebt, durch die Harmonigatan, wo in Haus Numero 18 der sich gern als Frau gebende Serienmörder í…ke Larstam in Mittsommermord zu Hause ist, durch Lilla Norregatan, wo Wallanders hochgeschätzter Kollege Karl Evert Svedberg, dessen Vornamen Wallander allerdings erst bei den Recherchen zu seinem Tod erfährt, mit zerschossenem Gesicht in seiner Wohnung aufgefunden wird. In einem gelb verputzten Haus in der Sjömansgatan liegt die Kanzlei von Sten und Gustaf Torstensson, die in Der Mann, der lächelte mitspielt. Hier nämlich wird Sten getötet. Das Hotel Sekelgí¥rden, ein edles Backstein-Anwesen aus dem Jahr 1793, das in Die fünfte Frau und Hunde von Riga eine Rolle spielt, kann man besichtigen genauso wie Orte in der Umgebung. Mossbystrand zum Beispiel, wo das Rettungsboot mit den zwei toten Männern in Hunde von Riga an Land treibt, oder Nybrostrand, wo Wallander Rykoff in Die weiße Löwin erschießt. Das Brautpaar, das an seinem Hochzeitstag samt Fotograf von í…ke Larstam brutal ermordet wird (Mittsommermord), hatte die ursprünglich als Hintergrundmotiv gewählten Ales Stenar, weil zu touristisch, mit Nybrostrand getauscht. Die Alesteine allerdings sind immer wieder Kulisse in den Filmen, die seit Jahren in „Ystad Studios“ gedreht werden, weshalb der Ort gern als „Hollystad“ bewitzelt wird. Sandskog bildet den Rahmen für den Mord am früheren schwedischen Justizminister Gustaf Wetterstedt in Die falsche Fährte. 

Das mittelalterliche Ystad hat sein Antlitz bewahrt. Selbst mit einem Stadtplan von 1753 fände man sich zurecht, meint das Turistbyrí¥ am Sankt Knuts torg. Selbiges ebenfalls Schauplatz, als hier Rykoff in Die weiße Löwin ein Haus als Versteck für Victor Mabashas Ersatzmann mietet. Über 300 der alten Fachwerkhäuser von Ystad sind restauriert. An mittelalterliche Tradition knüpft auch der Turmbläser an, der Abend für Abend ab 21 Uhr jede Viertelstunde vom Turm der Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert in sein kupfernes Horn bläst und über das Städtchen wacht. Das Graubrüderkloster (ehemals hießen die Franziskaner Graubrüder) aus dem Jahre 1267 wurde vor dem Abriss bewahrt und beherbergt ein Museum. Es erzählt von der 6.000-jährigen Stadtgeschichte. In den historischen Gebäuden haben sich Kunsthandwerker und Maler eingerichtet: das Licht in Ystad sei ein besonderes und ähnele dem des dänischen Skagen wie dem der Provence. Alte Keller wurden zu Restaurants, Terrassencafés locken selbst bei kühlen Temperaturen Fans an. Es sei denn, diese ziehen den 40 Kilometer langen Sandstrand vor, um sich den Ostseewind um die Nase pusten zu lassen. Zum Kaffee kosten muss man spettkaka, den typisch schonischen Spießkuchen, bestehend aus Eiern, Zucker und Kartoffelmehl. Zu allen Anlässen wird er gereicht.
Vom Hafen gibt es Fährverbindungen ins polnische Danzig und auf die dänische Insel Bornholm. Bis 1658 gehörte Schwedens Süden zu Dänemark, und noch heute fühlt sich die Mehrheit der Bewohner als Dänen.
Die Umgebung ist reich an Schlössern, die ihr dänisches Erbe nicht verhehlen. Will man alle in Mankells Romanen erwähnten Orte aufsuchen – Brösarp, bekannt für seinen historischen Landgasthof aus der Zeit der dänischen Königin Margarete (Ende 14. Jh.) mit exquisiten Speisen, Höganäs, berühmt für seine Keramik, das Fischerdorf Simrishamn, alle in der malerischen Region Österlen -, lernt man Schonen, wie eine Halbinsel auf drei Seiten meerumflossen, gut kennen und kommt an der Westküste bis Helsingborg.

Ein erster Stopp gilt Malmö, der zur Zeit der Hanse von Deutschen gegründeten drittgrößten Stadt Schwedens. Von hier kam Wallander nach Ystad. Malmö verführt mit exzellenter Gastronomie. Das „Skeppsbron2“, das Grandhotel und „Salt og Brygga“ sind nur drei Beispiele. Letzteres beim „Turning Torso“, dem 45 Stockwerke zählenden „gedrehten Wohnturm“ des spanischen Architekten Santiago Calatrava. Des Torsos 187 Meter sind ebenso hoch, wie die Schweden-Fähre „Peter Pan“ der TT-Line lang ist. Die Sicht reicht über den Öresund mit der größten Brücken-Tunnel-Verbindung Europas bis Kopenhagen.

Unbedingt ansehen muss man Lund, eine der ältesten Städte Schwedens, die Wallander oft zum Besuch seiner Tochter Linda aufsucht. Gewaltig der Sandstein-Dom, eingeweiht im Jahr 1145, mit dem riesigen Doppelturm und dem Spiel der astronomischen Uhr im Innern. Prächtig wie ein Schloss zeigt sich die Universität von 1666.

Kristianstad an der Ostküste ist auf trocken gelegtem Meeresboden erbaut und lädt zu ausgedehnten Kanu- und Bootsfahrten in sein wasserreiches Naturreservat. Etwa zwei Autostunden kann man für die Fahrt von der West- zur Ostküste rechnen. Auf dem Weg von Ystad nach Löderup, wo Wallanders Vater in einem abgeschiedenen schonischen Langhaus wohnt und immer das gleiche Landschaftsmotiv malt – mal mit Auerhahn, mal ohne -, sollte man beim Fischerdorf Kí¥seberga die schon erwähnten Ale Stenar besichtigen. 58 Steine, jeder vier bis fünf Tonnen schwer, formieren sich zu einem 67 Meter langen Schiff. Das tausend Jahre alte Megalithgrab eines verdienten Wikingers, ein schwedisches Stonehenge? Die Wissenschaftler rätseln noch. Was soll`s? Tausende Ausflügler pilgern den Hügel hinan, nicht zuletzt wegen der herrlichen Aussicht aufs Meer und der frisch aus dem Rauch kommenden Heringe, einer örtlichen Spezialität.

Mehr Infos unter www.visitsweden.com/wallander

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Elke Backert ist eine Erstveröffentlichung im WELTEXPRESS.

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