An einem Frühlingstag in Berlin: im Auto entlang der Spree oder Zwei Testfahrten mit dem neuen Nissan Qashqai und mehr als einer Erinnerung an die Themse

© Nissan

Die Three Mills Studios werden noch immer als im Herzen von Zentral-London gelegen angepriesen, obwohl sie auch in diesem Jahr wie bisher im Osten und außerhalb der eigentlichen City liegen, was, wenn man vom Flughaften Heathrow aus über den Aspalt englischer Autostraßen fährt und also aus dem Westen anreist, bedeutet, daß man mitten durch die Stadt muß. Für Reise-Journalisten stellt sich eine solche Tour von einem zum anderen Ende Groß-Londons als „durch die Stadt darf“ dar. Also genoß ich die Stadtrundfahrt und fuhr gut gelaunt mit vielen famosen Ausblicken im Reisebus zur Autoschau. Doch vor Ort und der Meute der Medienschaffenden, überwiegend ältere Männer, wich ich wohlweislich zurück. Beim Betrachten aus sicherer Entfernung und Berühren en passent blieb es.

Warum ich bei den nationalen und internationalen Fahrzeugpräsentationen immer überwiegend alten Männern vor neuen Autos begegne, ist eines der noch ungelösten Rätsel der Autobranche. Bisher jedenfalls war keine Pressefrau der Fahrzeuge fabrizierenden Industrie in der Lage, eine wahrhaftige Antwort zu geben. Guten Willens auch nicht. Mit den Pressemänner verhielt sich das nicht viel anders. Sie wollten oder konnten nicht etwas erklären, was alle verklären und der Veröffentlichung Wert gewesen wäre.

© NissanImmerhin veranstaltete Nissan Deutschland kürzlich eine „Roadshow“ genannte Tour, die auch in Berlin Halt machte, und bat mich erneut zu kommen, um zu berichten. Gesagt, getan.

Ergänzend zum Bericht über die Fahrzeugpräsentation erstaunt beim neuen Qashqai die Motorisierung. Ein 1,2 und ein 1,6 Benziner sowie ein 1,5 und 1,6 Diesel stecken unter den Motorhauben. Der 1,2 Direct Injection Gasoline-Turbo (DIG-T)-Benziner ist ein in Reihe angeordneter Vier-Zylinder-Motor mit nur 1,197 cm ³ Hubraum und bietet 115 PS bei einem Drehmoment von 190 Newtonmetern. Hut ab, dass der kleine Motor den großen Wagen über die Vorderräder so solide bewegt, wobei allerdings im Stadtverkehr im Grunde permanent die rechte Hand auf dem manuellen Sechsgang-Schaltgetriebe ruht. Das reicht für Senioren. Die Jugend will`s dann doch schneller und wo die Hand hinrutsch, nun ja, das ist auch noch so eine Frage.

In hohen Gängen zu beschleunigen, stellt die Geduld auf ein Probe. Doch der SUV ist kein Rennwagen, auch wenn er Superbenzin schluckt. Den Start-/Stopp-Knopf betätigten wir pro Fahrt nur zwei Mal. Welche Motorisierung auch immer gefahren wird, alle Qashqais sind mit Start-Stopp-System ausgestattet.

© NissanDer 1,2 DIG-T-Benziner soll nach Pressemitteilung innerorts bei 6,9 und außerorts bei 4,9 Litern liegen. Diese Werte dürften wir bei unserer stinknormalen Fahrt durch Berlin und Brandenburg überschritten haben. Aber mal Hand aufs Herz in der Hauptstadt: Wer sich einen SUV zulegt, der will wohl weniger Sprit sparen als vielmehr auffallen, womit wir beim Wunderbarsten am neuen Nissan Qashqai wären: Der Wagen sieht für meinen Geschmack gut, vor allem kraftstrotzend und elegant zugleich aus. Der Japaner wirkt kein bißchen asiatisch. Mit dem Crossover kann man prima zu Konnopke`s Imbiß auf den Prenzlauer Berg fahren, um Currywurst zu futtern, oder rüber zu Udo Walz nach Charlottenburg, zum Haare frisieren.

Der „neue Stern am Crossover-Himmel“, so steht`s im aktuellen Nissan Magazin (1/2014) geschrieben, wird im englischen Sunderland gebaut. „Nissan Sunderland“ sei „das Meisterwerk“, in dem in drei Schichten „geschweißt, gelötet, gepresst“ und „lackiert“ werde, damit „alle 61 Sekunden“ ein Qashqai „vom Band“ läuft, und zusmmen mit den Nissan-Marken Juke, Note und Leaf die Produktionsstätte über den Port of Tyne „im Bauch riesiger Autofrachter ”¦ verlässt“.

© NissanDie beiden Diesel kommen auch aus Sunderland und einer, der stärkere von beiden, bewegt immerhin die Allrad-Variante vom Qashqai, die auf Eis und Schnee bestimmt die bessere Wahl wäre, doch für den Europäer der Metropolen, der Klein- und Großstädte, der Ballungsgebiete reicht beim Diesel der 110 PS-Motor mit einem maximalen Drehmoment von 260 Nm. Im Gegensatz zum 1,5 Diesel bietet der 1,6 Diesel 130 PS und 320 Nm. Doch wer diesen Motor für das 4x4i-Allradsystem möchte, der muß bei der Acenta-Ausstattung 28.900 Euro und bei der Tekna-Ausstattung 33.450 Euro auf den Tisch legen. Das ist nicht wenig. Hingegen ist das Einstiegsmodell mit  dem Benziner und der Basisausstattung bereits für 19.940 Euro zu kaufen. Das ist nicht viel.

Im Auto ist aber für den Preis jede Menge. Obwohl der Qashqai flacher geworden ist, scheint mehr Kopf- und Kniefreiheit zu herrschen. Ein echtes Plus. Im Innenraum, der höherwertiger wirkt, als er vom Material her sein dürfte, finde ich überall Stauraum und Ablagen, auch im Kofferraum, der jetzt etwas größer ist, vorher waren es 410 Liter, und rechnerisch auf 430 Liter kommt, bietet noch ein 12 Zentimeter tiefes, langes wie breites Fach für alles, was nicht ins Auge und vor die Füße fallen soll. Doch wer mit insgesamt vier oder fünf Personen auf große Fahrt möchte und für einen längeren Urlaub, möglicherweise einen Winterurlaub Kisten und Koffer mitnehmen muß, der wird mit diesem Kofferraum keine Freude haben. Dann hilft nur ein Dachgepäckträger oder die mit dem Auto reisende Person bleibt Single. Doch wer soll dann die nächste Generation des Qashqai kaufen?

Größer geworden ist übrigens auch der Touchscreen. Und das ist gut so, besonders für Nutzer von Smartphones!

Bei den technischen Raffinessen fallen mir neben dem autonomen Notbrems-Assistent, die Müdigkeitserkennung, der Einpark-Assistent und die Verkehrszeichenerkennung besonders der Spurhalte-Assistent (zu hören) und der Totwinkel-Assistent (zu sehen) auf. Wirklich, wer beim Wechseln der Fahrspur nicht blinkt, der bekommt es mit dem Spurhalte-Assistenten zu tun – wie ich. Wem diese nützlichen Eigenschaften zu viel an Blinken und Piepen ist, der kann sie ausschalten.

Zwar probierte ich die Müdigkeitserkennung aus, die bei „gehäuften ungewöhnlichen Lenkmanövern“ auftritt aus, und wurde wirklich gewarnt, doch ob die Bestnote von fünf Sternen beim Euro-NCAP-Crashtest gerechtfertigt ist oder nicht, das wollte ich dann doch nicht testen, selbst wenn Berlin und Brandenburg für eine gute Bruchlandung immer ein passender Ort ist. Ob beim Fahrgefühl die „Erschütterungen“ auf die maroden Straßen der Berliner Republik zurückzuführen sind oder aufs Fahrwerk? Testen Sie selbst! Am besten unternehmen sie zwei Testfahrten: die eine an der Spree und die andere an der Themse.