Am Anfang die Unschuld, am Ende der Tod – „La paranza dei bambini“ von Claudio Giovannesi im Wettbewerb der 69. Berlinale

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Szene aus dem Film "La paranza dei bambini". © Palomar

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Der italienische Film „La Parenza dei Bambini“ überzeugt in seiner Darstellung einer neapolitanischen Jugendbande vollends und ist zugleich eine Bestandsaufnahme jugendlicher Gewalt.

Die Interntionalen Filmfestspiele Berlin gelten gemeinhin als politisches Filmfestival, manche meinen, es sei das größte politische Filmfestival der Welt, was aber nicht heißt, dass es dort Stunde um Stunde und Tag für Tag politisch zugeht. Mehr als nötig ist auch das Politische Ware und Spektakel. Mit dem Wettbewerbsfilm „La Parenza dei Bambini“ wurde ein Beitrag auf der Berlinale präsentiert, der die Politik, insbesondere die Italienische, in den Focus der Betrachter rückte.

„Kein 15-Jähriger, der kriminell wird, ist allein Schuld daran.“

Roberto Saviano

Der Star dieses Streifens war kein Schauspieler oder Regisseur, sondern der Camorra-Experte und Bestsellerautor Roberto Saviano. Er lieferte 2016 die Romanvorlage für den Film und schrieb auch am Drehbuch mit. Sein Buch erschien auch auf Deutsch und trägt den Titel „Der Clan der Kinder“.

Dass der Autor unter Personenschutz steht, das ist bei Interessierten bekannt. Auf der Pressekonferenz nach der Pressevorführung war davon jedoch nichts zu spüren. Auf den Podium gaben die Beteiligten sich  geschlossen als Mannschaft, deren Hauptteil nicht einmal aus Autor, Regie oder den Produzenten bestand, sondern aus den Jungschauspielern, größtenteils Laiendarsteller, die hier unbekümmert auftraten, sich ihrer Verantwortung für diesen Film aber durchaus bewusst waren, zu erkennen. Die Jungs bildeten nämlich das zentrale Thema des Films.

„La Parenza dei Bambini“ handelt von kriminellen Straßengangs in Neapel. Dort macht der 15-jährige Nicola mit seinen gleichaltrigen Freunden Biscottino, Briatò, Lollipop, ‘O Russ und Tyson das Sanità-Viertel unsicher. Zu Beginn des Beitrags werden sie als „normale“ Jugendliche vorgestellt, doch was ist schon normal in einer Stadt wie Neapel? Die triebgesteuerten Jungs wollen in Nachtclubs rein, Mädchen aufreißen, Markenkleidung tragen und natürlich ordentlich einen drauf machen. Ohne Moos ist aber auch in Sanità nix los. Deswegen drängen und hängen sich am Geld – mit Verlaub: wie alle anderen. Am schnellsten und einfachsten geht es auf die krumme Tour, vor allem in den Armenvierteln der Millionenstadt nahe dem Vesuv.

Für den Überfall auf ein Juweliergeschäft werden sie vom lokalen Mafiaboss sogleich zurechtgewiesen. Die Beute müssen sie zwar zurückgeben, ein Job als Schutzgeldeintreiber für jenen Paten der in Neapel und umzu Camorra genannten (Familien-)Clans folgt allerdings auf dem Fuße, bauen sie doch nun keinen großen Unfug mehr und stehen unter der Kontrolle der großen Ganoven. Das nötige Kleingeld für die Clubs reicht jedenfalls. Als jener Mafiaboss dann bei der Hochzeit seiner Tochter verhaftet wird und eine konkurrierende Jugendbande ihnen ihr Schutzgeldgebiet streitig macht, ist ihnen klar, dass sie ihre Revier verteidigen und zu den Waffen greifen müssen. Sie erobern sich ihr Viertel zurück und werden die neuen Herren. Doch oben ist die Luft dünner, sind die Sitten rauer, ist die Gewalt gegenwärtig und sind die Waffen ständige Begleiter. Das Schicksal ist vorbestimmt. Aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt gibt es kein entrinnen, jedenfalls nicht lebendig, sondern nur als Leich.

Der Spielfilm von Regisseur Claudio Giovannesi zählt eindeutig zu den stärksten Beiträge des Wettbewerbs der 69. Berlinale. Dieser Film versteht es das Lebensgefühl sowie die Lebensbedingungen der Jugendlichen einzufangen und auf die Leinwand zu übertragen. Allein das ist schon spannend genug. Daraus zieht der Film seine ganz Kraft und braucht hier im Gegensatz zu anderen Erzählungen keine groß angelegten und herbeigedreht Dramaturgie oder einen protzenden Plot. Das alles ist beinahe nebensächlich, unwichtig sogar. Spannend bis zum Schluss nach über 100 Minuten hätte die Geschichte durchaus noch länger weiterlaufen können.

Den Autoren Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi und Roberto Saviano ging es darum, die Zustände und Zwänge, in denen diese Jugendbande lebt und leidet und lustig ist, im Film realistisch einzufangen. Und so hat der Kinofilm dann weniger den Charakter eines Spielfilms, sondern mutet fast schon dokumentarisch an. Er hat in seiner Inszenierung nichts Gekünsteltes, Aufgesetztes, geschweige denn eine ästhetisch oder stilvoll gestaltete Szene. Giovannesi verzichtet darauf völlig. Auch mit Musik wird sparsam umgegangen und das ist gut so.

Giovannesis Erzählstil ist extrem nüchtern, klar und bleibt es bis zur letzten Minute. Dem Filmteam um Claudio Giovannesi, Roberto Saviano und den Laiendarstellern ist ein wirklich großer und nachhaltiger Wurf gelungen. Gratulation.

Filmografische Angaben

Originaltitel: La Parenza dei Bambini
Originalsprache: Italienisch
Land: Italien
Jahr: 2018
Regie: Claudio Giovannesi
Buch: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi und Roberto Savigano
Romanvorlage: Roberto Savigano
Kamera: Daniele Ciprì
Schnitt: Giuseppe Trepiccione
Musik: Claudio Giovannesi, Andrea Moscianese
Darsteller: Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Mattia Piano Del Baldo, Ciro Vecchione, Ciro Pellecchia, Ar Tem, Alfredo Turitto, Pasquale Marotta, Luca Nacarlo, Carmine Pizzo
Dauer: 110 Minuten

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