Als Leuchtturmwärter auf einer Piraten-Insel – Nur etwas für hartgesottene Individualisten

Blick vom Funkmast auf die Ostseite der Insel Keri mit Leuchtturm. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Estland – ein kleines baltisches Land, aber unglaublich reich an Inseln: 2222, davon nur 19 bewohnt. Und genau die kleinste soll es für die nächsten Tage sein. Dazu ideal gegen Corona-Ansteckung.

Bis dahin sind es von dem kleinen Bootshafen bei Tallinn rund 20 Seemeilen.

Die estnische Insel Keri im Finnischen Meerbusen. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Langsam senkt sich die Dämmerung über den Finnischen Meerbusen. Aber es gibt einen Wegweiser mit jeweils zwei Lichtsignalen, unterbrochen von mehreren Sekunden Pause. Die Kennung des 31 Meter hohen Leuchtfeuers von Keri.

Vorsichtig tastet sich der Bootsführer Peep durch das Flachwassergebiet, aus dem Findlinge wie Walrücken auftauchen und Gefahr bedeuten. „Tere! Willkommen auf Keri, der vergessenen Insel! Nicht mal der Tod findet dich hier“, grinst der Este. Zur Hansezeit sei Keri deshalb auch ein Piratenversteck gewesen. Das GPS zeigt, dank Insel-Funkmast, exakt 59 Grad 69 Minuten Nord und 25 Grad 01 Minute Ost an.

Der Leuchtturm auf der estnischen Insel Keri. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Erster gasbefeuerter Turm

Es riecht muffig. Die Räume scheinen fluchtartig verlassen worden zu sein. In der primitiven Kombüse gibt es zumindest Gas zum Kochen. Für Strom sorgt ein Dieselgenerator aus sowjetischer Produktion im Nachbarhaus. „Wasser haben wir auch“, ist Peep stolz, „aus dem ersten Bohrloch strömte vor 200 Jahren Gas, das man praktischerweise für die Beleuchtung nutzte. Damals der erste gasbefeuerte Turm der Welt. Das Leuchtfeuer wird heute mit Solarenergie versorgt“.

Am Ende eines langen, finsteren Gangs mit aufgerissenen, knarrenden Holzdielen das „Schlafgemach“: vier Bettgestelle, ein wackliges Tischchen, eine zersessene Couch. In der Decke klafft ein riesiges Loch. „Wir würden ja gern alles renovieren“, entschuldigt sich Peep, „aber das Geld dafür fehlt, obwohl die Insel samt Gebäuden ein Denkmal ist“.

Eingang zur Wohnbaracke von Keri noch mit kyrillischer Beschriftung. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Schon vor 10.000 Jahren

Der einzige Plattenweg führt an der Sauna vorbei zum „Kino“, das mit zerschlissenen Klubsesseln vollgestellt und ungemütlich kalt ist. Peep wirft die altertümliche Technik an. Über die Leinwand flimmert ein selbst produzierter Streifen zur langen Geschichte von Keri, 1623 erstmals urkundlich erwähnt. 1719 wurde auf Befehl Zar Peter I. ein Leuchtturm errichtet, der heutige 1803 in Betrieb genommen und 1857 mit einem Metallaufsatz verstärkt. 2003 verließ der letzte Leuchtturmwärter die 300 mal 100 Meter lange Insel. Und die wächst auch noch. Nachdem das letzte Eis vor 10.000 Jahren geschmolzen war, hebt sich das Land Nostalgikern gefällt das „sowjetische Ambiente“, das sie nicht verändert wissen möchten. Nach der Einweisung wird es Zeit, Abschied zu nehmen.

„Ich ruf dich an“, hat er noch gerufen, „um dich abzuholen!“ Das könne früher oder später sein, je nach Wetterlage. Zu essen ist genug im Rucksack, auch warme und Regenklamotten.

„Luxus“-Schlafraum in der Leuchtturm-Bracke von Keri. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Wilde Träume in der Nacht

Erste „Amtshandlung als Leuchtturmwärter“: ein Pott heißer Tee mit Schuss, dann den Ofen anheizen. Bretter sind schnell gefunden.

Der Wind pfeift um die Baracke. Zeit, um mit Trainingsanzug und Socken in den Schlafsack zu kriechen. Auf dem Tisch flackern Kerzen, die das Kabuff in ein gespenstisches Licht tauchen und dunkle Figuren an die Wände projizieren. Undefinierbare Knack- und Knirschgeräusche verhindern jeglichen Schlaf. Irgendwann trommelt ein Regenschauer auf das Blechdach und sorgt bald für wilde Träume von herumgeisternden Leuchtturmwärtern und an Land gespülten Schiffbrüchigen.

Der nächtliche Gang zur Toilette schließlich wird zum Alptraum. Kein Licht, weil der Generator abgestellt ist, um Sprit zu sparen. Den langen Gang muss man sich stolpernd entlang tasten, bis man durch zwei Türen den Weg nach draußen gefunden hat, denn das Klo ist einfach nicht zu finden.

Mondschein und Leuchtfeuer von Keri in Konkurrenz. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Angenagt von Wind und Wetter

Inselerkundung. Einen Steinwurf vom „Wohnhaus“ entfernt die Sauna. Die braucht zwei Stunden zum Aufheizen, also dann nachmittags.

Durch Flieder- und Heckenrosen-Gebüsch bahnt man sich den Weg zum Leuchtturm, dessen gemauerte Rundform wie ein gewaltiger Festungsbau wirkt. Eine metallene Kreuzkonstruktion davor weist auf zwei Gedenktafeln hin: den Abschuss der finnischen JU 52 „Kaleva“ 1940 durch einen sowjetischen Jagdflieger. Zwölf Menschen starben dabei. Das Wrack soll vor Keri liegen, wurde aber nie gefunden.

Ein Wohnraum in der Leuchtturmwärter-Baracke von Keri. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Die Ostseite des mächtigen Seezeichens ist von Wind und Wetter angenagt und einsturzgefährdet. Ein paar Balken sollen die traurige Ruine abstützen.

Langsam gewöhnt man sich an die Unzulänglichkeiten und Härten und findet das alles bald gar nicht mehr so schlimm. Im Gegenteil: Man schaut hinüber zum geahnten Festland und ist froh, für eine Weile den vielfach hohlen Aufgeregtheiten und dem Massenbetrieb der übrigen Welt entflohen zu sein. Die Stille sorgt für innere Ruhe und Ausgeglichenheit.

Irgendwann klingelt das Mobiltelefon und Peep meldet sich: „Das Wetter ist gut heute für die Überfahrt, morgen soll´s schon wieder kräftig blasen“.

Infos:

Keri: peep@keri.ee

Bei Peep kann man sich für einen Gratis-Insel-Aufenthalt bewerben; bezahlt werden muss lediglich die Überfahrt – 20 Euro pro Person – und die selbst vorher einzukaufende Verpflegung.

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