Gauk-ler

Eher ist der Einladende auf die Mitwirkung des „berühmten“ Eingeladenen angewiesen und damit von ihm abhängig. Oder: kann ein erfolgreicher Manager oder  Politiker eine Einladung eines ebenfalls erfolgreichen Mitmenschen ablehnen, ohne ggf. Schaden für seine künftige Entwicklung in Wirtschaft und Politik zu nehmen?

Haben diese Einladungen also etwas Zwanghaftes? Und haben Kostenübernahmen für Spesen hierbei überhaupt eine Bedeutung, vor allem eine moralische? –  Die Zwanghaftigkeit besteht, wenn das Ego und das Image des Einladenden Bedeutung hat. Die moralische Bedeutung von Spesenübernahmen ist abhängig von der willkürlichen Blickrichtung des Betrachters, seinen Zielstellungen, Einflüssen und Möglichkeiten. Das Zusammenspiel von Erwartungshaltungen, eingeschliffenen Usancen, persönlichem Ambiente, Sitten und Gebräuchen bestimmt die gesellschaftliche Bewertung, die das Besondere und das Gewohnte gleichermaßen liebt, das Anderssein und das Ungewohnte aber kompromisslos ablehnt, ja sogar straft. Wer sich aus den gewohnten Verhaltensmustern heraushält, hat eigentlich schon verloren.

Fehler können aber nicht nur von dem vom Erfolgsambiente Beseelten, sondern auch vom gesellschaftlichen Umfeld und den dort Handelnden gemacht werden. Wobei diese Handelnden stark in die Medienwelt verstrickt sind und auch in dieser besonderen Welt dem bewußten oder unbewußten „Zwang“ unterliegen, mit den Wölfen zu heulen, am lautesten zu heulen und am ehestem bemerkt werden zu wollen.  –   Diesen Fehlern fiel der deutsche Bundespräsident Wulff zum Opfer. Eigenen und anderen. Auch der Tatsache, daß von zu wenigen Stimmen einflussreichen Gewichtes Gegenmaßnahmen  ergriffen wurden, die das komplett absurde Theater ad absurdum geführt haben. Vielleicht liegt es an dem Mangel an anerkannten „Meinungsmachern“, die aus dem Milieu der Durchschnittlichkeit herausragen. Die Parteienlandschaft gibt da wirklich wenig her: bei CDU/CSU wird vor allem von der Bundeskanzlerin Meinungsführerschaft erwartet; allerdings scheint Frau Merkel eher darauf zu warten, zu erkennen, welche Meinung gerade gefragt ist, bevor sie sich – wenn überhaupt – äußert. Bei der SPD ist Parteipolemik ohne individuell ausgeprägte Könnerschaft an der Tagesordnung: was wollen die eigentlich, diese volksverratenden hartzvierigen Sozis? Haben die sich jemals von der  asozialen Agenda  10 losgesagt oder hängen die immer noch an den Klischees von Müntefering (Rentenalter 67), Schröder (Hartz 4, Steuerrabatt für Reiche), Clement (Jobbefristung, Leiharbeit, Jobcenter), Steinbrück (Griechenland, Unternehmenszerschlagung durch ausländische „Investoren“= Heuschrecken)? Der Parteivorstand hat bis heute kein Konzept für eine soziale Agenda  auf den Tisch gelegt. Nahles, Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: wie kann einer von diesen Dreien Deutschland führen? Auch Wowereit macht da keine bessere Figur, hat er doch die Sanierung des Berliner Haushaltes auch in zehn Regierungsjahren nicht voranbringen können. – Die FDP spricht da eher Klartext, jedenfalls aus dem Rösler-Mund. Aber Rösler allein ist auch kein ausreichendes Konzept. Der ursprünglich Unternehmensunterstützende Aspekt seriöser Parteigranden der FDP (Dehler, Flach, Genscher, Baum, Scheel, Gerhard, ”¦) ist heute kaum sichtbar. – Bei den Grünen gibt es die Abwendung von der Ökologie hin zur Zielsetzung einer bestimmenden Kraft im gesellschaftlichen Rundumschlag, geprägt von Führungsunklarheiten zwischen Roth, Künast, Özdemir, Trettin. – Bei den Piraten ist man unverändert von der Verwirrung fasziniert, dass keiner offensichtlich so recht weiß, wohin die Reise geht.

Die parteienlandschaft ist Also aktuell in einem Gauklerzustand, der den Wählern vormacht, alles sei wie es ist in Ordnung. Dazu passt in gewisser Weise die keineswegs als „in Ordnung“ zu bezeichnende Wahl bzw. Auswahl des heutigen deutschen Bundespräsidenten, der vom moralischen Aspekt keineswegs  über seinen Vorgänger im Amt herausragt: Der von Gauck in Anspruch genommene Freiheitsbegriff  ist nun wirklich nicht seine Erfindung – da ist der (umstrittene) Wulff-Begriff von der Integration des Islam in die deutsche Realität wesentlich originärer.

Gauck hat mit intransparenten, nach öffentlichem Verständnis unmoralischen Verhaltensweisen in seinem persönlichen Umfeld sein Amt angetreten: Er ist verheiratet mit der Mutter seiner Kinder und lebt gleichzeitig in ehelicher Gemeinschaft mit einer aktuellen Lebensgefährtin. Das mag für den Privatmann Gauck gehen, aber geht das auch für den Bundespräsidenten Gauck? Er könnte ja zu den Mormonen wechseln, umchristlich bleiben und gleichzeitig polygam leben zu können. Aber ausgerechnet: Moralapostel  im kirchlichen Amt, Nachfolger eines aus angeblich moralischen Gründen geschassten Bundespräsidenten, selbst aber „in Sünde“ lebend: das kommt irgendwie nicht zusammen. Wie kann jemand, der in seinem privaten Bereich derartige gesellschaftsauflösende Tendenzen praktiziert, unseren Staat als höchster Repräsentant vertreten? Oder ist es die Zielsetzung aller Personen, die ihn in der Bundesversammlung gewählt haben, die familienlose Gesellschaft in polygamer  Struktur einzuführen. Dieses Bekenntnis der Wählerschaften habe ich nicht vernommen! Überstrahlt die „Leistung“ unseres heutigen Bundespräsidenten seine nicht sichtbar gewordenen politischen Kompetenzen?  Na ja, wenigstens ist er ein netter Mann, so wie er über den Monitor „rüberkommt“. Gauck ist jedenfalls der erste Bundespräsident, der ohne jegliche Vorleistung in wesentlichen politischen oder sonstigen öffentlichen Ämtern für die Ausübung dieses mit Vorbildfunktionen behafteten Amtes erwählt wurde. Steigerungsfähigkeit und Erwartungen sind deshalb gleichermaßen hoch. Doppelmoral und Intransparenz haben da jedenfalls keinen Platz.

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