Donnerstag, 04. Juni 2026
Politik Im Pantheon der Kollaborateure

Im Pantheon der Kollaborateure

Werchowna Rada in Kiew.
Werchowna Rada, die Parlamentarier der Ukraine sitzen in diesem Gebäude in Kiew. Daneben: der sogenannte Präsidentenpalast. © Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, Ort und Datum der Aufnahme: Kiew, 8.6.2017

Berlin, BRD (Weltexpress). Die Ukraine holte die Leichname von Nazi-Kollaborateuren aus dem Ausland heim, benannte eine Spezialkräfteeinheit nach Massenmördern und plant weitere Umbettungen. Darüber berichtete „German Foreign Policy“ in einem Beitrag, den die Zeitung der KP Luxemburgs „Letzeburger Vollek“ am 3. Juni übernahm.

Ende Mai ist der Leichnam von Andrij Melnik aus Luxemburg in die Ukraine überführt und dort erneut begraben worden, im Beisein von Präsident Selenski. Melnik war Anführer der OUN(M) (Organisation Ukrainischer Nationalisten Melnik), einer Organisation ukrainischer Nazi-Kollaborateure, von denen viele der Waffen-SS-Division Galizien beitraten. Zudem hat Selenski einer Einheit der ukrainischen Spezialeinsatzkräfte den Titel »Helden der UPA« verliehen. Die UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) massakrierte im Zweiten Weltkrieg fast 100.000 Polen und zahllose Juden.

Protest gegen die Maßnahmen kam aus Polen und aus Israel, in Luxemburg wurde der ukrainische Botschafter einbestellt. Kiew plant jetzt die Errichtung eines »Pantheons herausragender Ukrainer« und will dazu weitere Kollaborateure der Nazis umbetten.

»Helden der Ukraine«

Die staatliche Ehrung von Nazi-Kollaborateuren ist in der Ukraine kein neues Phänomen. Sie begann unter dem prowestlichen Präsidenten Wiktor Juschtschenko (2005 bis 2010), der 2007 Roman Schuchewitsch und 2010 Stepan Bandera posthum zu »Helden der Ukraine« erklärte. Schuchewitsch war einer der Anführer der UPA und setzte den Krieg gegen die Sowjetunion noch nach 1945 im Untergrund fort. Bandera war Anführer der OUN(B), die mit Melniks OUN(M) rivalisierte. Nach dem prowestlichen Umsturz im Februar 2014 in Kiew häufte sich dort die Aufwertung der Nazi-Kollaborateure.

Im April 2015 stufte das ukrainische Parlament die Mitglieder von OUN und UPA als »Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit« ein; seither ist es laut dem Parlamentsbeschluß nicht erlaubt, die »Legitimität« ihres »Kampfes für die Unabhängigkeit der Ukraine« in Frage zu stellen. Seit 2015 ist darüber hinaus der Gründungstag der UPA, der 14. Oktober, ein staatlicher Feiertag. Seit 2018 wiederum lautet die offizielle Grußformel der ukrainischen Streitkräfte: »Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!« Zuvor war dies die offizielle Grußformel der OUN. Der Hinweis, sie sei älter als die OUN, ist nicht weniger zutreffend als die Feststellung, ihr deutsches Äquivalent »Sieg Heil« sei älter als die NSDAP.

Waffen-SS-Division Galizien

Aktuell erhält die Aufwertung ukrainischer Nazi-Kollaborateure einen neuen Schub. Zunächst wurde die Umbettung des Leichnams des 1964 verstorbenen Anführers der OUN(M), Andrij Melnik, in die Ukraine organisiert. Melniks sterbliche Überreste wurden am 19. Mai in Luxemburg exhumiert, nach Kiew gebracht und anschließend auf dem Nationalen Militärfriedhof nahe der ukrainischen Hauptstadt im Rahmen einer Staatszeremonie bestattet. Anwesend waren unter anderem Präsident Wolodimir Selenski und der seit Jahresbeginn amtierende Leiter des Präsidialamts, Kirilo Budanow, der laut Berichten die treibende Kraft hinter der Maßnahme gewesen sein soll.

Melnik und die OUN(M) kollaborierten in ihrem Bestreben, die Ukraine aus der Sowjetunion herauszubrechen und sie in einen autoritär geführten Staat nach faschistischem Modell umzuwandeln, intensiv mit dem Nazi-Reich. Erst als sie nach dem Überfall auf die Sowjetunion die Gründung eines ukrainischen Staates konkret in Angriff nehmen wollten, nahmen die faschistischen deutschen-Behörden, die dies ablehnten, Melnik in Haft. Mitglieder der OUN(M) waren maßgeblich am Aufbau der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1) beteiligt, die als Waffen-SS-Division Galizien bekannt ist. Sie war an Massakern an der polnischen Bevölkerung Wolhyniens und Ostgaliziens mit weit mehr als tausend Todesopfern beteiligt.

»Die historischen Traditionen der Streitkräfte«

Verantwortung für den größten Teil der Todesopfer bei den Massakern in Wolhynien und Ostgalizien, bei denen von Februar 1943 bis Kriegsende insgesamt bis zu 100.000 polnische Zivilisten ermordet wurden, trägt allerdings die UPA. Im Unterschied zur Waffen-SS-Division Galizien sammelten sich in ihr insbesondere Mitglieder der OUN(B), darunter auch solche, die bereits zuvor an Pogromen und Massakern an der jüdischen Bevölkerung in Gebieten der von der deutschen Wehrmacht okkupierten Sowjetunion beteiligt waren, so etwa Ende Juni 1941 in Lemberg, dem heutigen Lwow. Dort ermordeten OUN-Milizionäre gemeinsam mit den deutschen Besatzern rund 4.000 Jüdinnen und Juden. Die ab 1943 folgenden Massaker der UPA an polnischen Zivilisten zielten darauf ab, in Wolhynien und Ostgalizien ein nur noch ukrainisch besiedeltes Territorium zu schaffen, auf dem nach Kriegsende ein ukrainischer Staat entstehen sollte. Den Massakern der UPA fielen auch zahllose Jüdinnen und Juden zum Opfer; damit beteiligte sich die ukrainische Miliz am Völkermord an den Juden.

Am Dienstag vergangener Woche trat ein Dekret in Kraft, mit dem Präsident Selenski nun einer Einheit der ukrainischen Spezialeinsatzkräfte den Titel »Helden der UPA« verlieh. Dies geschah laut Selenski »mit dem Ziel, die historischen Traditionen der nationalen Streitkräfte wiederzubeleben«.

»Anlaß zu großer Sorge«

Die Umbettung von Melnik und die Verleihung des Titels »Helden der UPA« an die Einheit der Spezialkräfte sind international auf Protest gestoßen. So hieß es in einer Stellungnahme des israelischen Außenministeriums, man »bedaure die Entscheidung, für den OUN-Führer Melnik, der mit den Nazis kollaborierte, eine offizielle staatliche Umbettungszeremonie abzuhalten«; es dürfe »keinen Platz dafür geben, die historische Wahrheit und das Andenken an die Opfer zu ignorieren, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden«. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte, Melniks Umbettung gebe »Anlaß zu großer Sorge«: »Die Ehrung des Führers einer Bewegung, die Nazi-Deutschland während der Verfolgung und Ermordung von Millionen von Juden unterstützte«, untergrabe »die moralische Integrität«, die »für das Gedenken an den Holocaust unerläßlich« sei.

»Tiefe Mißbilligung«

Die erneute Ehrung der UPA wiederum löst vor allem in Polen Unmut aus. Dort hat das Außenministerium am 28. Mai dem ukrainischen Botschafter seine »tiefe Mißbilligung« der Maßnahme übermittelt; am 29. Mai bekräftigte der polnische Geschäftsträger in Kiew dies bei einem Gespräch im ukrainischen Außenministerium. Gleichfalls am 29. Mai teilte der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki mit, er werde dafür sorgen, daß seinem ukrainischen Amtskollegen Selenski der Weiße-Adler-Orden aberkannt werde. Selenskyj hatte den Orden, die höchste Auszeichnung des polnischen Staates, im April 2023 erhalten – mit der Erläuterung des damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda, er bekomme die Auszeichnung als »außergewöhnliche Persönlichkeit«, die ihren Staat »in der schwierigsten Phase der ukrainischen Geschichte nicht im Stich gelassen« habe.

In Warschau werde nun am Montag kommender Woche über die Aberkennung des Ordens entschieden, heißt es. In Polen ist mittlerweile Ministerpräsident Donald Tusk bemüht, die Wogen zu glätten. Dazu rückt er die Massenverbrechen der OUN und der UPA in den Hintergrund. Polen und die Ukraine hätten einen gemeinsamen Feind, erklärte Tusk Ende vergangener Woche mit Bezug auf Rußland; wenn man sich einen Streit um »historische Emotionen« leiste, dann habe Moskau Anlaß zu feiern. Das gelte es zu vermeiden.

»Eine Demütigung«

Während Protest aus den Ländern kommt, in denen Angehörige und Nachfahren der Opfer der ukrainischen Nazi-Kollaborateure leben, bleiben Reaktionen der Bundesregierung, die sich rühmt, die stärkste Unterstützerin der Ukraine zu sein, aus. Berlin toleriert damit die Ehrung rassistisch-antisemitischer Massenmörder – und läßt deren Gegner im Stich, so zum Beispiel die ukrainische Holocaust-Forscherin Marta Havryshko; sie nannte Melniks Umbettung »eine Demütigung für alle, die einst glaubten, daß ‚Nie wieder‘ in der heutigen Ukraine noch eine Bedeutung habe«.

Dabei zeichnet sich ab, daß deutsche Behörden sich womöglich schon in Kürze an identischen Maßnahmen beteiligen könnten. Laut Berichten plant die Kiewer Regierung, ein »Pantheon herausragender Ukrainer« zu errichten, das »ein besonderer Ort der Wertekonsolidierung des ukrainischen Volkes« sein soll. Dazu soll nun die Umbettung der Leichname weiterer ukrainischer Nationalisten vorbereitet werden. Bereits genehmigt ist demnach zum Beispiel die Überführung der sterblichen Überreste des OUN-Gründers Jewgen Konowalez, der in Rotterdam begraben ist. Denkbar ist auch die Umbettung von Jaroslaw Stetsko, der die OUN nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem bundesdeutschen Exil weiterführte, sowie von OUN(B)-Anführer Stepan Bandera. Stetsko und Bandera sind auf dem Münchner Waldfriedhof begraben. Die Überführung ihrer Überreste setzt eine Zustimmung staatlicher Stellen in Deutschland voraus.

Anmerkung:

Siehe die Beiträge

im WELTEXPRESS.

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