Flucht durch Fenster und Lüftungsschacht – Die Justizvollzugsanstalt Plötzensee, ein „Haus der offenen Tür“?

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Ausflug
Ausflug. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Ich wills mal so sagen: Wenn der gefährlichste Drogenboss aller Zeiten Joaquín „El Chapo“ Guzmán sich von seiner Zelle durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel aus einem Hochsicherheitsgefängnis wühlt, dann amüsiert ein solch unglaublicher Gefängnisausbruch halb Europa. Die spektakuläre Flucht durch den mit Frischluft und elektrischem Licht versorgte Stollen in die Freiheit, sorgte bei den Journalisten besonders hierzulande für vergnügliche Schenkelklatscher und hämische Schadenfreude. Nun ja, so dachten auch viele Bürger. Die Mexikaner halt, die merken nicht einmal, wenn tonnenweise Abraumerde im Gefängnishof aufgetürmt werden.

Jetzt allerdings haben deutsche Ausbrecher in Plötzensee den Mexikanern einmal gezeigt, wo der Hammer hängt. Sie haben dem Drogenbaron Guzman bewiesen, dass man ihn hinsichtlich Effizienz, Schnelligkeit und handwerklicher Gründlichkeit um Längen schlagen kann, wenn man es richtig anstellt. Es wurde ja auch allmählich Zeit, dass Deutschland endlich den Titel „Ausbruchkönig“ wieder nach Hause holte. Mit schwerem Gerät und handwerklicher Kompetenz gingen die hoch qualifizierten Fachleute für Einbruch, Raub und Diebstahl zur Sache. Vier Männer flexten sich durch 25 Zentimeter armierten Stahlbeton, um dann mit Vorschlaghammer und Bormeißel den schmalen Durchbruch auf bequeme Körpermaße zu erweitern.

Nun stellt sich jedem Heimwerker, der in seiner Neubauwohnung einmal Vorhangschienen an der Decke befestigt hat, die Frage: Wie zur Hölle kriege ich mit meiner nagelneuen Hilti ein Dübelloch zustande, ohne dass ich mir dabei das Genick breche. Beinahe jeder herkömmliche Mieter kennt das nervende Problem, wenn beispielsweise in einer Wohnung fünf Stockwerke tiefer ein rabiater Handwerker eine Wand versetzt. Er regelt seinen Fernseher vergeblich auf Maximalstärke, schaltet nach 5 Minuten entnervt ab und verlässt das Haus. Sofort umgibt ihn himmlische Ruhe, wenn man mal vom normalen Verkehrslärm absieht, und er atmet erleichtert auf.

Auf welche Weise die vergleichsweise leistungsstarke Flex, Vorschlaghammer und Hochleistungsmeißel in den Zellentrakt gelangten, kann man sich unter den Schließern und dem Wachpersonal freilich nicht erklären. Schon das 8 Meter lange Abrollkabel zur Steckdose ist von der Größe her auffallend genug. Ich will ja nicht katholischer sein als der Papst, aber dass man in einer Gefängniszelle sogar Gerätschaften bedienen kann, für die man Starkstrom benötigt, grenzt aus meiner Sicht an eine geradezu beispielhafte humanistische Gefangenenbetreuung. Vermutlich haben sich die schweren Jungs das Profiwerkzeug online bei Obi bestellt und sich die Ware als Weihnachtspaket frei Haus zustellen lassen.

Die Justizverwaltung in Berlin räumte bei einer Pressekonferenz zähneknirschend ein, dass da was schiefgelaufen ist und verweist in Sachen Fahndung an die Polizei. Dort gibt man sich bedeckt und bestätigt lediglich, dass die meisten Schließer zwar nicht immer richtig zählen können aber man ohne Ansehen der Person fahndet. Der Bürger allerdings wundert sich und fragt, wie es möglich sein kann, dass kein Schwein merkt, dass in einer Gefängniszelle umfangreiche Bauarbeiten für die Neugestaltung der Fenster stattfinden. Bei diesem Lärmpegel dürften selbst die Zellennachbarn ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden haben. Allerdings scheint sich niemand beim Wachpersonal darüber beschwert zu haben.

Beim regelmäßigen Zählappell der Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee, – wen wunderts -, ist nicht einmal aufgefallen, dass ein paar ihrer Kunden fehlen. Wenn man noch in Betracht zieht, dass die Ganoven bei ihrer Schwerstarbeit gefilmt wurden, könnte man glatt auf den Gedanken kommen, dass man in der Justiz einige Lehrfilme zur gründlicheren Ausbildung des Wachpersonals benötigt. Insofern haben solche Ereignisse ja auch etwas Gutes. Glücklicherweise handelte es sich bei den Geflüchteten nicht um Gewaltverbrecher, sondern lediglich um ein paar Leute, die nach langen Jahren der Abstinenz das Neujahrsfest alternativ feiern wollten.

Selbstredend will man bei den Behörden keine Verantwortung übernehmen. Weshalb auch, zumal es nur einem halben Dutzend Gefangenen gelungen ist, dem Hochsicherheitsgefängnis den Rücken zu kehren. Schließlich hätten es auch leicht mehr sein können. Wie sagte Justizsenator so griffig? Die Persönlichkeitsrechte der Flüchtlinge gingen vor. Aber ich will ja nicht ungerecht sein. Immerhin entschloss sich ein Ausbrecher, in die Justizanstalt wieder zurückzukehren. Allerdings wundert es mich, dass man den Kerl ohne Personalausweis oder Sondergenehmigung wieder reingelassen hat.

Man kann es drehen und wenden wie man will, mir war bislang trotzdem nicht bekannt, welch fürsorgliches Verständnis bei den Behörden für Verbrecher aufgebracht wird. Ach nein, stimmt ja gar nicht, damals auf der Domplatte in Köln legten die Sicherheitsorgane bei der Verfolgung von Straftaten auch jede Menge Fingerspitzengefühl an Tag.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Claudio Michele Mancini wurde im Scharfblick am 2. Januar 2018 erstveröffentlicht.

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