„Der Mensch lernt vom Pferd Menschlichkeit“ – Jenny Wild und Peer Claßen im WELTEXPRESS-Exklusivinterview

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Jenny Wild und Peer Claßen © Jenny Wild und Peer Classen, Foto: Bea Wild
Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland (Weltexpress). Bernd Paschel sprach mit Jenny Wild und Peer Claßen über ihr Buch „Übungsbuch – Natural Horsemanship“. Wild und Claßen arbeiten gemeinsam als Natural-Horsemanship-Trainer. In Ihren Kursen geht es nicht um eine starre Trainingsmethode, sondern darum, viel Freude, eine echte Partnerschaft und wahres Verständnis zwischen Mensch und Pferd zu erreichen. […]

Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland (Weltexpress). Bernd Paschel sprach mit Jenny Wild und Peer Claßen über ihr Buch „Übungsbuch – Natural Horsemanship“. Wild und Claßen arbeiten gemeinsam als Natural-Horsemanship-Trainer. In Ihren Kursen geht es nicht um eine starre Trainingsmethode, sondern darum, viel Freude, eine echte Partnerschaft und wahres Verständnis zwischen Mensch und Pferd zu erreichen.

Paschel: Einsteigen in das Gespräch möchte ich direkt mit einer grundsätzlichen Frage. Ist Natural Horsemanship überhaupt vereinbar mit Gebissreiten bzw. scharfer Zäumung?

Wild: Für mich persönlich tatsächlich nicht! Wir sind immer gerne offen, uns vom Gegenteil überzeugen zu lassen, weshalb wir auch schon diverse Gebisskundeseminare besucht haben. Es ist uns wichtig zu verstehen, welchen Sinn und welche Auswirkungen die unterschiedlichen Gebisse aufs Pferdemaul und fürs Reiten haben. Leider kenne ich nur eine Handvoll Reiter, bei denen ich wirklich sagen würde, dass sie feinfühlig und emphatisch genug reiten, um dem Pferd durch die Anwendung des Gebisses keine Schmerzen zuzufügen. Auch wenn die wenigsten Reiter dies wahrhaben wollen oder sich hierüber wahrscheinlich gar keine Gedanken machen, sehe ich die Anwendung von Gebissen sehr oft lediglich zur Nutzung von „Kontrolle durch Schmerz“.

Mit Feinheit und Weichheit hat das wirklich selten etwas zu tun!

Auf einem tief beeindruckenden Seminar der ehemaligen Dressur- Olympia- Reiterin Karen Rohlf (www.dressagenaturally.net) war auch das Thema, Reiten mit Gebiss, wichtiges Thema. Karen sagte: „Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr das Gebiss zur Kontrolle braucht, solltet ihr es auf keinen Fall benutzen.“

Claßen: Für mich ist es grundsätzlich schon vereinbar, wenn man weiß, was man mit dem Gebiss tut. Eine gute NHS Ausbildung fördert ja in erster Linie eine weiche, offene, fühlende und nachgebende Hand. Wenn man NHS wirklich verstanden hat, weiß man, dass es u. a. darum geht, dem Pferd etwas zu lehren und nicht etwas von ihm zu fordern. Hier kann ein vernünftig angewandtes Gebiss durchaus sinnvoll sein.

Paschel: Gelegentlich begegnen mir auch ReiterInnen, die das Gebiss mit Gefühl und nicht mit Kraft handhaben. Diese könnten in der Regel auch sofort auf gebisslos umstellen. Aus Angst vor Kontrollverlust setzen sie es aber nicht in die Praxis um.

Durch das Gebiss traumatisierte Pferde brauchen nach meiner Erfahrung gelegentlich etwas mehr Zeit, wenn man sie umstellen will.

Wie sind da Eure Erfahrungen?

Wild: Traumatisierte Pferde brauchen mitunter sehr viel mehr Zeit, als andere Pferde. Uns sind in unserer Praxis schon mehr als traurige Fälle begegnet und wenn es dann heißt, es ist Gang und Gäbe, dass auf derart brutale Weise mit den Pferden umgegangen wird, muss ich jedes Mal weinen. Ich persönlich würde bei solchen Pferden erst ganz gezielt am Boden wieder versuchen das Vertrauen aufzubauen und dem Pferd zu zeigen, dass es nicht mit Schmerzen und Bestrafung rechnen muss. Wenn sich ein Mensch einem solchen Pferd annimmt, muss ihm klar sein, dass es Jahre dauern kann, bis das Pferd wirklich glauben kann, dass nicht doch im nächsten Moment wieder das Grauen eintritt. Eine gebrochene Pferdeseele zu heilen bedarf extremster Arbeit an sich selbst, ohne Erwartungen und mit sehr viel Empathie und Geduld! Wenn es dann doch wieder ans Reiten geht, natürlich gebisslos, sieht man den Pferden die Erleichterung sofort an. Und da man sie am Boden entsprechend vorbereitet hat, wissen sie bald, daß beim Reiten die gleichen Prinzipien und die gleiche Kommunikation gilt wie am Boden.

Claßen: Ja, es kommt drauf an, manche Pferde übertragen ihre (Angst)- Muster auch auf eine gebisslose Zäumung, andere sind dagegen dankbar, nichts mehr im Maul zu haben und reagieren sehr schnell mit weniger Unsicherheit und Gegenwehr als beim Gebiss. Anders ausgedrückt: es kommt nicht nur auf die Erfahrung mit dem Gebiss an, sondern auch auf die Persönlichkeit des Pferdes.

Paschel: Im letzten Kapitel Eures Buches befreit Ihr das Pferd vom Führstrick, um „frei mit ihm zu spielen“.

Die Eleganz der Bewegung, die das frei laufende Pferd hat, wird nach meinem ästhetischen Empfinden in der Dressur eher beeinträchtigt als gefördert.

Claßen: Leider kenne ich mich mit dem Dressur Reiten zu wenig aus, als dass ich mir eine „echte“ Expertenmeinung dazu erlauben könnte, aber nach meinem Verständnis sollte die Dressur ja die natürlichen Anlagen des Pferdes fördern, was in dieser Form tatsächlich selten zu sehen ist. ABER: Man sollte nicht die höchsten Ideale einer Reitweise an Ihrer schlechtesten Umsetzung messen. Das gilt für mich beim Dressurreiten ebenso wie beim NHS.

Wild: Dies liegt für mich ausschließlich daran, weil hier Menschen gegen Pferde kämpfen. Sie versuchen den Pferden ihren Willen aufzuzwingen, ohne zu verstehen, dass Harmonie mit dem Pferd nur entstehen kann, wenn man sich aufeinander einlässt und die Kraft und Stärke des anderen unterstützt und damit noch verstärkt. Das große Problem ist, dass in den Köpfen der Menschen die „falschen“ Bilder verankert werden. Sie glauben sie sehen ein kraftvolles und stolzes Pferd und wissen nicht, dass hier lediglich Fluchtverhalten durch das Zufügen extremer Schmerzen unterdrückt wird. Ein verständiger Mensch, wird lernen nicht gegen sondern mit dem Pferd zu arbeiten. Dann kann und wird das Reiten auch ein ästhetisches Bild liefern. Das große Geheimnis ist das Mit- und nicht das Gegeneinander.

Paschel: Schön gesagt, aber schwer vermittelbar, weil Ästhetik nicht messbar ist. Mit eigenen Worten geht es Euch in dem Buch nicht um eine starre Trainingsmethode. Wie ich das verstehe, hinterfragt ihr althergebrachte Dogmen. Welche Erfahrungen macht ihr damit in der Praxis?

Wild: Uns liegt es sehr am Herzen, dass unsere Schüler ein Gefühl für ihr Pferd entwickeln und die Prinzipien der Mensch-Pferd-Kommunikation verstehen. Wir möchten Sie in die Lage versetzen, eigenständig Probleme mit dem Pferd zu erkennen und zu lösen, sowie eigene Wünsche und Träume mit dem Pferd selbstständig in die Tat umzusetzen.

Paschel: In der Pädagogik nennt man das einen emanzipatorischen Anspruch.

Wild: Für uns geht es vorrangig halt um Beziehungstraining und hier gibt es keine Gebrauchsanweisung, sondern nur sehr viel Arbeit an sich selbst und die große Bereitschaft immer weiter dazu zu lernen und offen zu sein für die Bedürfnisse seines Pferdes. Pferde haben genau wie Menschen sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und deshalb kann ein Schema F sowieso nicht funktionieren.

Paschel: Gelingt das denn?

Wild: Wir freuen uns immer so über die tollen Rückmeldungen unserer Schüler oft nach Monaten! Wir empfehlen unseren Schülern immer alle „guten“ Ratschläge zu hinterfragen und nach dem Warum zu fragen. Es gelingt nicht immer, aber immer mehr.

Paschel: In allen Lehrbüchern steht: Das Pferd ist ein Beute-, Flucht- und Herdentier.

Als Reiter mit einer Sozialisation im Sportreiten hatte ich schon immer den Verdacht, dass der Umgang mit Pferden in den mir bekannten Reitschulen nicht im Einklang ist mit diesem allgemein gültigen Pferdebild, konnte es aber nicht verbalisieren. Erst durch NHS wurde mir der Widerspruch klar. Deshalb nochmals: Lässt sich dieser Widerspruch überhaupt lösen, solange ich das Pferd zum Sportreiten benutzte?

Wild: Das letzte Wort deiner Frage beantwortet diese eigentlich schon! Solange ich mein Pferd nicht als Partner sehe und behandle, sondern aus egoistischen Gründen benutze, kann es nicht funktionieren. Ehrgeiz und Geld bestimmen den Weg und schlecht übermittelte Halbwahrheiten als Basis fürs Reiten werden genutzt, leider! Ein sensibles Beute- und Fluchttier wie ein Pferd für sich zu gewinnen kann nicht durch Zwang funktionieren. Jean- Francios Pignon hat sehr einleuchtend erklärt, dass Pferde aus ihrer Natur heraus immer Angst haben, und dass es nichts Leichteres für uns Menschen gibt, als Pferden Angst zu machen. Dieses Phänomen wird leider von viel zu vielen Menschen schamlos ausgenutzt. Wie viel Gewalt bedarf es, um so ein liebes und sanftes Wesen wie das Pferd so zu traumatisieren, dass man häufig kaum noch eine Chance hat, ihm wirklich zu helfen. Wenn so mit Menschen umgegangen wird, wissen wir ganz genau, wie man das nennt.

Paschel: Folter würde ich das nennen. Lernen muss der Mensch, weniger das Pferd, wie ich das verstehe.

Wild: Zunächst muss tatsächlich der Mensch lernen, zumindest zum großen Teil! Natürlich soll auch das Pferd unsere Kommunikation verstehen, aber das geht in der Regel sehr schnell. Je besser der Mensch im Pferdeverstehen und im Umgang mit dem Pferd ist, umso schneller weiß das Pferd woran es ist, und wird darauf entsprechend reagieren. Die Krux ist ja meistens, dass Menschen meinen, sie müssten ihren Pferden etwas beibringen, was diese vielleicht gar nicht wollen, viele Jahre lang.

Paschel: In Eurer Methodik verbindet Ihr das Wie immer mit dem Warum. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass Ihr Euch bei dem „Warum“ nicht begnügt mit rezeptartigen Erklärungen aus den Richtlinien der FN und der Skala der Ausbildung, sondern um fundiertes Wissen, das in der eigenen Erfahrung gewonnen werden kann.

Wild: Mir ist es besonders wichtig, dass Menschen nicht stur Techniken lernen, sondern, dass sie tatsächlich ein Gefühl für das Pferd entwickeln! Die Umsetzung der Technik oder Übung allein bringt einfach nicht das notwendige Verständnis, welches aber unbedingt notwendig ist, wenn man das Pferd als Partner gewinnen möchte! Je mehr wir fühlen, was das Pferd uns sagt und je mehr wir erfahren was sich gut und richtig anfühlt, umso schneller ergeben sich die „großen“ Ziele von ganz alleine. In meinem ersten Buch „Von Pferden lernen sich selbst zu verstehen“ geht es mir vor allem darum die Gemeinsamkeiten von Pferden und Menschen aufzugreifen und auf dieser Basis ein Verständnis zu vermitteln, welches auf eigenen Erfahrungen basiert und deshalb viel leichter nachzuvollziehen ist, als wenn man immer versucht das Fremde zu verstehen. Pferden und Menschen sind beide soziale Lebewesen. Hieraus ergeben sich sehr viele Parallelen.

Wenn ich mir Situationen vorstelle, die mir Angst machen, fällt es mir viel leichter die Gefühle des Pferdes nachzuvollziehen und vor allem zu akzeptieren. Für andere Bereiche gilt das natürlich genauso: Wie fühlt es sich für mich an, wenn ich bestraft werde, oder wenn mir pausenlos Druck gemacht wird, oder wenn mir immer alles vorgesagt und nichts zugetraut wird, wie fühlt es sich an, wenn sich niemals jemand bedankt, obwohl ich mir immer viel Mühe gebe? Das sind nur einige Beispiele, die durch ein bisschen Nachdenken und Übertragen, das Verständnis, den Umgang und die Empathie für die Pferde extrem positiv verändern werden!

Paschel: Ergänzen möchte ich: Mit einer Eisenstange im Maul würde ich nicht 100 m laufen.

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre das Ziel Eures erfahrungsoffenen Ansatzes, den Reitschüler zum ewigen Forscher am Pferd zu machen.

Wild: Das hast du aber schön gesagt! Wer kann uns mehr beibringen, als die Pferde selbst? Und es ist unglaublich, wie viele Informationen wir erst wahrnehmen, wenn wir beginnen uns auf das Pferd und die gemeinsame Reise mit ihm wirklich einzulassen!! Menschen und auch Pferde lernen so viel nachhaltiger und ehrlicher, wenn sie sich nicht nur auf die Übernahme des Wissens anderer verlassen, sondern selbst herausfinden wie die Lösung aussehen könnte, wenn sie eigene Fehler machen und von starren Denkweisen loskommen! Ein guter Lehrer wird immer sagen, es kommt darauf an und wird seinen Schüler darin coachen seinen eigenen Weg zu finden! Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht leichter einfach nur vorgesagtes Wissen auswendig zu lernen! Aber dieses „Wissen“ geht meist nicht wirklich tief ins Bewusstsein und vor allem nicht ins Gefühl ein!

Paschel: Das nennen wir „Scheinwissen“, empathisches Gefühl geht dabei oft verloren. Ist die Bodenarbeit zur Entwicklung von Empathie grundlegend?

Wild: Bei diesem Buch geht es ja tatsächlich ausschließlich um die Grundlagen am Boden. Das Buch zum sicheren und freien Reiten ist gerade in Arbeit, aber alle Prinzipien, Übungen und Ideen, die wir in unserem Buch ansprechen und vermitteln möchten, gelten genauso, wenn man auf dem Pferderücken sitzt! Der Haupttenor ist die Arbeit an der gemeinsamen Beziehung und da ist es ja vollkommen egal, ob ich auf Augenhöhe mit meinem Pferd stehe oder es Reiten darf! Uns liegt es aber tatsächlich sehr am Herzen den Menschen zu vermitteln, dass Pferde nicht „nur“ zum Reiten da sind, sondern dass es unsere Verantwortung ist ihnen sowohl bei ihren vielgestaltigen Problemen in unserer komischen Welt zu helfen, als auch sie gut und nachhaltig vorzubereiten, auf alles, was noch so kommen kann, z. B. das Reiten!

Paschel: Prof. Cook kritisiert schonungslos und wissenschaftlich fundiert den Einsatz des Gebisses jetzt schon über 15 Jahre lang, ohne dass die Reitverbände angemessen reagieren. Die 4000jährige Tradition, die immer als letztes Argument für den Einsatz dieser Foltermittel genannt wird, kehrt er um als Argument gegen ihren Einsatz in einer modernen und zivilisierten Welt.

Ich sehe seit 1969, dem Beginn meiner Reitkarriere, außer ein paar kosmetischen Korrekturen nichts, was den Reitsport in seiner grausamen Praxis verändert hätte., eher das Gegenteil ist der Fall, wenn man Rollkur und LDR kritisch unter die Lupe nimmt, und ein Ethik-Kodex ist geschaffen worden, der nur ein Lippenbekenntnis ist.

Versucht Ihr so etwas wie eine Alternative zu entwerfen?

Claßen: Wir entwerfen ja nichts, sondern wir wollten diesen Weg lernen, der sich auch immer wieder als passend erwiesen hat, aber wir wollen auch offen bleiben für neues und vielleicht sogar für altes und das ist doch das Wichtige, was im Reitsport fehlt. Auch wir machen heute Dinge, die wir vor einigen Jahren noch nicht gemacht hätten, weil wir sie nicht verstanden haben. Wenn es nur darum ginge eine Alternative zu erfinden, würde das ja wieder nur in dogmatischen Lehrmethoden enden.

Wild: Das große Problem, warum diese Erkenntnisse nicht wirklich ankommen ist wohl der große Faktor Geld! Zeit ist Geld, und ich habe immer das Gefühl, dass ein großer Teil der Menschen, die Pferde für den großen Sport ausbilden, denken, dass ihre Methode schneller und effektiver funktioniert! Dass dies nur Augenwischerei ist und dem empathischen Menschen sehr schnell klar ist, dass hier gebrochene Pferdeseelen dafür benutzt werden, Bewegungen vorzuführen, die mit gesundem und pferdegerechten Reiten leider keine Schnittstellen haben! Grundsätzlich sind wir aber nicht die Menschen die kritisch durch die Pferde- und Reiterwelt schreiten! Wir sind eher die Verfechter des „guten Vorlebens“! Sicherlich ein etwas langwierigerer Prozess und mühsamer Weg, aber glücklicherweise erkennen wir langsam die Veränderungen und das Umdenken in sehr vielen Pferde- Mensch- Beziehungen, was uns sehr freut! Wir möchten einfach niemanden missionieren. Genau wie bei den Pferden ist es uns viel wichtiger, dass auch bei den Menschen ein ehrliches Umdenken, von innen heraus, stattfindet! Wir gehen halt eher den leisen Weg, das ist unsere Natur! Aber das Gefühl, welches wir und unsere Pferde ausstrahlen und wie es bei den Menschen ankommt ist für uns der richtige Weg!

Paschel: Unter den Kritikern des Reitsports werden Forderungen laut von „Reiten verbieten“ (Alexander Nevzorov) bis „Rückkehr zur Reitkunst der Alten Meister“ (Gerd Heuschmann).

Wie weit reicht Eure Toleranz und was ist ein „No Go“ für Euch?

Wild: Wir hatten das Glück mittlerweile wirklich sehr gutes Reiten kennen zu lernen, bei welchem extrem viel Wert auf die fundierte und nachhaltige Vorbereitung am Boden gelegt wird, sowie immer das Ziel verfolgt wird Gymnastizierung, Biegung, Stellung, Versammlung, die alten Schulen, etc. zu nutzen, um das Pferd überhaupt erst in die Lage zu bringen, den Menschen gesund zu tragen. Peer und ich sind extrem geschult darin Pferden mental und emotional zu helfen. Eine lange Zeit hat uns der passende physische Part gefehlt. Durch die akademische Reitkunst und die Seminare an der Hofreitschule in Bückeburg haben wir eine tolle Vervollständigung unserer Arbeit gefunden. Hier werden sehr ähnliche Prinzipien verfolgt und wir haben gemerkt, dass unsere Pferde durch unsere Arbeit extrem gut vorbereitet waren, auch diese Art von Fragen sehr schnell zu verstehen und umzusetzen.

Für mich ist ein „No Go“ jede Art von Reiten, bei welcher Pferden mental, emotional und physisch Verletzungen und Schmerzen zugefügt werden und zwar egal wie klein sie sind. Pferde sind fühlende und denkende Wesen und in vielem extrem viel sensibler, als wir Menschen überhaupt jemals ahnen können. Wenn ich mir überlege, wie einfach es ist, Pferden etwas beizubringen, sie zu entspannen, sie zu motivieren und ihnen auch Spaß und Sinn am Reiten zu vermitteln, wenn sie noch nicht traumatisiert sind, umso weniger kann ich verstehen, warum viele Menschen Pferde versuchen durch Schmerzen Pferde zu unterdrücken und „gefügig“ zu machen. Ich sehe es leider extrem häufig, dass nicht nur der Turnier- und Sportreiter, sondern auch der Freizeitreiter aufgrund falsch erlernter Bilder und Herangehensweisen viel zu viel von seinem Pferd verlangt und Beine (Sporen) und Zügel (Hände) so stark einsetzt, dass das Pferd nur 2 Möglichkeiten hat: es wehrt sich oder es gibt auf!!! Das Bild vom stolzen Pferd, welches schwungvoll durch die Bahn trabt ist oftmals leider nichts anderes als ein flüchtendes, aufgeregtes Pferd, welches nur durch Pein daran gehindert wird, dies tatsächlich in die Tat umzusetzen. Ich habe mir schon so oft gewünscht wie Harry Potter zaubern zu können: „Zügel weg!“ Mal schauen, wie es dann so aussieht!

Paschel: Zur Durchsetzung solcher Forderungen bei Verbänden und Politikern ist natürlich ein kritisches Auge der Öffentlichkeit notwendig, auch auf der Erkenntnis, die Heinz Welz formuliert hat, nämlich dass unsere Politik in großen Teilen mittlerweile lobbygesteuert ist.

Mir scheint allerdings, dass selbst unter den Vertretern des NHS die Konkurrenz so groß ist, dass trotz gemeinsamer Interessen und gleichen Prinzipien in der Arbeit die Solidarität zuweilen leidet.

Ähnlich ist die Situation unter den Veterinärmedizinern, die im Grunde genommen alle wissen, wie schlimm Pferde missbraucht werden, aber ihr Klientel die Pferdebesitzer nicht abschrecken wollen. Persönlich kenne ich auch Pferdestallbesitzer, die ambivalent sind im Umgang mit Reitern und zum Teil tierschutzwidriges Verhalten in Kauf nehmen, weil sie keinen Einsteller verlieren wollen.

Wild: Das ist ehrlich gesagt auch für uns ein sehr schwieriges Thema! Tatsächlich haben ganz viele Menschen das Bedürfnis uns zu sagen, was wir alles falsch machen, oder wie gefährlich unser Umgang mit den Pferden doch ist! Sicherheit wird ausschließlich auf das Tragen einer Reitkappe reduziert oder das Benutzen von Gebissen! Dass sich ein Großteil der Reiter auf Pferde setzt, denen nicht beigebracht wurde, auf feinste Hilfen anzuhalten ist für mich vergleichbar, als wenn ich mich bewusst in ein Auto setze und Vollgas gebe, obwohl ich weiß, dass das Auto keine Bremsen besitzt.

Bei Mark Rashid habe ich mal gelesen, dass er früher immer zu jedem gegangen ist ihm erklärt hat, wie er Dinge mit Pferden besser machen kann, wenn er eine Fehler oder ein Problem gesehen hat. Es war aber jedes Mal so, dass die Menschen sofort auf Abwehr gegangen sind, weil sie sich durch die Belehrung kritisiert gefühlt haben. Mark hat gesagt, dass er irgendwann entschieden hat, Menschen nur noch etwas zu sagen, wenn danach gefragt wird! Nachdem ich sehr oft die gleichen Erfahrungen gemacht (und zwar auch bei mir nahestehenden Leuten) habe ich angefangen nach dem gleichen Prinzip vorzugehen. Wenn jemand einen Kurs bei uns besucht oder Unterricht nimmt, fragt er nach Hilfe und hier geben wir Tipps und machen Verbesserungsvorschläge! Ansonsten sind wir, wie zuvor schon gesagt eher die Menschen, die Positives vorleben und hierdurch zur Veränderung motivieren, als zu missionieren. Das liegt uns einfach nicht!

Ein lautes „Autsch“ konnte ich mir auch schon häufiger nicht verkneifen und meine Blicke sagen sicher auch mehr als tausend Worte, aber aktiv tätig sind wir in diesem Bereich nicht!

Paschel: Wie ich auf Euren Videos bei Youtube sehe, lebt ihr in einem kleinen Paradies mit Offenstall und Koppel für die Pferde mit angrenzendem Wald. Es vermittelt den Eindruck, die Pferde sind Teil Eurer Familie.

Was haltet ihr von der Aussage durch Hans Heinrich Isenbarth, dass „der Mensch … vom Pferd Menschlichkeit“ lerne?

Wild: Mein erstes Buch sollte ursprünglich heißen: „Von Pferden lernen menschlich zu sein!“ Wie ähnlich dies doch klingt! Unsere Pferde sind natürlich ein Teil unserer Familie, ohne dass wir sie vermenschlichen und es ist uns extrem wichtig ganz viel Zeit mit ihnen zu verbringen, ohne etwas spezielles von ihnen zu wollen. Einfach bei und mit ihnen zu sein ist ein riesiges Geschenk. Nebenbei kann kann man extrem viel über sich und die Pferde lernen! Außerdem gibt es kaum etwas, das mehr motiviert, als zwischendurch mal eine Frage zu stellen und dann das Pferd wieder Gras fressen oder mit seinen Kumpels spielen zu lassen. Für uns ist die Wiese nicht nur Wiese und zur Freizeitgestaltung gedacht, ebenso wenig wie der Reitplatz nur zum Reiten da ist! Manchmal gehen wir mit den Pferden auf den Platz und lassen sie dort einfach machen, was sie möchten und auf der anderen Seite machen wir auf der Koppel die tollsten Übungen. Es geht halt immer um die Beziehung und nicht um den Ort, an dem ich etwas mache.

Auf das Zitat von Hans Heinrich Isenbarth zurück zu kommen, empfinde ich es in unserer heutigen Welt leider tatsächlich häufig so, dass Menschen es verlernt haben menschlich zu sein! Wir würden ihn ergänzen – „Das Pferd erfährt vom Menschen oft Grausamkeit“.

Wenn sie das Pferd aber immer besser verstehen lernen, seine Wünsche und Bedürfnisse ernst und wichtig nehmen und auch bei sich wieder anfangen nachzufühlen, ist der Weg, wieder ein empathischer Zeitgenosse zu werden, der in allen Beziehungen beginnt respektvoll mit seinem Gegenüber umzugehen – also wieder menschlicher zu werden – unbedingt erreichbar!!

Paschel: Diesem Schlusswort kann ich widerspruchslos zustimmen! Vielen Dank.

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Weiterführende Literatur: http://www.peer-classen.de

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