Back to Hof (Home of Films) – Einige Eindrücke der 51. Hofer Filmtage

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Internationale Hofer Filmtage
HOF = Home of Films © 2017, Foto: Nana A.T. Rebhan

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Zwar gab es dieses Jahr bereits die 51. Ausgabe der Hofer Filmtage, doch der legendäre Gründer, Heinz Badewitz – der das Festival 1967 aus der Taufe hob und seitdem sein Direktor blieb – ist im Frühjahr 2016 verstorben. Dieses Jahr gab es die Premiere seines Nachfolgers Thorsten Schaumann. Auch er – ein Jahr nach dem Festivalstart geboren – trägt die Haare schulterlang. Vielleicht ist das ja kein Zufall. Bereits im vergangenen Jahr kümmerte er sich übergangsweise mit zwei Kollegen um das Klassentreffen der deutschen Filmbranche – nun ist er ganz alleine verantwortlich.

Viele Filme stachen durch ihre seltsamen, verwirrenden oder verwirrten Hauptfiguren hervor. So verlässt Nora in ‚Freiheit‘ (von Jan Speckenbach), erfolgreiche Anwältin und Mutter zweier Kinder, diese und ihren Mann spontan. Sie reist nach Wien, lässt sich weiter nach Bratislava treiben – immer auf der Suche nach ihrer persönlichen Freiheit, die sie so lange entbehrt hat. Die Kamera lässt sie eintauchen in ihren individuellen Begriff von Freiheit, zeigt aber auch deren Grenzen auf. Johanna Wokalek verkörpert Nora sinnlich und wundervoll: fragil und mutig zugleich lässt sie sich treiben durch Zeit und Orte, mit einem verwirrend offenen Ende.

Ähnlich verwirrend und nicht so ganz entschlüsselbar zeigt sich die Hauptfigur in dem schweizer Festivalbeitrag ‚Strangers‘ (von Lorenz Suter): Tamás lebt in Zürich. Er versteht Deutsch, findet es aber albern und spricht es daher nicht, er antwortet stets auf Englisch. Der extrem zurück gezogen lebende Tamás beginnt ein kompliziertes Dreiecksverhältnis mit zwei unterschiedlichen Schwestern, das ihm zum Verhängnis wird – oder wird er ihnen zum Verhängnis? ‚Strangers‘ ist eine Hommage an den Film Noir mit einem wortkargen, stoischen Antihelden, aber in (entsättigter) Farbe.

Streiten ließe sich auch über ‚Der Motivationstrainer‘ (von Julian Amershi und Martin Rieck). Selbstoptimierung könnte das Wort des Jahres 2017 werden, und Jürgen Höller ist der Mann, der es extrem gewinnbringend zu verkaufen weiß. Die beiden Filmemacher begleiten Deutschlands erfolgreichsten Motivationsguru in ihrer 75-minütigen, öffentlich-rechtlich finanzierten Doku durch seine ‚Power-Days‘. Seine Seminare kosten um die 2000€, und nur was Geld bringt, treibt Höller ein Lachen ins Gesicht. Narzistisch inszeniert er sich in Luxushotels und beim Fitnesstraining und ist am Ende dann doch ein wenig enttäuscht, dass er den Filmemachern nicht so ganz vorschreiben konnte, was die aus dem Material gemacht haben und dass das Publikum in Hof nicht gleich geschlossen ein Seminar bei ihm bucht.

In ‚Berlin Excelsior‘ zeigt Erik Lemke kleine, feine Momentaufnahmen von Bewohnern des einstmal schicken Westberliner Prestigeobjekts, das seine besten Tage hinter sich hat und für viele Mieter nur ein Ziwschenaufenthalt sein will. Wir dürfen mit Claudia von einer neuen Zukunft als Tänzerin oder Schauspielerin träumen, Norman bei der Gründung seines Start-Ups ‚ChangeU‘ oder Escort-Boy Michael bei einem Date begleiten, bei dem sich der 49-jährige 20 Jahre jünger macht – mit Erfolg. Ohne Offtext und Interviews gelingt es dem Film, den Zuschauer eintauchen zu lassen in das Leben der Bewohner und mit ihnen zu träumen und zu hoffen, auch wenn dies bisweilen aussichtslos erscheinen mag.

Der Dokumentarfilm ‚#Single‘ erzählt von der Online-Partnersuche in Wien, die sich mittlerweile in allen Ländern, allen Schichten und allen Altersklassen weit verbreitet hat. 2040 soll jede zweite Partnerschaft digitalen Ursprungs sein. Regisseurin Andrea Eder begleitet fünf Protagonisten bei ihren Dates. Einige von ihnen geben nach eineinhalb Jahren die Onlinesuche auf und begeben sich zurück in die Realtität – die anderen haben sich glücklich online verliebt. Aber klar, das ist das Endergebnis eines langen Weges mit Pleiten, Pech und Pannen, die es sich anzusehen lohnt.

Heinz Badewitz wäre sicher mit seinem Nachfolger zufrieden gewesen, die Mischung aus Independent, TV-Film, Trash und mutiger Doku ist ihm gut gelungen im Jahre eins. Und auch die unverzichtbaren Traditionen des Festivals werden unter neuer Leitung weiter geführt, so etwa das legendäre Fussballspiel FC Filmwelt gegen die FC Hofer Filmtage, das in diesem Jahr 5:4 für die Filmwelt endete. Die legendäre Würstchenbude direkt vor dem Centralkino hat Tag und Nacht geöffnet und die Abschlussparty ist umgezogen: von der Tanzschule ‚Swing‘, deren Boden einsturzgefährdet war durch feierwütige Massen, in eine neue, riesige Halle, bei der nun nix mehr passieren kann, die wirklich jedem Ansturm stand hält. Mit wenig Stimme aber vollem Bauch und Herzen geht es zurück ins mittlerweile kalte, fast winterliche Berlin, und Sturm ‚Herwart‘ sorgt für volle Autobahnen und stehende Züge. Bis nächstes Jahr.

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