Zeitsprünge – „Dantons Tod“ im Studio der Schaubühne

Quelle: Pixabay, gemeinfrei

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Zu Beginn gibt Paul Maximilian Schulz als Moderator eine knappe Einführung in die Zeit der Französischen Revolution. Später wird er auch Volkes Stimme übernehmen und einmal, in breitem Sächsisch, Pegida & Co. parodieren. Dabei geht es nicht um Vergleiche zwischen den hungernden Menschen in Paris Ende des 18. Jh.s und den RechtspopulistInnen unserer Zeit, sondern um Assoziationen, mit denen sich die Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ angenähert haben.

Esra Schreier spielt Klavier und spricht dazu einen Text von Alain Badion über den demokratischen Menschen, der sich sein Leben nach Lust und Laune einrichtet. Von ihrer Erklärung, dass nur eine kleine privilegierte Schicht sich ein solches Luxusdasein leisten könne auf Kosten einer Vielzahl von Unterprivilegierten in anderen Teilen der Welt, geht Esra Schreier ganz unvermittelt zu einer Rede Robespierres über, in der er die Menschen anprangert, die das Volk ausplündern.

Während sie spricht, verwandelt sich die junge Frau in den Jakobiner, der als Symbol für die Schreckensherrschaft in die Geschichte eingegangen ist. Er vergleicht sich selbst mit dem Messias, und Esra Schreier gestaltet ihn als Erleuchteten, vielleicht auch Besessenen, in jedem Fall als eine charismatische Persönlichkeit, ein Erzengel, der das Paradies mit der Guillotine verteidigt.

Der Tugend will Robespierre durch Terror zum Sieg verhelfen, und er steht ganz überzeugt im Dienst der Sache, die er für gut befindet. Dieser Robespierre ist kein kalter Theoretiker. Er hat Gefühle und ist verletzbar, aber er beherrscht sich und handelt nicht aus persönlichen Motiven.

Ganz anders Danton, der sich die Zeit beim Glücksspiel und im Bordell vertreibt. Jonas Dassler als Danton steht unentwegt unter Strom, von Leidenschaften gejagt. Es ist jedoch nicht Genusssucht, die ihn umtreibt, sondern Verzweiflung. Er hat den Glauben an die Revolution verloren und erträgt das unentwegte Morden im Namen der Gerechtigkeit nicht mehr. Er ist immer in Bewegung, aber er hat kein Ziel. Überdruss ist ihm anzumerken. Er vergeudet seine Energie, für die er kein sinnvolles Tätigkeitsfeld mehr weiß.

Danton sucht Robespierre auf, verspottet ihn, reizt ihn bis aufs Blut und macht sich den ehemaligen Mitstreiter endgültig zum Todfeind. Jonas Dassler entwirft das erschütternde und erschreckende Porträt eines Menschen, der das, woran er geglaubt und wofür er gekämpft hat, auf unerträgliche Weise entstellt und verzerrt sieht.

Ein Rededuell liefern Lukas T. Sperber und Vincent Redetzki als St. Just und Philippeau. Der eine will das Volk, d.h. das Publikum im Studio, für Robespierre begeistern, während der andere für Danton plädiert. St. Just, ebenso schön wie eitel, weiß sich geschickt in Szene zu setzen. Er ist ein Verführer, unheimlich und gefährlich. Philippeau dagegen erscheint ehrlich und aufrichtig.

In der Inszenierung von Peter Kleinert ergeben sich die Szenen des Stücks aus Gesprächen der AkteurInnen. Die sind von Susanne Uhl mit Fantasiekostümen ausgestattet und sehen so aus, als wollten sie eine Party feiern. Sie sorgen für lautstarke musikalische Intermezzi mit E-Gitarren, Schlagzeug und Klavier. Aus Unterhaltungen über heutige gesellschaftliche Probleme werden Dialoge aus „Dantons Tod“, und die Studierenden verstehen es hervorragend, Büchners Texte zu sprechen und zu interpretieren.

Alle, auch Daniel Mühe und Gustav Schmidt, beweisen ihr Können und ihre Wandlungsfähigkeit in Einzel- und Ensembleszenen und präsentieren sich als eindrucksvolle Persönlichkeiten.

Nicht ganz ins Bild passen Julie und Lucille, die bei Büchner ihren nicht so treuen Ehemännern Danton und Camille hingebungsvoll anhängen und ihnen am Ende in den Tod folgen. Monika Freinberger und Lola Fuchs beklagen sich in einem modisch aufgepeppten Dialog über die Unaufmerksamkeit ihrer „Husbands“ und gerieren sich so künstlich überdreht und affektiert, als seien sie aus einer Serie auf Disney Channel herausgefallen. Mit diesem Klischee entlarven die beiden Darstellerinnen das klischeehafte Frauenbild, das Büchner in sehr viel schönere Worte verpackt hat.

„Dantons Tod“ von Georg Büchner in einer Fassung des Ensembles. Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und dem Théâtre National de Bretagne Rennes. Premiere war am 03.12. im Studio der Schaubühne. Nächste Vorstellungen: 27. bis 30.12.2016.

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