Berlin, Deutschland (Weltexpress). In der EU sind sie sprachlos, ob des Vorgehens Trumps, der mit Putin über ein Endes des Ukraine-Krieges verhandelt, um sich stärker auf den Hauptfeind, die VR China, konzentrieren zu können. Dabei sind die jetzt zu Tage tretenden Widersprüche im Machtkampf zwischen den imperialistischen Mächten so neu nicht, wie die Lehren der Geschichte besagen. Aber die haben die Herrschenden Kreise schon immer mit Füßen getreten. Lassen wir die Geschichte am Beispiel der Entwicklung vor dem Zweiten Weltkrieg zu Wort kommen, wo sich selbst die faschistischen Regimes in Deutschland und Italien im Kampf um die Vorherrschaft, um Einflusssphären, Rohstoffe und die besten Ausgangspositionen für die geplanten Expansionskriege in die Haare gerieten. 1
Der 1922 in Rom unter Mussolini an die Macht gekommene Faschismus wirkte sich besonders nachhaltig auf die Formierung des deutschen unter Hitler bis zu dessen Machtantritt in Deutschland aus. „Das Braunhemd“, so räumte Hitler in seinen „Monologen im Führerhauptquartier“ noch 1941 ein, „wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd“. Er gestand ebenso, dass Mussolini einmal für ihn „eine ganz große Persönlichkeit“ darstellte.2 Das zeigte sich im direkten Einfluss der „Führerpersönlichkeit“ Mussolinis auf Hitler, im Entstehen der Strukturen seiner Bewegung und ihrer Kampfmethoden, besonders der sozialen Demagogie und des Terrors. Führende Kreise des deutschen Industrie- und Finanzkapitals beeindruckte, wie es dem „Duce“ gelang, dem italienischen Imperialismus in Gestalt der faschistischen Bewegung eine Massenbasis zu verschaffen, über die er vorher nie verfügt hatte. Hitler nannte seine SA wörtlich nach den von Mussolini geschaffenen Squadre d´Azione (Sturmabteilungen). Er übernahm den von Mussolini erfundenen Führertitel „Duce„ und den „römischen Gruß“, mit dem sich dieser mit erhobenem rechten Arm grüßen ließ. Ein unwesentlicher Unterschied bestand in dieser Zeit nur in der Farbe der Uniformhemden, die bei den italienischen Faschisten schwarz war, bei den deutschen braun.
Ein Bericht der Münchener Polizei vermerkte, durch Mussolinis Machtergreifung habe die NSDAP „eine besondere Schwerkraft erlangt.“ Es gab in Deutschland keine andere Partei, die der Mussolini-Partei in allen Belangen in gleicher Weise entsprochen hätte wie die NSDAP. Nach dem „Marsch auf Rom“ begann die Mehrheit der deutschen Kapitalkreise, die bis dahin dazu geneigt hatten, gestützt auf die Rechtsparteien und die militaristischen Verbände wie den Stahlhelm die Monarchie wieder zu errichten, sich auf eine andere Erfolg versprechende Möglichkeit hin zu orientieren – auf eine bürgerliche Partei faschistischen Typs, wie sie Hitler im Begriff war aufzubauen.3 Nach dem erfolgreichen „Marsch auf Rom“ begannen dann Ruhrschwerindustrielle um Thyssen und Stinnes, Hitler und Ludendorff finanziell kräftig zu unterstützen, damit es diesen gelinge, an der Spitze der bayrischen Reaktion nach dem Vorbild Mussolinis einen ebenso erfolgreichen „Marsch auf Berlin“ durchzuführen. Thyssen äußerte bereits im September 1923, es müsse „ein Diktator gefunden werden, ausgestattet mit der Macht, alles zu tun, was nötig ist.“ Nach dem kläglichen Scheitern von Hitlers Novemberputsch 1923 orientierten sich die führenden Kreise des deutschen Kapitals, auch hier in Auswertung der 1922 praktizierten römischen Kombination von Putsch mit anschließender „legaler“ Machtübergabe dahingehend, Hitler auf einem ähnlichen Weg an die Macht zu verhelfen, wobei der Schwerpunkt auf den SA-Terror zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung gelegt wurde. Hitler und die deutschen Faschisten konnten, als sie dann 1933 an die Macht kamen, nicht nur auf ein Jahrzehnt Erfahrungen der Mussolini-Diktatur zurückgreifen, sondern auch deren Schwächen und Fehler auswerten.
Hitlers Bewunderung für den „Duce“ als Wegbereiter des Faschismus in Deutschland und anderen Ländern Europas 4l ließ nach der eigenen Machtergreifung 1933 jedoch merklich nach. Die widerstreitenden Interessen mit Rom zeigten sich als Erstes in der Österreichfrage. Der von Hitler angestrebte „Anschluss“ beunruhigte Rom, das im Falle einer gemeinsamen Grenze um das deutschsprachige, früher österreichische, Südtirol, seine Kriegsbeute aus dem Ersten Weltkrieg, fürchtete. Außerdem lag von Wien aus der Balkan in greifbarer Nähe, eine Einflusssphäre, die Italien für sich beanspruchte. Als am 25. Juli 1934 die SS-Standarte in Wien nach der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß mit einem Putsch das Signal zum Einmarsch geben wollte, sicherte Mussolini Österreich Unterstützung zu und schickte demonstrativ vier Divisionen an die Brennergrenze. In Berlin übergab Mussolinis Botschafter, Vittorio Cerruti Außenminister von Neurath eine scharfe Protestnote. In der offiziösen Presse Roms wurde Berlin für die Ermordung von Dollfuß verantwortlich gemacht und von einer „Clique von Mördern und Päderasten“ gesprochen. Hitlers Botschafter von Hassel berichtete nach Berlin, dass „die Atmosphäre so gefährlich sei wie beim Kriegsausbruch 1914/15.“5 Hitler gab nach und verschob den Anschluss.
Der zehn Jahre vor Hitler an die Macht gekommene Mussolini sah sich zu dieser Zeit nicht nur als „Führer des Faschismus“ über Italien hinaus, sondern geistig auch über Hitler erhaben. In dieser Haltung hatte ihn die erste Begegnung mit dem deutschen „Führer“ am 14. Juli 1934, die sehr distanziert verlief, bestärkt. Wie Hitlers Entscheidung in der „Österreichfrage“ – auf den Anschluss vorerst zu verzichten – elf Tage später bewies, hatte sich der „Duce“ durchgesetzt. Mussolini, der sich gern mit Cäsar verglich und entsprechende geschichtliche Vergleiche liebte, versäumte nicht, das deutlich zu machen und die „historische Überlegenheit Italiens“ ins Feld zu führen. Auf einer Kundgebung am 6. September 1934 in Bari verkündete er: „Dreißig Jahrhunderte Geschichte erlauben uns, mit einem souveränen Mitleid auf gewisse Ideen von jenseits der Alpen zu blicken, die von einer Brut vertreten werden, welche wegen Unkenntnis der Schrift unfähig war, Dokumente ihres Vorhandenseins zu hinterlassen, als Rom einen Cäsar, Vergil und Augustus besaß.“6
Der „Duce“ fürchtete Hitlers Rivalität auch in Afrika, wo Deutschland im Ersten Weltkrieg seine Kolonien verloren hatte und eine starke koloniale Fraktion ihre Rückgabe bereits unmittelbar nach dem Machtantritt von den Westmächten forderte. Wie Mussolini später 1940/41 mit den Überfällen auf Griechenland dem deutschen Vorstoß auf den Balkan zuvorkommen wollte, beabsichtigte er, sich auch mit der Annexion Äthiopiens eine Ausgangsbasis für weitere Vorstöße in Afrika und eine Vormachtstellung gegenüber Hitler zu sichern.
Paris gab Carte blanche für die Aggression
Die Konfrontation mit Berlin führt zu einer zeitweiligen Annäherung an Paris und London, was die Vorbereitung des Überfalls weiter begünstigte. Statt eine antifaschistische Position gegenüber Berlin und Rom zu beziehen, meinten Großbritannien und Frankreich, mit Italien, dem Verbündeten des Ersten Weltkrieges, eine Allianz gegen Deutschland bilden zu können. Dafür sollte Mussolini freie Hand für seine Expansionsansprüche gegenüber Äthiopien erhalten. Während eines Besuchs des französischen Außenministers Pierre Laval am 7. Januar 1935 in Rom sprachen sich beide Seiten für die Wahrung der Unabhängigkeit Österreichs und für eine internationale Balkan-Konferenz aus. Für den Fall evtl. Meinungsverschiedenheiten wurden zur Lösung diplomatische Schritte und Konsultationen zwischen beiden Regierungen vereinbart. In einem Geheimvertrag vereinbarten der „Duce“ und Laval die Unterstützung der französischen Politik im Mittelmeer durch Italien, während Frankreich „freie Hand“ für das italienische Vorgehen in Äthiopien gewährte. 7 London, das um seine angrenzenden Kolonien Kenia und Uganda sowie den anglo-ägyptischen Sudan fürchtete, versicherte Mussolini, dass „seine Interessen in Ostafrika nicht beeinträchtig würden“. 8
Im Besitz dieser französischen carte blanche ging Mussolini unverzüglich an die konkrete militärische Planung des Überfalls. Bereits im Februar begann die Verschiffung der Kolonialarmee nach Eritrea und Somalia. Ende Mai befanden sich bereits über 360.000 Mann in Ostafrika, die zu Beginn der Aggression auf 400.000 aufgestockt wurden. Im Juli berief der „Duce“ ein „Allgemeines Kommissariat für die Kriegsproduktion“, das alle strategischen Rohstoffe wie Erdöl, Kohle, Kupfer, Zinn, Nickel und 876 kriegswichtige Unternehmen kontrollierte.
Unheilvolles Appeasement
Vom 11. bis 14. April traf Mussolini mit dem Regierungschef Frankreichs Pierre-Etienne Flandin und dem Großbritanniens James Ramsey MacDonald im norditalienischen Stresa am Lago Maggiore zusammen. In Begleitung ihrer Außenminister erörterten sie die Verletzung des Versailler Vertrages durch Berlin und erklärten, die Ostgrenzen Frankreichs und Belgiens sowie die Unabhängigkeit Österreichs zu garantieren.Mit Rücksicht auf Mussolini, der jede scharfe Reaktion ablehnte, wurde das deutsche Vorgehen jedoch nur rein formell verurteilt. Wirksame Maßnahmen gegen Hitlers aggressive Schritteunterblieben. Er wurde so regelrecht ermuntert, seinen Kurs fortzusetzen.
Das Treffen ging als gegen Deutschland gerichtete Stresa-Front in die Geschichte ein. Trotz der bekannten italienischen Kriegsvorbereitungen stand die „Äthiopienfrage“ nicht auf der Tagesordnung. Wie Hitler konnte auch Mussolini das als einen weiteren Beweis dafür werten, dass Großbritannien und Frankreich seinen Ansprüchen keinen ernsthaften Widerstand entgegen setzen würden, wenn sie ihre eigenen Positionen nicht bedroht sahen. Es begann die sogenannte Politik des „Appeasement“, der „Beschwichtigung“, welche die Öffentlichkeit über die Aggressionsabsichten Mussolinis hinwegtäuschen sollte. Mussolinis Vorbehalte gegen die Verletzung des Versailler Vertrages durch Hitler entsprangen den Befürchtungen, Deutschland könnte rasch eine starke Militärmacht und Italien bei seinen eigenen Expansionsplänen ein ernsthafter Konkurrent werden. Insgesamt dürfte es sich jedoch um taktische Ambivalenz gegenüber Großbritannien und Frankreich gehandelt haben, um sie zum Wohlwollen gegenüber seinen eigenen Plänen zur Eroberung Äthiopiens zu veranlassen.9 Den Beitritt eines Bündnisses gegen Hitlerdeutschland dürfte der „Duce“ nicht ernsthaft erwogen haben.
Wie gegenüber Deutschland wurde die britische Position auch zu Italien von der antisowjetischen Stoßrichtung bestimmt. Die Konservativen hatten Mussolini schon seit seinem Machtantritt unverhohlene Sympathien dafür bekundet, dass er das Land vor dem „Bolschewismus gerettet“ und es „erneuert“ habe. Dem faschistischen Italien wurde das „Recht auf Expansion“ zugebilligt und ihm die Wahrnehmung einer „zivilisatorischen Mission“ in Afrika bescheinigt. Ein interministerieller Ausschuss hielt im Juni 1935 fest, dass es „keine vitalen britischen Interessen“ gebe, die erforderten,
„sich einer italienischen Eroberung Äthiopiens zu widersetzen“. Im Rahmen der bekannten Vorbereitung des Überfalls beschäftigten London allen Ernstes andere Sorgen. Angesichts der beträchtlichen Kampfkraft der äthiopischen Armee befürchtete man, der Feldzug könnte die militärischen Potenzen Italiens überfordern, es zu einem „erschöpfenden afrikanischen Abenteuer“ kommen und das gar zu einem Zusammenbruch des Faschismus führen. Als nach dem Beginn der Aggression wirksame Sanktionen des Völkerbundes gegen Italien ausblieben, wurde Simon nach einem Bericht des englischen Historikers A. L. Rowse gefragt: warum die Engländer nicht irgendeinen Zwischenfall arrangierten, zum Beispiel ein Schiff im Suezkanal versenkten, was die Verbindung zwischen Italien und seinen Armeen in Äthiopien unterbrechen würde. Simons Antwort lautete: „Wir können das nicht tun, weil das Mussolinis Sturz bedeuten würde.“10
Als die Generalstabschefs Frankreichs und Italiens am 18. und 29. Juni in zwei Geheimabkommen Maßnahmen ihrer militärischen Zusammenarbeit im Falle einer deutschen Invasion in Österreich vereinbarten, schien eine anti-deutsche Allianz in greifbare Nähe zu rücken.11 Seitens Marschall Badoglios, zu dieser Zeit italienischer Generalsstabschef, mag das durchaus ernsthaft erwogen worden sein. Trat dieser doch 1940 gegen den italienischen Kriegseintritt an der Seite Deutschlands auf und führte 1943 die Militärs an, die den „Duce“ stürzten und den Bruch mit Hitler vollzogen. Mussolini spielte jedoch lediglich seinen “Part“ im „Appeasement“. Es ging ihm nur darum, die Illusion zu nähren, er könnte in der Äthiopienfrage zu einer „friedlichen Lösung“ bewegt werden, während er klar seinen Aggressionskurs steuerte.
Der Beginn der Aggression
Das „Appeasement“ erreichte später im Münchener Abkommen 1938 seinen Höhepunkt. Aber bereits 1935, in den Monaten vor dem Überfall auf Äthiopien, wurden seitens Großbritanniens und Frankreichs die Forderungen des italienischen Aggressors erfüllt bzw. ihnen nichts entgegengesetzt. Beispiele dafür waren die Begegnungen, bei denen Mussolini zu einem Kompromiss in der „Äthiopienfrage“ bewegt werden sollte: Am 24. Juni bot der britische Minister für Völkerbundangelegenheiten, Anthony Eden, dem „Duce“ in Rom eine Lösung der „Äthiopischen Frage“ durch den Völkerbund an. Mussolini verweigerte sich. Am 15. August schlugen Paris und London vor, gemeinsam mit Rom über Äthiopien ein Protektorat zu verhängen. Mussolini lehnte wiederum ab. Trotz der offensichtlichen italienischen Kriegsvorbereitung waren Laval und der britische Außenminister Samuel Hoare bei ihrer Zusammenkunft am 10. September nicht bereit, militärische Maßnahmen zur Sicherung der äthiopischen Unabhängigkeit zu vereinbaren. Aufschlussreich war, dass die beiden Chefdiplomaten sich bereits zu evtl. möglichen wirtschaftlichen Sanktionen des Völkerbundes dahingehend äußerten, dass bei deren Anwendung „Kriterien der Abstufung“ zu beachten seien. 12 Wie die späteren Völkerbundbeschlüsse zeigten, ging es darum, zu gewährleisten, dass Sanktionen nicht das militärische Potenzial Italiens beeinträchtigten sollten.
Mussolini honorierte das in einem Interview für die Londoner „Morning Post“ vom 18. September, in dem er erneut feierlich beteuerte, Italien habe nicht die Absicht, die Interessen Frankreichs und Großbritanniens in Ostafrika zu beeinträchtigen. Der verkündete Standpunkt wurde am 28. August durch das Kabinett bestätigt. Die römische Regierungserklärung entsprach ganz der britisch-französischen Appeasement-Linie, wenn bezüglich Äthiopiens beteuert wurde, Italien werde alles Mögliche tun, um einen Konflikt zu vermeiden. 13
Am 2. Oktober ließ Mussolini die Maske fallen. Vom Balkon des Palazzo Venezia in Rom kündigte er in einer vom Radio übertragenen Rede den Beginn des Eroberungsfeldzuges für den nächsten Tag an. Am 3. Oktober überschritten die italienischen Truppen ohne Kriegserklärung die Grenze.
Wirkungslose Sanktionen
Der von Paris und London beherrschte Völkerbund war 1931 beim Angriff Japans auf die chinesische Mandschurei untätig geblieben und hatte das mit der ungünstigen geografischen Lage begründet. Jetzt sein Mitgliedsland Äthiopien ebenso völlig im Stich zu lassen, hätte bedeutet, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. So versuchte man in Genf das Gesicht zu wahren und verurteilte am 7. Oktober Italien als Aggressor, verhängte vier Tage darauf jedoch nur weitgehend wirkungslose wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen und überließ Äthiopien faktisch seinem Schicksal. Vom Embargo für sogenannte kriegswichtige Handelsgüter war das für den Einsatz der Luftwaffe und der Panzer entscheidende Erdöl ausgenommen, ferner Eisenerz und Kohle.
Chamberlain hatte in London Sanktionen regelrecht als „Wahnsinn“ bezeichnet.14 Auf militärische Maßnahmen, welche die Völkerbundsatzung ebenfalls vorsah, wurde verzichtet, lediglich Waffenlieferungen untersagt. Für die Resolutionen stimmten 51 Mitgliedsstaaten, Österreich, Ungarn und Albanien dagegen. Sieben Mitgliedsstaaten befolgten das Waffenembargo nicht, acht wendeten finanzielle Maßnahmen nicht an, zehn stellten den Warenexport nach Italien nicht ein, dreizehn importieren weiter aus Italien. Viele Völkerbundmitglieder gaben Italien heimlich zu verstehen, dass sie die Sanktionen nur formal anwenden würden. So konnte Italien Kriegsgerät und Rohstoffe aus Frankreich, Belgien und der Tschechoslowakei beziehen, ebenso aus dem befreundeten Österreich, dessen Lieferungen sehr beachtlich waren. Auch die Schweiz erwies sich als ein bereitwilliger Lieferant. Aus Frankreich kamen auf Kreditbasis Traktoren, Kraftwagen, Flugzeugmotoren sowie Granatwerfer. Aus Großbritannien erhielt Italien große Mengen Treibstoff, die erst nach Abschluss des Krieges bezahlt werden mussten.
Italien stellte nach seiner Verurteilung die Mitarbeit im Völkerbund ein. Deutschland, das die Organisation bereits nach dem faschistischen Machtantritt verlassen hatte, erklärte sich formell neutral und verweigerte Zwangsmaßnahmen. Die deutschen Exporte nach Italien stiegen bei Kohle, Koks, Maschinen, Chemieerzeugnissen sowie Eisen- und Stahlprodukten bis Ende 1935 um etwa ein Drittel an. Ein höherer Zuwachs war auf Grund der eigenen ungünstigen Rohstofflage nicht möglich. Die in der Genfer Boykottliste vorgesehenen Rüstungswichtigen Rohstoffe wie Blei, Zinn, Kautschuk, Aluminium, Chrom, Mangan, Vadium, Wolfram usw. musste Deutschland selbst importieren. Berlin interpretierte die italienische Aggression als einen „Rassenkonflikt“ und „gerechten Kampf“. Mit seiner Rechtfertigung bereitete Hitler das Bündnis mit Italien in Gestalt der späteren „Achse Berlin-Rom“ vor.
Hitler versuchte jedoch zunächst, Mussolini die ein Jahr vorher beim Versuch, in Österreich einzumarschieren, für Wien bezogene Position heimzuzahlen. So habe er Äthiopien in geringem Umfang Waffen geliefert. Das sei unter dem Aspekt geschehen: „Je schwieriger es für Italien wurde, seine Eroberungsträume zu verwirklichen, umso notwendiger wurde es, sich auf Deutschland zu stützen.“ Im Auftrag des Heereswaffenamtes gingen über anonyme Kanäle nach Addis Abeba 10.000 Mausergewehre und pistolen, 10 Millionen Patronen, Handgranaten sowie Medikamente. Ferner 30 Panzerabwehrkanonen Kaliber 3,7 cm mit Munition. Das Kriegsgerät stammte aus der Produktion von Rheinmetall Borsig. Von den Waffen wurden die Firmenzeichen entfernt. In der Schweiz ließ das Heereswaffenamt 36 Örli-Kanonen kaufen und nach Äthiopien verschicken. Die Lieferungen umfassten einen Wert von drei Millionen Reichsmark. Später folgten noch kleinere Lieferungen als Geschenke. Offiziell wurde Italien versichert, dass „die Reichsregierung weder Waffenlieferungen an den Negus noch die Anwerbung deutscher Freiwilliger für Abessinien zulassen würde“. 15 Nach dem die italienische Offensive zunächst scheiterte, worüber der deutsche Botschafters in Rom, Ullrich von Hassel, am 17. Januar 1936 Hitler informierte, kam es jedoch zu einem Meinungsumschwung in Berlin. Er war auch eine Reaktion auf das Angebot Mussolinis vom 6. Januar, die Meinungsverschiedenheiten über die Österreichfrage beizulegen. Nach der Niederschrift Hassels habe der „Führer“ danach erklärt, dass „ein Zusammenbruch des Faschismus in Italien (…) im höchsten Grade unerwünscht“ sei und „wir müssten alles tun, um zu vermeiden, dass sich die mannigfache Gegnerschaft der Welt gegen das autoritäre Regierungssystem auf uns als
einzigen Gegenstand konzentriere.“ Es läge „auch in unserem Interesse, dass Italien als Faktor im europäischen Spiel nicht allzu sehr geschwächt würde. Eine Zeitlang hätte man vielleicht, besonders nach den bekannten Demonstrationen Mussolinis am Brenner, von uns durchaus wünschen können, dass Italien nicht allzu groß und erfolgreich aus dem Konflikt hervorgehe, indessen sei diese Gefahr wohl heute nicht mehr in sehr hohem Grade vorhanden. Vielmehr sei umgekehrt zu befürchten, dass der Faschismus und überhaupt Italien aus der Prüfung zertrümmert und schwer beschädigt hervorginge. Wir könnten daher deutscherseits nur das Bestreben haben, unsererseits das Mögliche zu tun, um einen solchen Zusammenbruch zu verhindern.“ 16
Washington, das dem Völkerbund nicht angehörte, brach die Beziehungen zu Rom nicht ab. Die bereits am 31. August 1935 vom Kongress angenommene Resolution über Neutralität spielte dem Aggressor in die Hände, weil sie den Verkauf von Waffen an beide kriegführende Parteien verbot. Für Italien war das nicht entscheidend, denn es war für den Kriegsbeginn ausreichend gerüstet. Einmal aus seiner eigenen leistungsfähigen Rüstungsindustrie, zum anderen durch Waffenimporte, die auch nach dem Beschluss über Sanktionen von einigen Ländern fortgesetzt wurden. Äthiopien hingegen besaß keine Kriegsindustrie und war von Waffenimporten abhängig. Washington stellte auch seine Erdöllieferungen nach Italien nicht ein. Hatte es 1934 für 447.000 $ Erdöl geliefert, so stieg sein Export an den Aggressor bis Ende 1935 auf 1.252.000 $. Für 451.000 $ bezog Rom über seine Afrika-Kolonien Erdöl.
Den Hintergrund der Haltung Roosevelts, seit 1932 Präsident, bildete die Stimmung einer Mehrheit der Bevölkerung, die besagte, ihr Land sollte sich aus künftigen Kriegen heraushalten und seine Söhne nicht wieder auf die Schlachtfelder Europas schicken. Der Präsident sah eine Situation entstehen, die „Elemente“ enthielt, „welche zu der Tragödie eines allgemeinen Krieges führen“. Er wollte 1936 erneut für das höchste Staatsamt kandidieren und beugte sich dieser Stimmung. Am 2. Oktober 1935, einen Tag vor dem erwarteten Überfall Mussolinis auf Äthiopien, erklärte er in einer Rede in SanDiego/Kalifornien: „Was auch in den überseeischen Kontinenten geschehen möge, die Vereinigten Staaten von Amerika werden und müssen sich (…) von Verpflichtungen freihalten und frei bleiben.“ Es war gleichzeitig eine Absage an die von der UdSSR verfolgte Politik der kollektiven Sicherheit. William E. Dodd, von 1933 bis 1938 USA-Botschafter in Berlin, sah die Haltung der Großmächte, die Italien gewähren ließen, als vertane Chance: „Wenn unser Land, England und Frankreich im Oktober 1935 gemeinsam gehandelt hätten, hätte Hitler keine Allianz mit Mussolini abschließen können.“17
Für wirksame Sanktionen trat nur die UdSSR ein. Sie forderte, jegliche Zufuhr von Erdöl nach Italien und zu dem Kriegsschauplatz zu unterbinden und dazu auch die Durchfahrt durch den Suezkanal zu sperren, was den Nachschub für die Kolonialarmee außerordentlich erschwert hätte. Der Völkerbund ignorierte die Anträge und Mussolini konnte ungehindert ans Werk gehen. Obwohl Italien ein wirtschaftlich wichtiger Absatzmarkt für Erdöl war, stellte die UdSSR dessen Export ein und beteiligte sich in vollem Umfang an den verhängten Sanktionen.18 Den begangenen Völkermord und den anhaltenden barbarischen Kolonialterror ignorierend hob der Völkerbund die Sanktionen bereits am 16. Juli 1936 auf. Nach dem Überfall hatten London und Paris, dem Aggressor durch Zugeständnisse einen „legalen“ Teilerfolg sicher wollen. Laval und Hoare unterbreiteten am 11. Dezember einen „Plan zur Lösung der Äthiopienfrage“, der vorsah, Italien große äthiopische Gebiete von Ogaden und Danakil sowie von Teilen der Provinz Tigre, darunter Adua, insgesamt etwa die Hälfte des Landesterritoriums, zu überlassen. Äthiopien wurde dafür der Hafen Asab und ein schmaler Zugang zu ihm versprochen. Kaiser Selassiè lehnte ab, der Annexion des Landes auf Raten zuzustimmen. Mussolini wies selbst diese „diplomatische Lösung“ zurück. Internationale Proteste, die den Schacher um einen Kompromiss mit dem Aggressor verurteilten, zwangen Laval und Hoare, den Plan zurückzuziehen. London opferte Hoare, er musste dimensionieren. 19 Für Hitler war die Haltung Frankreichs und Großbritanniens der Beweis, dass diese nicht gewillt waren, den Status quo zu verteidigen. Er wurde bestärkt, in das demilitarisierte Rheinland einzumarschieren und Österreich zu besetzen. Als die Hitlerwehrmacht im März 1936 in das Rheinland einmarschierte, erklärte der Chef der Tories, Premier Baldwin, dass seine Regierung keinerlei Aktionen, auch nicht des Völkerbundes, dagegen unterstützen werde. Der „Daily Worker“ bezeichnete das als „direkte Ermutigung Hitlers, alle Pakte und Verträge als Fetzen Papier zu behandeln“. London marschierte auf dem Weg zum Münchener Abkommen und in den Abgrund des Zweiten Weltkrieges weiter vorwärts.
Anmerkungen
1 Diese liefern, auch wenn heute die Machtkonstellationen unterschiedlich sind, wichtige Erkenntnisse. Wobei als ein grundsätzlicher Aspekt zu sehen ist, dass die VR China mit ihrer Kommunistischen Partei an der Spitze heute objektiv dazu berufen ist, den Platz einzunehmen, den in der aufgezeigten Entwicklung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges die UdSSR mit ihrer KPdSU einnahm. Und dass sich die Rolle Chinas auch auf die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zugunsten der gegen die kapitalistische Restauration ankämpfenden Kräfte in Russland auswirken dürfte.
2 Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien, München 1996, S. 13.
3 Kurt Gossweiler: Kapitel, Reichswehr und NSDAP 1919-1924, Berlin/DDR 1984, S. 304.
4 So auf das 1920 in Ungarn an die Macht gekommene Horty-Regime und in Bulgarien 1923 auf die Etablierung der Zankow-Diktatur ebenso wie 1926 auf die Errichtung der militärfaschistischen Diktatur unter General Carmona de Fragoso in Portugal. Die Putschpläne Francos wurden 1936 unter Leitung italienischer und deutscher Militärs und der Nutzung der militärischen Erfahrungen vor allem der Mussolini-Faschisten ausgearbeitet.
5 Manfred Funke: Brutale Freundschaft im Legendenschleier. Marginale zur Vorgeschichte der „Achse“ Rom-Berlin. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, München, Heft 12/1972, S. 716.
6 I. Giorni della Storia d’Italia, Novarra 1997, S. 452f.
7 Lavall wurde wegen seiner späteren Kollaboration als Ministerpräsident der Vichy-Regierung mit dem Hitlerregime im Oktober 1945 in Paris zum Tode verurteilt und hingerichtet.
8 Giorni, S. 456 ff.
9 Funke, S. 718 f.
10 Alfred Leslie Rowse: All souls and Appeasement, London 1961, S. 26.
11 Giorni, S. 457.
12 Giorni, S. 457 f.
13 Giorni, S. 458.
14 Zu dieser Zeit Finanzminister, ab 1937 Premier, exponierter Vertreter der Konservativen, die Hitler gegen die UdSSR lenken wollten. Unterzeichnete 1938 das Münchener Abkommen. 1940 durch Churchill abgelöst.
15 Brunello Mantelli: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus, Berlin 1998, S. 110.
16 Zit. in Heinrich Loth: Geschichte Afrikas. Afrika unter imperialistischer Kolonialherrschaft und die Formierung der antikolonialen Kräfte 1884-1945, Berlin/DDR 1976, S. 213 f.
17 William Dodd: Diplomat auf heißem Boden, Berlin/DDR 1961.
18 Geschichte der sowjetischen Außenpolitik 1917-1945, Teil 1, Berlin/DDR, 1969, S. 364 f.
19 Giorni, S. 459.