Wenn in Frankfurt am Main die Oper und die Kammeroper gleichzeitig klagen

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Herr Intendant Loebe hat ´s beklagt und die Zeitungen berichten darüber, was wiederum die Kultur- und Finanzpolitiker der schwarz-grünen Koalition nicht amüsiert. Die Mehrkosten durch Tariferhöhungen müssten nun mal durch Einsparungen ausgeglichen werden, sagen sie, aufsatteln sei nicht drin. Der Tipp allerdings, die Einschnitte durch das Streichen von Vorstellungen auszugleichen, wäre wohl betriebswirtschaftlicher Unsinn, es sei denn, man könnte nachweisen, dass die variablen Kosten der 12. bis 15. Vorstellung tatsächlich einen nennenswerten Umfang erreichen. Die Streichung von Neuproduktionen helfe da schon eher, aber zum einen sind die nächsten Jahre vertraglich schon gebunden (hier trifft mal wieder die Kameralistik auf das wahre Leben) und andererseits: Wer will das, hatte doch die scheidende OB Petra Roth besonders ihre schützende Hand über die Oper gehalten. Außerdem gibt es ja Untersuchungen, die belegen, dass Ausgaben für Kultur als Standortfaktor sich rechnen. Insofern darf die „Hochkultur“ hoffen.

Weniger gut sind dagegen die Aussichten für die sogenannte „Freie Szene“. Nicht nur, dass sich derartige Ausgaben nicht „rechnen“, es gibt auch keine etablierte Unterstützerszene. In diese Situation platzt – vielleicht ungewollt aber für den Magistrat hilfreich – ein Gutachten zur „Evaluation der Freien Theaterszene in Frankfurt“, in Auftrag gegeben zu einem Zeitpunkt, als sicher noch nicht klar war, dass es auch zum Instrument der aktuellen Spardiskussion werden könnte. Die Diskussion ist auch nicht neu; schon Anfang der 90er Jahre unter OB Hauff war eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, wer denn in der „Off-Szene“ eine institutionelle (Dauer-)Förderung erhalte und wer nur mit Projektförderung gesegnet würde, die sich allerdings manchmal auch als verkappte Dauerförderung erwies. Viele der damals Aktiven existieren nicht mehr, andere der damaligen Projekte tauchen im aktuellen Gutachten als „Etablierte“ auf.

Vier Expertinnen und Experten, die auf die eine oder andere Art der Freien Szene zugeneigt sind, wurden vom Kulturdezernenten aufgefordert, die Frankfurter Situation zu evaluieren. Die Arbeit begann 2010 und wurde aktuell vorgelegt. Als Prüfkriterien wurde anspruchvolles benannt; „Profilbildung des Ensembles, ästhetische Qualität/Schauspielerisches Können, Professionalität, Innovationspotential, Gesellschaftliche Relevanz, Zielgruppenansprache, Erreichen kulturferner Bevölkerungsschichten oder Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund usw. (Gutachten S.4). Man muss nicht unbedingt dem Empirismus verfallen sein, wenn man sich fragt, wie vier Personen, die maximal 2 Vorstellungen der Gruppen besucht haben, hier zu einem nachvollziehbarem Rating gekommen sind und welche Merkmale wie bewertet wurden. Es wird wohl doch so sein, dass sich hier vier subjektive Meinungen zu einer ebenso subjektiven Gesamtmeinung vereinigt haben. Nachvollziehbar ist der Prozess vom Gutachten her jedenfalls nicht.

Dies wird besonders deutlich, wenn man sich der zentralen Kategorie des Gutachtens zuwendet, der Vorstellung von der  „Freien Szene“. Adorno hat uns gelehrt, dass es Begriffe gibt, die sich der schlichten Definition entziehen und nur im Wandel ihrer Bedeutung begriffen werden können. Insofern werden die Autoren im Prinzip dem Anspruch gerecht, als sie beschreiben, was aus ihrer Sicht in der „freien Szene“ gerade aktuell ist. Nur leider verabsolutieren sie dies als Maßstab. Der „Gegensatz“ der freien Szene ist für sie das Stadttheater, aber wenn als Fortschrittsfaktor der freien Szene z.B. genannt wird Laien einzubeziehen, was waren dann die Behinderten bei Schlingensief und wer war hier „Erster“? Und auch das (implizit) geschmähte Stadttheater ist in ständigem Wandel: Nach Jahren mit Blut und Fäkalien auf den etablierten Bühnen picken dort nun wieder friedlich lebendige Hühner – vom Berliner Ensemble (Der zerbrochene Krug) bis zur Frankfurter Oper (Sache Makropoulous). Die immer wieder zitierten freien Ensembles (She She Pop, Hofman&Lindholm) als Maßstab zu nehmen heißt doch wiederum, eine Momentaufnahme zum Gesamtbild zu erklären.

Vor diesem Hintergrund kommen die Gutachter zu dem Ergebnis, die Frankfurter Szene sei nicht auf der Höhe der Zeit, werde beherrscht von wenigen, fossilen Altvorderen, die noch dazu dem Stadttheater nacheifern und jungen Kräften keine Spielmöglichkeit geben. Gegen diese Sichtweise haben sich die Betroffenen, z.B. die Frankfurter Kammeroper, zu Recht gewährt

Ernst zu nehmen ist der Vorwurf der mangelnden übergreifenden Nutzung von subventionierten Spielstätten. Nun mag man sich fragen, ob dies in einer Stadt, die offensichtlich Geld genug hat um für einen Fußball-Zweitligisten noch ein eigenes millionenschweres Stadion zu bauen, verwunderlich ist, doch an dieser Stelle sollten die Aussagen der Autoren genau geprüft werden: Die Organisation, die materiellen Grundlagen, die Möglichkeit der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen ist vermutlich optimierbar. Dafür gibt es auch ein wunderbares Beispiel in Frankfurt, das den Gutachtern gar nicht aufgefallen ist – wahrscheinlich, weil es nicht dem Kulturdezernat untersteht, sondern dem Schuldezernat. Es ist das seit fast 30 Jahren existierende Schultheaterstudio, damals auf Initiative der SPD-Fraktion eingerichtet, in dem sich die Theatergruppen aller Frankfurter Schulen Ressourcen und Spielstätte ohne Konflikte teilen. Dass dies möglich ist, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Protagonisten dieses Zentrums in ihrer materiellen Existenz nicht davon abhängen.

Was lernt man daraus?

Die Diskussion darüber, ob die Frankfurter Freie Szene dem Mainstream beobachtbarer Tendenzen entspricht ist weder förderlich, noch hilft sie bei Entscheidungen. Die Politik hat immer gut daran getan, sich ästhetischer Wertungen zu enthalten. Sie sollte sich darauf konzentrieren, Strukturen zu schaffen, in denen akzeptiertes Bestehendes wie Experimentelles faire Existenz- und Produktionsbedingungen vorfinden. Das schließt – wie jüngst das verkündete Ende des Volkstheaters trotz kräftiger institutioneller Förderung belegt – den Untergang einzelner Institutionen nicht aus.

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