„Warum Pferdesport nicht tierschutzrelevant ist“ – Die Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies im WELTEXPRESS-Exklusivinterview

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Der 30-jährige Friesenhengst Fallada mit seiner Partnerin Kirsten beim Paso Doble im spanischen Schritt, BU Bernd Paschel, 2018 © Kirsten Tönnies, Foto: Beate Albrecht

Kelkheim/Taunus, Deutschland (Weltexpress). Dr. Kirsten Tönnies ist praktizierende Tierärztin in Kelkheim/Taunus und war beim Bundeschampionat im September 2015 in Warendorf Mitglied der Jury, die vor Ort die Tierschutzpreise des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vergeben hat. Über ihre Eindrücke hat sie damals einen Offenen Brief an die Reiterliche Vereinigung FN verfasst, über dessen Gründe und Folgen sie im WELTEXPRESS berichtete. Die TVT und der Bundesverband der beamteten Tierärzte BbT veranstalteten am 17. Oktober 2018 gemeinsam ein Tagesseminar in Fulda unter dem Titelthema Tierschutz im Pferdesport, von dem sie im folgenden Interview berichtet.

Das Interview

Paschel: Liebe Frau Tönnies, bei unserem letzten Gespräch haben Sie mir Ihren alten Friesenhengst vorgestellt. Wie geht es ihm?

Tönnies: Lieber Herr Paschel, danke der Nachfrage: im August konnten wir dieses Bild (Anmerkung: Startbild oben) bei einer kleinen Veranstaltung schießen. Dass er diesen Winter 30 Jahre alt wird und nur Brei schlabbern kann, denkt man kaum, bei seiner Figur. Er hat fast täglich Freilauf außerhalb des Grundstücks und kommt auf Zuruf zurück; die Nachbarn wissen Bescheid. Er ist immer noch sehr motiviert und einigermaßen beweglich. Wir galoppieren halt immer nur ein paar Sprünge am Stück.

Paschel: Die Veranstaltung in Fulda wurde mit großem Aufwand durchgeführt, welche Zielgruppe sollte da angesprochen werden?

Tönnies: Die Organisatoren wollten sich vorwiegend, aber nicht nur, an Tierärzte wenden. Einige Tierschutzorganisationen hatten Mitglieder zur Teilnahme geschickt. Die Teilnahmekosten betrugen zwischen 60 bis 120 Euro, je nach Verbandszugehörigkeit.

Paschel:: Ein Vortrag aus dem Programm machte durch seine ungewöhnliche Formulierung besonders  auf sich aufmerksam. Er wurde von einem  exponierten Vertreter der Reiterlichen Vereinigung  gehalten. Einer Vereinigung, die immer mehr in die Kritik von Tierschutzvertretern gerät, weil sie durch ihre tierschutzwidrige Praxis regelmäßig gegen ihren eigenen Ethik – Kodex und ihre Richtlinien verstößt, wie wir das bei WELTEXPRESS mehrfach dargestellt haben.

Tönnies: Ja, als Referent für „good/best practice oder warum Pferdesport nicht tierschutzrelevant ist“ war kein geringerer, als Reitmeister Martin Plewa geladen worden und das hat mich besonders interessiert. Man darf also annehmen, dass die Wortwahl seines Vortragsthemas vorab unter akademischen Gesichtspunkten diskutiert und wohldurchdacht worden ist.
Die Überschrift wurde nicht als Frage, sondern als Faktum formuliert. Aus der Überschrift muss man schließen, dass die Veranstalter, beamtete Tierärzte und Tierärzte für Tierschutz, nicht einmal Ansätze für Probleme oder gar Missstände im Sport mit Pferden sehen. Und natürlich schließt „Pferdesport“ sehr viel mehr ein, als nur den Wettkampf. Training und Zucht spielen genauso in den Pferdesport hinein, wie Medikamentenanwendungen, Zubehör oder Werbung. Mit der Überschrift suggerierten die Veranstalter, dass sie keine Probleme im Pferdesport ausmachen können. Die Überschrift ließ zunächst nicht einmal die Frage danach zu, sondern versprach durch ihre Ausformulierung lediglich die Präsentation von Belegen für das Statement dass Pferdesport nicht tierschutzrelevant ist.

Der Referent Martin Plewa hielt dann einen Vortrag über die Ausbildung zum Reitpferd an Hand der Skala der Ausbildung. Dass er vorwiegend auf altes Bildmaterial zurückgriff, muss kein Nachteil sein. Am Ende seines Vortrages stand für viele Zuschauer aber fest, dass Martin Plewa nicht zum vorgegebenen Thema referiert hatte.

Paschel: In der Schule würde man das als „Thema verfehlt“ beurteilen. Ich kenne aber Martin Plewa aus meiner Zeit beim Mod. 5- Kampf und der FN in Warendorf als Menschen, der „horizontal“ diskutieren kann.

Tönnies: Ja, absolut. So kenne ich ihn auch. Hinter vorgehaltener Hand äußert er sich oft noch treffender und deutlicher – das schätze ich sehr an ihm! Nach seinem Vortrag signalisiert die Veranstaltungsleitung, mit dem Hinweis auf Zeit zum Mittagessen, dass sie keine tiefer gehende Diskussion wünsche. Trotzdem wurde Herr Plewa aus der Zuhörerschaft gefragt, wie es zu der Themenverfehlung kommen konnte. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass das Vortragsthema „warum Pferdesport nicht tierschutzrelevant ist“, doch eigentlich gar nicht zu referieren gewesen sei.

Paschel: Und was sagte Herr Plewa dazu?

Tönnies: Herr Plewa bestätigte diesen Vorhalt sofort; er hätte gleichfalls nicht gewusst, wie er dieses Thema darstellen sollte. Er entschuldigte sich damit, dass ihm das vom „Veranstalter so vorgegeben“ worden sei, Auf spätere Nachfrage bestätigte er, dass der Leiter des Arbeitskreises Pferd und Vize-Präsident der TVT, Dr. Andreas Franzky ihm genau dieses Thema vorgegeben hätte, obwohl er selbst damit nicht einverstanden war (Anmerkung der Redaktion: Herr Franzky kommuniziert anscheinend gern „vertikal“). Da muss die Frage erlaubt sein, wie es zu dem Titel kommen konnte? Und: hätte sich der Referent gegen die Aussage wehren und sie widerlegen müssen? Ich habe meinen Kollegen Dr. Franzky bis heute viermal um Auskunft zu dem Vorgang gebeten, aber keine Antwort erhalten. Ich habe aber gehört, dass er erkrankt sei. Vielleicht sollte man noch mal von anderer Seite daraufhin ansprechen? Mich hat es auf jeden Fall erstaunt, dass Martin Plewa sich auf dieses, man möchte sagen, tierschutzwidrige Thema überhaupt eingelassen hat. Vielleicht ärgert er sich im Nachhinein?

Paschel: Das hätte ich von Martin Plewa erwartet, er ist ja ein gestandener Mann! Wie es auf dem Chio in Aachen auch 2018 noch einhergeht, weiß doch jeder!

Tönnies: Im Zuge der Veranstaltung gab es weitere, fragwürdige Aussagen, die einem Schutz der Pferde entgegen stehen. Da fragt sich der kritische Zuschauer schon, ob er zumindest stellenweise an einer Lobbyveranstaltung für den Pferdesport teilgenommen hat?

Paschel: Dieser Verdacht drängt sich auf. Haben Sie Zeugen für diese unlauteren Vorgänge?

Tönnies: Ja, es waren noch andere Teilnehmer anwesend, die mir gegenüber ihre Verwunderung zum Ausdruck brachten. Es könnte auch schon Kommentierungen an den Mitorganisator BbT gegeben haben. Eine Frau kam direkt im Anschluss auf mich zu und sagte, dass auch sie hätte fragen wollen, wo denn das Thema gewesen sei? Sie hätte sich nur nicht getraut.

Paschel; Bei mir bleibt da ein ganz schlechter Eindruck zurück, wenn sich immer wieder bestätigt, dass Tierärzte nicht den Tierschutz vertreten, wie das der Pferdehalter eigentlich erwarten darf, und dass sogar in einem Tier-Ärzteverband für Tierschutz, dessen Vize-Präsident bei den Pferden quasi dagegen handelt. Mir drängt sich sogar der Verdacht von Indoktrination auf. Zum Glück kenne ich einige wenige TierärztInnen, denen ich zutrauen kann, dass sie das Wohl der Pferde im Auge haben und nicht die Krankheit zum Geschäft machen.

Kirsten Tönnies mit dem „jungen“ Fallada (25 J.) bei einem Wettbewerb in Kelkheim/Taunus im „Spanischen Schritt“. Der Schwerpunkt lag im Weglassen von Hilfsmitteln. BU Kirsten Tönnies, 2011 © Kirsten Tönnies, Foto: Caroline Bachert

Tönnies: Es gibt da so Einige, aber mit solchen Einstellungen kommt man in den Funktionärsebenen meist nicht besonders weit. Wenn Sie Posten und damit Einfluss anstreben, sollten Sie Tierhalter oder Tiernutzer nicht zu sehr kritisieren – egal, wie Recht Sie haben.

Und ein letzter Gedanke noch: Sie haben vorhin die Ethischen Grundsätze der FN angesprochen: ein Referent und Tierarzt hat mehrfach auf diesen verwiesen und ihn extra zum Mitnehmen ausgelegt. Gleichzeitig hat er unerwähnt gelassen, dass die Tierärzteschaft seit 2015 einen eigenen Ethikkodex, und seit 2016 mit den „Empfehlungen zur Umsetzung des Ethikkodexes“ extra Handlungsempfehlungen auch für Pferdesportveranstaltungen hat.

Da heißt es unter Tierärzte und Tierärztinnen, die Tiere im Sport, in Wettbewerben und bei Veranstaltungen betreuen: „Der Einsatz von Tieren in sportlichen und anderen Veranstaltungen fordert in besonderem Maße, deren Bedürfnisse zu vertreten. Dabei sind tierärztliche Entscheidungen ausschließlich im Interesse der Tiere zu fällen, Defizite aufzuzeigen und deren Beseitigung einzufordern.“

Eine gute Empfehlung: eigentlich könnte damit alles ganz einfach sein.

Paschel: Ja, alles könnte ganz einfach sein! Vielen Dank, liebe Frau Tönnies, für Ihren Mut und viel Spaß noch mit Fallada.

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