Von Oberaargauer Mundart und anderen schweizerischen Spezialitäten – Serie: Preisverleihung des Schweizer Buchpreises 2010 im Rahmen der BuchBasel in Basel (Teil 3/3)

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Die Reaktion unmittelbar nach der Verkündung der Preisträgerin

Der Vorleser Dominik Jahn bedankt sich für die Oberaargauer Mundart des Buches, dem er verdankt, daß er hier sprechen darf, wo sonst wohl ein deutscher Schauspieler verpflichtet worden wäre. Denn jetzt geht’s an Schweizer Eingemachte. „Aagfange hets eigetlech vüu früecher. Aber i chönnt jetz ou grad so guet behoupte, es heig a däm einten Oben aagfange, es paar Tag nachdäm, dasi vo Witz bi zrügg cho. Vilecht isches öppe zähni gsi, vilecht e haub Stung spöter. Spüut ke Roue. Uf au Fäu hets Bise gha wi d Sou. Summertau.Novämber Und ig es Härz so schwär, wi nen aute,nasse Bodelumpe.Goni auso i ds Maison, es Fertig go näh”¦“

Der Autor amüsiert sich beim Vorlesen seines Buches selbst, vor allem aber das Publikum geht gehörig mit, das schon die Vorstellung durch die Jury sehr beklatscht hatte und nun entweder aus Kenntnis des Gehörten oder umgekehrt, weil sie es nicht verstehen, vor sich hingackern. Uns geht es wie beim stillen Lesen, bei dem wir uns die Sätze laut vorlasen, um den Versuch des Verstehens zu fördern. Das Buch versteht man als Hochsprachler beim Hören einfach besser als beim Lesen, aber – zugegeben – nur in einigen Sätzen, die den Gesamtzusammenhang nicht sichern. Das Buch würde übersetzt, wurde mir zugeflüstert. Übersetzt? Ja, ins Hochdeutsche. Das bestätigt später der Autor. Aber es gibt eine weitere Variante, die einem einleuchtet. Vom Hochdeutschen könnte man ja den Text wiederum ins Sächsische, ins Rheinische, in weitere Mundarten übertragen. „Der Goalie“ auf Platt, das hätte doch was.

Aber was ist die Oberaargauer Mundart. Davon hört auch Pedro Lenz in seiner Laudatio das erste Mal. Es geht um eine Sprachecke des Kanton Berns, für den der Schriftsteller selbst den Begriff Umgangssprache wählt, die er allerdings unglaublich kunstvoll auch in die Schriftsprache transportiert.

Kurt Marti und sein Buch „Notizen und Details 1964 – 2007“ werden von Manfred Papst vorgestellt. Er spricht über den Berner Schriftsteller und Pfarrer, der für die Zeitschrift ’Reformatio’ Glossen und Betrachtungen, Essays und Aphorismen verfasst, „die unter dem Rubrikentitel ’Notizen und Details’ erschienen und nun in einem kapitalen Werk gleichen Namens versammelt sind. Beeindruckend ist die Vielfalt der Themen, die hier auf über 1400 Seiten ausgebreitet werden”¦Einerseits ist er ein politischer Kopf: einer, der weiß, daß es in der Realität, zumal der helvetischen, um die Kunst des Möglichen geht. Andererseits aber ist er auch ein für alle mystischen Abenteuer offener Geist. Einerseits ein unersättlicher Leser, andererseits ein sensibler Spaziergänger, der die Veränderungen seiner Umwelt besorgt registriert. Die desaströse Verwandlung von Landschaft in Agglomeration. Den Verlust der Menschlichkeit durch Automatisierung und Gewinnoptimierung. Kurt Marti war ein ’Grüner’, lange bevor es Begriff und Partei gab.”¦“ Als Papst von Marti als „einem undogmatischen Geist“ spricht, der „seismographisch auf seine Zeit reagiert“, brandet der bisher stärkste Beifall auf. Das Publikum reagierte in derselben Weise auf das Vortragen der ersten Seite von Martis „Notizen und Details 1964 – 2007“ aus dem Theologischen Verlag durch Dominik Jahn.

„Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji lobt Martin Ebel. Zu diesem Zeitpunkt ist die Gewinnerin des Buchpreises noch nicht bekannt. Nach der Inhaltsangabe setzt Ebel fort: „Melinda Nadj Abonjis zweiter Roman ist so leicht, wie er ernst ist. Es gelingt der Autorin, all die Klischees zu umschiffen, die eine Integrations- wie eine Rebellionsgeschichte nahelegen. Sie schwelgt nicht in sliwowitzgetränkter Balkan-Fröhlichkeit und verfällt auch nicht billigen Spiesser-Bashing. Behutsam und genau notiert sie, was der Wechsel von Gesellschaft, Kultur, Sprache und Milieu in eine jungen Frau, in einer Familie anrichten kann.

Sie tut das mit psychologischem Scharfblick mit heißem Herz und kühlem Kopf, in einer beschwingten Sprache, die auf jeder Seite spüren läßt, daß die Autorin Musikerin ist. Ihre Poetik hat sie, so glaube ich, in einer Bemerkung über Handgriffe beim Kaffeeservieren versteckt: elegant, beiläufig sollen die Bewegungen sein. Dieser Poetik ist sie gefolgt. Die Schweizer Literatur sieht sich von dieser Neuschweizerin reich beschenkt.“ Es folgt starker Beifall und das Verlesen der ersten Seite.

Die BuchBasel 2011 wird vom 18. bis 20. November stattfinden.

www. buchbasel.ch

www.literaturbasel.org

www.schweizerbuchpreis.ch

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