„Von Kamen nach Corleone – Die Mafia in Deutschland“ – Serie: Günter Berg stellt auf der Frankfurter Buchmesse das neue Programm von Hoffmann & Campe vor (Teil 2/2)

Endlich wissen wir auch, woher ihre Italienbegeisterung und Antimafiavorliebe kommt. Gerade mit Führerschein ausgestattet fährt sie im alten rostigen R 4, für heutige muß man dazu sagen, das ist der Renault 4, von Deutschland nach Italien, von Kamen nach Corleone, weil sie den Paten gelesen hatte und die romantischen Vorstellungen von der Mafia hatte, die heute viele noch immer hegen. Diese Fahrt hat sie im gesponserten weißen Alfa Romeo Spider nun noch einmal unternommen, diesmal auf den Spuren der Mafia, indem sie den Kontakt zu denen sucht, die auf der einen oder anderen Seite zur Mafia gehören: den Ermittlern, Staatsanwälten, Priestern, Kellnern, Orangenbauern, auch den Mafioso und ihren Frauen und diese befragt.

Das ist aber nur die Vorgabe für die Beschäftigung mit dem hiesigen Mafiawerk. Wer weiß schon, wieviele Duisburger Pizzerien wegen mafioser Verstrickungen in Berichten des BKA auftauchen, und wieviel es sein müßten? So lebte der Sohn des gerade gefaßten und 43 Jahre untergetauchten Oberbosses in Schwerte und hat ein Jahr Italienisch unterrichtet, aber man nahm ihn nicht als potentielle Kontaktperson zum Vater unter Beobachtung. Alles das „ zeugt von einer groben Unkenntnis der Mafia. Es gibt kaum Politiker, die sich der Verfolgung der Mafia widmen. Die Mafia existiert nicht in Düsseldorf, meint man dort. Mafia, das ist eine Käsesorte. Die Mafia interessiert nur bei Toten.“, faßte sie die Situation zusammen. Was ist Geldwäsche? Warum wird es der Mafia so einfach gemacht? Allein den großen Lauschangriff, das große Ohr fürchten sie, denn die Berlusconi-Regierung versucht gerade eine solche Gesetzesnovelle, um der Mafia auf die Sprünge zu kommen. Daß es allerdings Gründe für das Schweigen im Blätterwald bezüglich der Mafia gibt, sieht sie auch darin begründet, welche Angst Journalisten, die ihre investigative Arbeit ernst nehmen, haben müssen und gibt Beispiele, wie diese mundtot gemacht werden.

Von völlig anderer Art, aber nicht weniger aufrührend dann die Vorstellung des Buches „Der Kampf um die Tiefsee“ durch die Verfasserin Sarah Zierul. Dabei konnten wir auch feststellen, daß wir uns bei der Mafia doch sehr viel besser auskennen als in den tiefen Gewässern unserer Erde. Denn eigentlich ist erst durch die Ölpest im Golf von Mexiko und die größte Ölkatastrophe aller Zeiten, die sogar zum Rücktritt des BP-Chefs führte, öffentlich deutlich geworden, was aus Gewinnstreben in den tiefen Gewässern der Erde passiert: angebohrt und als Leck ausgelaufen, was Tier- und Pflanzenleben vernichtet, den Menschen aber auch. Und das ist erst der Anfang von möglichen großen Unglücken, zu diesem Ergebnis kommt die Autorin auch. „Sarah Zierul hat für den „Der Kampf um die Tiefsee“ gründlich recherchiert“, erläuterte Verlagschef Berg, „ was da unten liegt und wem es gehört. Nicht die Pfütze Nordsee, sondern die wirkliche Tiefsee. Sie hat darüber Filme gemacht und gemerkt, das ist ihr Ding.“

Sie wollte gar kein Buch schreiben, nur Dokumentarfilme machen, weil sie – dachte sie – viel zu wenig Ahnung hatte, was man da findet. Dann aber merkte sie, daß tief da unten eine ganze Menge passiert. Sie konnte mit Forschern aus Kiel nach Neuseeland und erfahren, daß Gold unter dem Meer gesucht wird, dazu hat sie sich viele Notizen gemacht und gemerkt, "die haben nicht nur schwarze Tiefseefische am Meeresboden gesucht, sondern Gold und Kupfer, einer hat sich schon rechtlich gesichert, schürfen zu dürfen.“ Es geht also schlicht um die Ausbeutung der Rohstoffvorkommen, deren Verteilung in den tiefen Gewässern sie für die Erde im Buch auch graphisch darstellt. Wir hören von Mexiko, wo übrigens alle Forscher schon vorher die Gefahren angesagt hatten.

Mexiko ist in aller Munde, aber daß auch in Angola Öl aus der Tiefe geholt wird, weiß kaum einer. Es ist aber fast genauso viel. „Mein Antrieb war, den Leser in diese faszinierende Unterwasserwelt zu führen, diese Welt ist in Gefahr durch Ausbeutung. Deutschland ist mit einem 17ten Bundesland von offizieller Seite in der Tiefsee dabei.“, machte Sarah Zierul auf das Lesen ihres als ’Sachbuchthriller` angekündigten Buches neugierig. Schon deshalb werden wir es lesen, wegen des 17. Bundeslandes. Denn es geht darum, wie man das Risiko einer grandiosen Umweltzerstörung minimieren kann.

Das waren die großen neuen Bücher, die Günter Berg von den Verfassern vorstellen ließ. Er selbst nahm sich auch der anderen Neuerscheinungen an, die beispielsweise bestehende Reihen vervollständigen wie „ Heimatkunde“. Das ist eine Reihe feiner kleiner Bücher, wo Karl-Heinz Ott über Baden schrieb, Detlef Hartlap über Ostfriesland, Michael Herl über Frankfurt, Ingeborg Gleichauf über den Schwarzwald, Bernd Kohlhepp über Schwaben, Jens Wonneberger über Dresden, Thomas Kraft über Franken und Claudius Nießen über Leipzig. Neu hinzugekommen sind nun von Klaus Reinhold „Heimatkunde Bayern“ und von Jörg Sündermiene „Heimatkunde Ostwestfalen“. Uns fiel nur auf, daß die nächsten Heimatkundebände durchaus auch Frauen schreiben könnten.

Schön war es vom Zusammentreffen aller Saramago-Verleger zu hören, eine angesichts seines Todes melancholische Veranstaltung und auch vom Erfolg von Wolf Haas, uns vor allem durch die Brennerserie bekannt, dessen Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ in den USA reüssiert. Bei Hoffmann & Campe hat er gerade ein Kinderbuch herausgegeben, denn es sei ein Prinzip des Verlages, die Hausautoren auch dort zu veröffentlichen, wo dies nicht ins Profil des Verlages gehöre.

Sein Sachbuchprogramm bezeichnete Berg als „schmidtlastig!“, denn „ drei Bücher kommen aus dieser Ecke, Theo Sommer „Unser Schmidt“, mit einer Zusammenfassung der politischen Artikel des Altbundeskanzlers. Gerd Bucerius gewann ihn danach als Herausgeber der Zeit, dieses publizistische Phase hat Theo Sommer zusammengefaßt, daraus ein Buch geschrieben.“ Ein weiteres Buch von Helmut Schmidt, „etwas frech“ vom Verlag angegangen“ und von Loki Schmidt ihre Erinnerung als Kanzlergattin, die Geschichte ihrer Reisen „Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde“. Was es dann noch mit dem Mann auf sich hat, der sein Gedächtnis verlor und in Hamburg auf der Parkbank sitzend aufgefunden wurde, und über die Beschreibung seines Falle sich der Verleger Berg eines besonders gut gelungenen Buches rühmte, weil ein Journalist half und zusammenfaßte, darüber müssen wir ein andermal berichten. Und werden das tun. Nach dem Lesen.

www.hoca.de

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