Vom Inselparadies zum Steppeneiland – Serie: Reise nach Rapa Nui (Teil 2/3)

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Mehr Steine als Bäume stehen auf der Osterinsel.

Nahrungsknappheit durch Überbevölkerung und Zerstörung der Umwelt lautet heute die wissenschaftliche Erklärung dafür, dass die Kultur der Osterinsel in einer Katastrophe endete. 15 bis 20.000 Menschen lebten in Hochzeiten auf dem kleinen Eiland. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Insel einst von Wäldern bedeckt war. Sie wurden abgeholzt, um die Statuen zu transportieren, um Kanus und Häuser zu bauen und um die Toten zu verbrennen. Heute wird die überwiegend versteppte Osterinsel wieder aufgeforstet. Aber im 18. und 19. Jahrhundert als die Europäer kamen, war die Insel baumlos. Daher wird Geschichte der Osterinsel als Sinnbild für die Selbstzerstörung einer Kultur durch Ausbeutung der Natur herangezogen.

Von einem Ökozid spricht der US-Geograph Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen“. Das Fiasko auf der Osterinsel gilt dem Pulitzer-Preisträger als Modell für die global voranschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Die Theorie eines ökologischen Zusammenbruchs sei aber nicht neu, hält Claudio Christino dem entgegen und gehe auf die Anfänge der Umweltbewegung Ende der siebziger Jahre zurück. Der Archäologe hält diese monokausale Erklärung schlichtweg für falsch: „Es gab eine Vielzahl von Gründen. Einige Leute sagen: Es wurden alle Bäume gefällt, es gab kein Holz mehr, um die Statuen zu bewegen. Und das hat zum Kollaps der Gesellschaft geführt. Aber das ist nur ein Grund. Irgendwann gab es nicht genügend Ressourcen für die ganze Bevölkerung. Dann begann man sich zu bekriegen. Man kämpfte um Land und um den Zugang zum Trinkwasser. Man kann das mit einem Bild verdeutlichen: Du streichst einen Fußboden und am Ende befindest du Dich in der Ecke des Zimmers. Es gibt keinen Ausweg mehr und alle bekriegen sich gegenseitig. Und am Ende essen sie sich gegenseitig auf.“

Nachdem sich das Inselvolk im 17. Jahrhundert selber nahezu ausgerottet hatte, beginnt ab 1770 eine neue Tragödie: Die europäischen und südamerikanischen Besucher sind den Rapa Nui gegenüber alles andere als freundlich gesinnt. Die Fremden entführen die Bewohner, rekrutieren sie mit Gewalt als Ersatz für Seeleute, Walfänger vergewaltigen und verschleppen die Frauen. 1862 kommen peruanische Sklavenhändler auf die Insel und entführten hunderte von Personen, darunter die gesamte intellektuelle Oberschicht. „Aber der wichtigste Faktor für die Vernichtung der Bevölkerung war durch Krankheit“. Krankheiten seien zufällig oder mit Absicht eingeschleppt worden, meint Christino. „Als die katholischen Missionare 1864 auf die Insel kamen, haben sie berichtet, dass hunderte von Leichen in Hanga Roa aufgereiht lagen. Die Menschen waren an Windpocken gestorben.“ 1877 gab es nur noch 111 Überlebende.

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