Topfpflanzen im Zuschauerraum und stumme West-End-Musicals

Dr. Charles E. Ritterband in der Welsh National Opera in Cardiff, wo in der Spielzeit 2019/20 "Rigoletto" von Verdi präsentiert wurde. © Dr. Charles E. Ritterband

Barcelona, Katalonien, Spanien (Weltexpress). Die Corona-Krise beschert uns traurige, aber bisweilen auch skurrile Bilder: Orchester, die in leeren Häusern spielen – die Konzerte werden via Internet „gestreamt“ oder, wie die beliebten Lunchtime-Konzerte in der renommierten Londoner Wigmore Hall, auf dem Klassik-Sender BBC 3 im Radio übertragen. Oder Opernhäuser, in denen von Zuschauer zu Zuschauer zwei Plätze leer zu bleiben haben – selbstverständlich besteht in vielen Häusern Masken-Pflicht, Gummihandschuhe werden auf den Toiletten übergestülpt.

Das ehrwürdige Gran Teatre del Liceu an den Rambles in Barcelona geht einen anderen Weg: Es öffnet am Montag nach der Corona-Zwangspause wieder seine Pforten – aber nicht für Zuschauer der Species Homo Sapiens, sondern für Topfpflanzen in artenreicher Vielfalt. Immerhin 2292 Pflanzen werden den eleganten goldenen Saal bevölkern und passenderweise den wunderbar verträumten Klängen von Puccinis Streichquartet „I Crisantemi“ (Die Chrysanthmen). Das Konzert steht unter dem Titel „Concierto Para El Bioceno“ Das Konzert wird am Montag um 17 Uhr via Livestream aus dem Teatro Liceu Barcelona zu sehen sein.

Der Konzeptkünstler hinter diese ungewöhnlichen Idee, Eugenio Ampudia, will mit diesem Projekt Menschen zu Beobachtern eines einmaligen Phänomens machen: Covid-19 hat die Menschen aus der öffentlichen Sphäre verdrängt und sofort hat die Natur die leer gewordenen Räume ungestört übernommen. Der angeblich in den Kanälen von Venedig gesichtete Delphin hat sich allerdings als Schimäre erwiesen – wahr ist, dass diese Wasserläufe plötzlich wesentlich sauberer wurden und dass sich in ihnen wieder Fische tummelten, welche die Lagunenstadt in den letzten Jahrzehnten n gemieden hatten.

Die durch Puccinis Klänge veredelten Topfpflanzen sollen anschließend an dieses ungewöhnliche Konzert gespendet werden – an 2292 Spitalangestellte, die in der Covid-Krise einen außergewöhnlichen Einsatz gezeigt haben.

Während in Barcelona vor dem Hintergrund von Angst und Tod – Spanien war ja eines der am stärksten von Covid-19 betroffenen Länder Europas – Harmonie zwischen Mensch und Natur zelebriert wird, herrscht im Londoner West End Panik. Im Theaterbezirk wird die Schließung zahlreicher Spielstätten nach der staatlich verordneten Zwangs-Spielpause mit Millionenverlusten befürchtet, und der Schöpfer zahlreicher weltberühmter Musicals, der 72jährig Lord Andrew Lloyd Webber,  sieht eine beispiellose Krise auf Londons West End zukommen: Die britische Regierung plant, das Singen zu verbieten, wenn die Musicals endlich wieder Einzug in London halten dürfen.

Musicals ohne Gesang sind ziemlich sinnlos – aber es ist inzwischen bekannt, dass beim Singen die potenziell lebensgefährlichen Covid-19-Partikel bis zu acht Meter weit geschleudert werden können, also deutlich mehr als die obligatorische Zwei-Meter-Distanz von Mensch zu Mensch. So skurril es tönt: Gesang ist offenbar eine der gefährlichsten Aktivitäten in der Covid-Ära.

In Seoul wurde gleichwohl, nach nur dreiwöchiger Spielpause, ein Gastspiel von Lloyd Webbers „Phantom of the Opera“ aufgeführt – im wichtigsten Theater der südkoreanischen Hauptstadt, mit 1600 Plätzen. Natürlich mit sämtlichen nur vorstellbaren High-Tech-Sicherheitsmaßnahmen: Infrarotkameras über dem Bühneneingang und Distanz-Messung der Körpertemperatur aller Besucher, welche das Gebäude über eine Luftschleuse zu betreten haben. Nicht nur die zahlreichen Musical-Theater im Londoner West-End fürchten um ihre Zukunft, auch die riesigen Kinos: Die britische Regierung will diese bis Anfang nächsten Jahres geschlossen halten.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Dr. Charles E. Ritterband wurde unter dem Titel „Ritterbands Klassikwelt 14: Topfpflanzen im Zuschauerraum und stumme West-End-Musicals“ am 21.6.2020 in „Klassik begeistert“ erstveröffentlicht.

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