Telefonieren am Steuer ist wie betrunken Auto fahren – Ablenkung gehört zu den wichtigsten Unfallursachen

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© Deutscher Verkehrssicherheitsrat

Extrem riskant ist es, dem Straßenverkehr seine Aufmerksamkeit zu entziehen, um etwa eine Textnachricht zu verfassen oder das Radio zu bedienen. Wer als Fahrer bei 130 km/h die Augen nur für zwei Sekunden abwendet, legt etwas über 70 Meter zurück – im reinen Blindflug.

Daher sollte man am Steuer nichts unternehmen, was die ganz Aufmerksamkeit beansprucht. Selbst die Freisprechanlage ist nicht zu empfehlen. Der Schweizer Studie zufolge steigert ihre Nutzung die Wahrscheinlichkeit eines Crashs um das Vierfache. Offenkundig verlangt das Telefonieren die ganze Aufmerksamkeit, anders etwa als das Gespräch mit dem Beifahrer, Radio oder eine CD hören – was von Verkehrspsychologen sogar empfohlen wird, um bei monotonen Fahrten oder Langeweile konzentriert zu bleiben.

Wo liegt aber die Grenze zwischen Aufmerksamkeit und Ablenkung? Für Dr. Volker Hargutt, Verkehrspsychologe an der Universität Würzburg, ist der Ansatz, die menschliche Wahrnehmung als passiven Vorgang zu beschreiben, veraltet. Vielmehr sei sie das „Ergebnis einer aktiven Gestaltung“ des Menschen. Die Wahrnehmung werde bewußt gesteuert, indem man das Wahrgenommene rational, emotional und gemäß der Absicht, die man verfolgt, bewertet. Zum Beispiel wenn man es auf dem Weg zur Arbeit eilig hat, weil man spät dran ist. Gemäß den Erfahrungen, dem Wertesystem und der Intention nimmt man ähnlich einem Filter dieses besser wahr und jenes schlechter.

Das heißt, daß der Mensch seine Wahrnehmung steuert – bewußt oder unbewußt. So kommt es auch zu dem bekannten Phänomen, daß man zwar das Schild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung gesehen, es aber doch nicht „registriert“ hat. Doch schon Friedrich der Große wußte, daß Tempo nicht unbedingt Schnelligkeit bedeutet: „Fahr’ er langsam, ich habe es eilig!“ soll er seinen Kutscher aufgefordert haben. Also besser gedanklich aktiv den Verkehr wahrnehmen und sich aktiv zu den anderen Verkehrspartner verhalten als weltabgewandt vor sich hin rasen.

Die Ursache für Unachtsamkeit kann aber auch in der Gestaltung der Straße liegen. „An engen Kurven nach längeren Geraden muß die Aufmerksamkeit des Fahrers zum Beispiel durch Be-pflanzung gezielt auf diese Stelle gelenkt werden“, fordert Dr. Gert Weller, Professor für Ver-kehrspsychologie an der Universität Dresden. Dahinter steckt das niederländische Konzept der „selbsterklärenden Straße“: „Die Straße muß zum Fahrer sprechen“, meint Weller, „es muß die Botschaft über ihre Gefährlichkeit verknüpft werden mit einer Verhaltensaufforderung.“ Wenn etwa eine gut ausgebaute Straße zum Rasen einlädt und unvermittelt ein Fußgängerüberweg auftaucht, können die Autofahrer durch Verengung der Fahrbahn oder Bepflanzungen zum Drosseln des Tempos und höhere Aufmerksamkeit aufgefordert werden.

Pfiffig ist auch, vor gefährlichen Kreuzungen auf Landstraßen eine „optische Bremse“ einzubauen; das meint die Aufreihung von Bäumen im abnehmendem Abstand am Straßenrand, was die gefahrene Geschwindigkeit subjektiv höher erscheinen läßt. Auch können Rüttelstreifen haptisch-akustische Rückmeldungen beim Überfahren der Fahrbahn geben, vorzugsweise an engen Baustellen.

Fahrerinformations- und -assistenzsysteme entlasten nicht unbesehen den Fahrer am Steuer. Der Chemnitzer Verkehrspsychologe Josef Krems warnt sogar vor Systemen, deren Bedienung einen höheren Aufwand erfordert. Navigationsgeräte zum Beispiel sollten nicht während der Fahrt eingestellt werden.
Viel hängt auch von der Gestaltung der Geräte ab. So kritisiert Krems den Nachtsichtassistenten eines süddeutschen Autoherstellers, der die einfache, aber effektive Gestaltung des Gerätes abgelehnt habe, weil „schlecht zu vermarkten“. Statt dessen sei die spektakuläre, weil bildgebende Variante genommen worden, die aber in der Praxis zu viel Aufmerksamkeit beanspru-che, bemängelt Krems.
Auch soziale Probleme bergen gefährliches Ablenkungspotential: „Psychisch begründete Ab-lenkungsquellen“ wie Ärger, Wut und Streß erhöhen die psychische Belastung und das Unfallrisiko, worauf Dr. Jörg Kubitzki vom Allianz-Zentrum für Technik (AZT) hinweist. Aus einer AZT-Umfrage weiß er, daß auch das Lesen von Werbung am Straßenrand heikel ist, besonders wenn mit Licht und bewegten Bildern die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer gezielt auf die Reklame gelenkt wird.

Die Aufmerksamkeit für die Verkehrsteilnehmer und den Straßenverlauf ist die beste Gewähr für sicheres, zügiges und entspanntes Fahren.

kb

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