Sieglos aufgestiegen – der 1. FC Union Berlin ist Teilnehmer Nummer 56 der Bundesliga oder die Ossis kommen

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Bundesliga - die Ossis kommen © 2019, Hans-Peter Becker

Berlin, Deutschland (Weltexpress) Der Präsident des 1. FC Union, Dirk Zingler, ist keiner, der den großen Auftritt sucht. Nachdem es vollbracht war, der erlösende Schlusspfiff am späten Montagabend im Stadion „An der Alten Försterei“ ertönte, buchstäblich Dämme brachen, soll er auf der Toilette gewesen sein. Es bot sich ein Szenario, was üblich ist bei Aufstiegen und Meisterschaften im eigenen Stadion. Trotzdem hat es jedes Mal etwas Surreales. So kam es auch dem Präsidenten vor. Er ließ sich nicht von den Fotografen zu einer gestellten Jubelpose verleiten, dafür Dankbarkeit in Form von Umarmungen für diejenigen, die einst mitgeholfen hatten, den Verein am Leben zu erhalten, als die Bundesliga mehr als unwirklich war.

Ein Spieler wurde von den Fans auf Händen getragen. Beim 2:2 in Stuttgart hatte er den gesperrten Florian Hüber ersetzt. In der Nachspielzeit wurde er taktisch für Robert Zulj eingewechselt. Der dienstälteste Spieler der Eisernen, Michael Parensen, konnte in seinem 225 Pflichtspiel seit 2009 somit seinen zweiten Aufstieg feiern. Der ewige Michael Parensen, spätestens jetzt hat er seinen Legendenstatus sicher. Das Datum 27.5.2019 wird in Stein gemeißelt in die Vereinschronik eingehen.

Ausfahrt 2. Liga © Hans-Peter Becker

Es war ein hartes Stück Arbeit zu verrichten. Der Vorteil lag bei den Berlinern. In der ersten Halbzeit standen sie sehr tief, überließen den Stuttgartern das Mittelfeld, um dann umso massiver das eigene Tor zu verteidigen. Das wäre in der Anfangsphase fast schief gegangen. Ein Foul von Julian Ryerson verursachte einen Freistoß, der zentral von der Strafraumkante geschossen wurde. Der Ball landete, getreten von Dennis Aogo, unhaltbar im Tor. Zuvor hatte sich Nicolas Gonzales, warum auch immer, bewusst hinter der Mauer ins Abseits gestellt. Per Videobeweis wurde alles überprüft und auf Abseits entschieden. Unions Torwart Rafal Gikiewicz wurde durch Gonzales behindert, so war es kein passives Abseits mehr. Hätte er dort nicht gestanden, wäre der Ball mit größter Wahrscheinlichkeit ebenso drin gewesen. Aus Stuttgarter Sicht kann diese Situation als die Schlüsselszene der Begegnung bezeichnet werden. Eine Nachfrage dazu wollte Stuttgarts Trainer Nico Willig nach dem Spiel nicht beantworten. Er meinte: „Ich habe die Szene nicht gesehen und werde sie mir mein ganzes Leben nicht anschauen…“

Es gab zwei weitere Großchancen für den VfB und in der 20. Minute eine längere Behandlungspause für die Stuttgarter Innenverteidiger Holger Badstuber und Ozan Kabak. Mit einem Kopfverband ging es für beide nach der Behandlung weiter. Bis zur Halbzeitpause blieb das Spiel eine Angelegenheit der Gäste, sie führten in fast allen statistischen Werten. Nur ein reguläres Tor wollte ihnen nicht gelingen.

In der Halbzeitpause machte sich Mario Gomez intensiv warm und ersetzte mit Wiederanpfiff den Unglücksraben Gonzales. Die Minuten flossen dahin und auf beiden Seiten stand die Null. Taktisch hatten die Unioner nachjustiert. Sie liefen jetzt mit zwei Spielern an, Sebastian Andersson und Suleiman Abdullahi und kamen ab der 60. Minute zu einigen Möglichkeiten. Es wurde zweimal der Pfosten getroffen. Mit dem torlosen Remis begannen die Schlussminuten. Stuttgart blickte dem Abgrund entgegen und Unions Bundesligageburt rückte immer näher. Die Kräfte schwanden, mehr auf Stuttgarter Seite, von Union kam der pure Wille, das Ergebnis zu halten. In der letzten Minute wäre es fast schief gegangen. Benjamin Pavard, aktueller Weltmeister und bald im Bayern-Trikot, ließ einen gefährlich Schuss los, den Gikiewicz gerade noch zur Ecke ablenken konnte. Da hätte schiefgehen können. Die Nachspielzeit von fünf Minuten zogen sich endlos hin.

Urs Fischer ist Aufstiegstrainer und Christian Arbeit (Mitte) ab sofort mit neuer Frisur © Foto: Hans-Peter Becker

Exakt um 22:28 Uhr war es vollbracht. Die einen sanken vor Enttäuschung und die anderen vor Erschöpfung zu Boden. Das Spielfeld war vor glückseligen Fans in minutenschnelle gefüllt. Besser ging es nicht, in Bochum den Aufstieg knapp verpasst, jetzt im eigenen Stadion den Aufstieg erkämpft. Der VfB Stuttgart muss als dritter Erstligist, nach Energie Cottbus und Hertha BSC die Segel in der Relegation streichen.

Riesenenttäuschung beim VfB Stuttgart. Dabei traf Angriffsschwäche aus der Bundesliga auf die beste Verteidigung der 2. Liga. Besiegt wurde in der Relegation keiner. Das war wieder typisch für diese Saison des 1. FC Union Berlin, die Eisernen waren die Könige des Unentschieden und blieben es bis zum Schluss. So verwundert es nicht, dass ein 0:0 diesen Erfolg bescherte.

Die Bundesliga darf sich freuen, der etwas andere Verein kommt, Fußball pur, nur soviel Kommerz, wie unbedingt sein muss.

Spieldaten

27.05.2019 Relegation 1. Bundesliga / Spiel 2

1. FC Union Berlin:
Gikiewicz – Ryerson, Friedrich, Hübner, Reichel – Prömel, Schmiedebach, Zulj (90.+ 3 Parensen) – Abdullahi (82. Gogia), Andersson, Hartel (65. Mees) 4-3-3 (4-2-3-1)
Trainer: Urs Fischer

VfB Stuttgart:
Zieler – Pavard, Kabak, Badstuber, Aogo – Gentner, Ascacibar, Zuber (69. Castro) – Akolo – Donis (60. Didavi), Gonzalez (46. Gomez) 4-4-2
Trainer: Nico Willig

Schiedsrichter: Christian Dingert, Tobias Christ, Timo Gerach, Robert Schröder, Guido Winkmann (VAR)
Zuschauer: 22 012 (ausverkauft)

Stadion An der Alten Försterei
Wetter: warm und trocken bei +18 C

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