Schmutzige Bilder – Lucy Walker zeichnet mit Vik Munitz im Berlinale Panorama die Schicksale der Menschen im „Waste Land“ nach

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Täglich sammeln die sogenannten Rag Pickers, die Müllsammler, alle verwertbaren Gegenstände auf der Deponie, durch deren Recycling sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Für ihre Kinder wünschen sie sich ein besseres Leben. Er hoffe, sein Sohn könne einmal Arzt oder Anwalt werden, und als solcher den Menschen von Jardim Gramacho helfen, sagt einer der Müllsammler. Vik Muniz will dazu beitragen, solche Wünsche zu erfüllen. Selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ist Muniz heute der am besten verdienende brasilianische Künstler. Walker beobachtet Muniz, wie er aus den Abfällen des „Waste Land“ außergewöhnliche Kunstwerke erschafft und so den Abfall auf seine eigene, unnachahmliche Weise „recycelt“. Der Erlös des Kunstprojektes, in welches Munitz auch Porträts der Rag Pickers einbindet, soll den Anwohner zugute kommen. „Momentan versuche ich mich von den ‚Schönen Künsten‘ zu distanzieren, weil es mir sehr exklusiv, sehr einschränkend vorkommt.“, erklärt Muniz. Durch die Schicksale der Müllsammler sind die einander bedingenden Aspekte sozialer Beschränkung und Ausgrenzung unterschwellig immer präsent. Dennoch hinterlässt die Reportage der für ihren Dokumentarfilm „Blindsight“ mit dem Berlinale Publikumspreis ausgezeichneten Lucy Walker zwiespältige Gefühle.

Dass sie am untersten Ende des sozialen Hackordnung angelangt sind, ist den Menschen schmerzlich bewusst. Dennoch sind sie Stolz zu arbeiten, Stolz auf ihren unermüdlichen Kampf für ihre Rechte. Die Persönlichkeiten der Menschen hervorzuheben ist das erklärte Ziel von Munitz Kunstprojekt. Der Wissensdurst und die Kenntnisse, welche die Menschen trotz ihre ständigen Existenzkampfes aufbringen, ist eindrucksvoller als der wohltätige Einsatz Munitz. Dennoch ist es der Künstler, welchen Walker als Hoffnungsbringer des „Waste Land“ inszeniert. Trotz des bedeutenden Themas gelingt es ihrer Reportage nicht, unter die Oberflächen der Problematik zu dringen. Über 6 Millionen Einwohner hat Rio de Janeiro. Zählt man die Bewohner der Metropolregion hinzu, sind es über 11,5 Millionen. Was sie wegwerfen, landet im Jardim Gramacho. Wo der Müll hin gelangt, kommen die Menschen hin, der „Abfall“ der brasilianischen Gesellschaft, deren restriktives Klassensystem Muniz erwähnt. Menschlicher Müll – im Jardim Garmacho ist es der von Menschen produziert Materialemüll wie die von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Der Garten ist die Endstation, das öde Land, eine Stätte vergeblicher Hoffnung, wie sie T.S. Eliot in seinem epischen Gedicht beschwört:

„Here one can neither stand not lie nor sit

There is not even silence in the mountains

But dry sterile thunder without rain

There is not even solitude in the mountains“

So ehrenvoll Munitz ´ Absichten sein mögen, so zweifelhaft ist ihr dauerhafter Erfolg.Was die brasilianischen Einwohner sich über Jahre mit der Gründung einer Gewerkschaft und Sozialorganisationen erkämpft haben, verdient mehr Respekt, als Muniz ´ Werke. Nur durch den Fokus der Kamera eines international erfolgreichen Künstlers wie Muniz – oder einer Dokumentarfilmerin wie Walker – ist ihr Schicksal relevant, scheint die Reportage zu vermitteln. Indirekt betont „Waste Land“ den Außenseiterstatus der Rag Pickers.

„We think of the key, each in his prison

thinking of the key, each confirms a prison“

Es genügt nicht, auf das Problem hinzuweisen. Man muss handeln, wie die Menschen im „Waste Land“ es tun.

Titel: Waste Land

Berlinale Panorama

Land/ Jahr: Brasilien 2009

Genre: Dokumentarfilm

Regie und Buch: Lucy Walker

Mit: Vik Munitz

Laufzeit: 99 Minuten

Bewertung: ***

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