Platzwechsel gibt’s auch: „God’s Pocket“ von Pete Dexter bei Liebeskind auf Platz 1 Krimiwelt – Die Bestenliste von Welt, Arte und Nordwestradio für Juli 2010

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Wie auch immer, Pete Dexters „God’s Pocket“ hat es auf den ersten Platz geschafft und wir hatten schon das letzte Mal gerühmt, wie perfekt dieses Debüt von 1983, das erst jetzt auf Deutsch bei Liebeskind erschien, uns ein Amerika vorführt, wie wir es immer schon geahnt hatten: grausam und furchtbar, aber bewegt. Erstaunlich auch der Sprung von Dominique Manottis „Letzte Schicht“ vom siebten auf den zweiten Platz, erschienen bei ariadne im Argumentverlag, und vor allem für die geeignet, die auch in Krimis das reale Leben wiederfinden wollen, hier bei einem Thema, das in der Realität sehr viel häufiger vorkommt, als in der fiktionalen Literatur: ein Wirtschaftskrimi.

Die Kommentierungen zu den bisher Plazierten können Sie den vorhergehenden Besprechungen entnehmen. Wir wollen die neu auf die Liste Gekommenen kurz kommentieren. Auf dem vierten Rang hat es „Cash“ von Richard Price auf Anhieb geschafft. Auch dieses Buch ist im Fischer Verlag erschienen, der immer mehr prämierte Krimis veröffentlicht. Auch dieses Buch spielt in New York, diesmal in der Lower Eastside, also Manhattan. Ein einziger Totschlag ist es, der minutiös aufgeklärt wird und in dessen Verfolgung wir mehr Internas dieser Großstadtmolochs mitbekommen, als uns lieb ist. Price ist für seine realistischen und scharfen Dialoge bekannt. Sicher ist es diese literarische Meisterschaft, weshalb er vor allem für Hollywood Drehbücher verfaßt. Der Schriftsteller hat auch auf Deutsch schon viel veröffentlicht. Was einen wundert, ist, daß er dies bisher in verschiedenen Verlagen tat. Ob er mit dem Fischer Verlag jetzt eine Heimat fand, wird sich zeigen.

Neu auf Platz 5 ist Christopher Cook mit seinem Krimi „Robbers“, erschienen als Taschenbuch bei Heyne. Was der Titel aussagt, wird erst dem Leser klar. Die Kenner wissen, daß hier etwas sehr Amerikanisches daherkommt: „ein Road Movie in der Horror-Grotesk-Zitat-Tradition von Crumley, Hiaasen, Tarantino, Burke, „sagt Tobias Gohlis, der Sprecher der Krimijury. Und wir wissen aus Erfahrung, daß diejenigen, die es auf diese Goldene Auswahlliste schaffen, bevorzugt aus dem amerikanischen Raum kommen. Nicht daß wir diese Krimis nicht auch goutieren täten, nur finden wir viele europäische oder außeramerikanische Kriminalromane, wie auch insbesondere die Nordeuropas, ebenfalls sehr geeignet, unter die besten Zehn zu kommen.

Denn auch auf  Platz 7 ist ein Amerikaner, denkt man, denn der Roman spielt erneut wo? Ja, in New York. aber Benjamin Black mit seinem „Der Lemur“ herausgekommen im Rowohlt Verlag, ist ein anderer als man denkt. Der Ire und Booker-Prize-Träger John Banville verbirgt sich hinter dem B. B. Warum der Verlag diese Werbung nicht aufs Cover setzt, wundert einen, aber vielleicht befürchten die Verantwortlichen, daß echte Literatur die Krimileser abschreckt. Welche in Irrtum, denn auch dieser Krimi lebt vom grandiosen Erzählen, wobei es neben den Wirtschaftskrimis gerade die Familien sind, die ein Labyrinth von Geheimnissen bergen. Karl Kraus hatte mit seiner Vermutung, dass das Wort „Familienbande“ einen Beigeschmack von Wahrheit habe, mitten ins Wespennest gestochen, den Stich muß nun auch der Journalist Glass aushalten. Doch, uns hat das gefallen, wie er das tut.

Auf Platz 9 folgt mit Jiří­ Kratochvils Krimi „Das Versprechen des Architekten“ erschienen bei Braunmüller, ein Schmankerl aus Tschechien. „In diesem wunderbaren, intelligenten Roman aus der Tschechoslowakei der Stalinzeit mischen sich drei fruchtbare literarische Traditionen: Surrealismus, Kriminalliteratur und tschechische Groteske.“, teilt Tobias Gohlis mit. Wir haben diesen Krimi und den letzten von Platz 10: John Hart mit dem „Das letzte Kind“ von C. Bertelsmann herausgegeben, noch nicht gelesen. Dieser soll ausnehmend spannend sein und handelt vom übergreifende Thema unserer Zeit: Entführung und Mißbrauch. Hier sucht ein 13jähriger Junge seit einem Jahr verschollene, entführte Schwester und stöbert alle Kinderschänder, Vergewaltiger und Mistkerle von Raven County auf. Demnächst mehr.

Lfd.

Nr.

Rang

Vor-monat

Titel

1

1

(2)

Pete Dexter: God’s Pocket

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

Liebeskind, geb., 368 S., 22,00 €

God’s Pocket, Philadelphia: In seinem Debütroman von 1983 enthält sich Pete Dexter jeder Erklärung. Gewalt geschieht, etwas geschieht immer. Antimetaphysisch, grotesk erzählt er aus dem Pandämonium einer amerikanischen Vorstadt von Bauarbeitern, Fleischschmugglern, Kleingangstern, Träumern. Furios.

2

2

(7)

Dominique Manotti: Letzte Schicht

Aus dem Französischen von Andrea Stephani

ariadne im Argumentverlag, TB, 256 S., 12,90 €

Pondange, Lothringen/Warschau/Paris: Ein Betriebsunfall, eine Fabrikbesetzung. Arbeiter geraten an Material, das die Fusion zweier Wirtschaftsgiganten beeinflussen und die Regierung stürzen könnte. Manotti ist eine Klasse für sich: lebensnah, realistisch, vertrackt. Der Krieg der Konzerne in den kleinen Städten. Superb.

3

3

(1)

Josh Bazell: Schneller als der Tod

Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch

S.Fischer, geb., 304 S., 18,95 €

New York: Pietro Brwna heißt im Zeugenschutz Dr. Peter Brown und trotzt jetzt als Arzt dem Tod im Krankenhaus. Vergeblich. Das liegt am verluderten System und an seiner Vorgeschichte als Auftragskiller. Zum Brüllen intelligent: Bazell massakriert Medizin und Mafia. Viel besser als Koks. Macht schneller süchtig.

4

4

(-)

Richard Price: Cash

Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow

S. Fischer, geb., 524 S., 19,95

Lower East Side, Manhattan: Mit Ultra-Dokumentar-Seelen-Kamera entflicht Price alle Handlungs- und Beziehungsimplikationen eines irgendwie systemischen Totschlags, scharf, unscharf und aus der Totale. Keiner ist böse. Alles geschieht. Niemand versteht es. Tod als Anlass, weiter zu machen wie bisher.

5

5

(-)

Christopher Cook: Robbers

Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux und Frank Dabrock

Heyne, TB, 560 S., 9,95 €

Texas: Eddie, Della und Ray auf Tour. Anfangs alle 2 Kapitel ein Mord. Der Lonesome Ranger hinterher. Cook mixt Zutaten von Crumley, Hiaasen, Tarantino, Burke. Basisteig: White Trash und TV-Serien. Post-Post-Crime-Fiction aus dem Mythenfleischwolf Süden. Erstaunlich happy am Ende.

6

6

(4)

Henning Mankell: Der Feind im Schatten

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Zsolnay, geb., 592 S., 26,00 €

Ystadt/Stockholm: Geplagt von Diabetes und Vergesslichkeit löst Wallander seinen letzten Fall. Überschwemmt von Erinnerungen an Vergangenes untersucht er das Verschwinden eines pensionierten Marineoffiziers und einen Spionagefall von dunnemals. Das Vergangene vergeht, Wallander auch. Adieu.

7

7

(-)

Benjamin Black: Der Lemur

Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf u. Thomas Wollermann

Rowohlt, PB, 158 S., 11,00 €

Manhattan: Eine Million soll der ausgebrannte Journalist Glass für die Biographie seines Schwiegervaters bekommen. Der Rechercheur, den er anstellt, wird erschossen. Glass schleppt sich selbst zur Recherche. Eine Kriminal-Etüde zu den Todsünden Acedia und Luxuria in einer mächtigen Familie.

8

8

(5)

Francisco González Ledesma: Der Tod wohnt nebenan

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg

Lübbe, geb., 320 S., 19,99 €

Barcelona: Es geht um Rache und Vergeltung. Ein Kind wurde bei einem Bankraub getötet, jetzt ist Miralles, der Vater, hinter den Mördern her. Inspector Méndez ermittelt, der letzte Irreguläre im Staatsdienst. Es wehen die Düfte des alten Barcelona. Die viel zu späte Entdeckung eines großartigen spanischen Autors.

9

9

(-)

Jiří­ Kratochvil: Das Versprechen des Architekten

Aus dem Tschechischen von Julia Hansen-Löve u. Christa Rothmeier

Braumüller, geb., 386 S., 23,95 €

Brünn: „Kein Zuckerschlecken“, die stalinistischen Fünfzigerjahre. Architekt Modráček rächt den Polizeimord an seiner Schwester durch den Bau einer Insel der Glückseligen. Wundersam-groteskes, surrealistisches Geschichtsstück über Rache und Fortschritt. Zauberhaft, bös, verspielt. Eine Entdeckung.

10

10

(-)

John Hart: Das letzte Kind

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

C.Bertelsmann, geb., 448 S., 19,95 €

Raven County, North Carolina: Vor einem Jahr wurde Alyssa entführt. Johnny (13) stöbert auf der Suche nach seiner Zwillingsschwester Kinderschänder, Serienmörder, Vergewaltiger und blöde Cops auf. Wendungsreich, spannend, jede Menge Horror, Höhlen und Übles. Die Guten kommen durch. Eben Hart.

Die „Bestenliste“ wird im Hörfunk immer am letzten Wochenende des Monats: Samstag, 26.Juni.2010 gegen 8.40 Uhr live; Sonntag 15.05 – 16.00 Uhr in der „Literaturzeit“ des NordwestRadio vorgestellt sowie in der Literarischen Welt am 26.Juni. 2010. Das Beste vom Besten: Immerhin erscheinen übers Jahr verteilt über 800 Kriminalromane auf Deutsch. An jedem letzten Samstag im Monat geben Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Sie halten nach dem literarisch interessanten, thematisch ausgefallenen, besonderen Kriminalroman Ausschau. Die besten Zehn werden mit Bibliographie und Kurzbeschreibung hier veröffentlicht.

Die Jury hat sich gerade verändert und setzt sich zusammen aus:

Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt Volker
Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Schwarze Hefte“
Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR
Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung
Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung
Michaela Grom, Heidelberg, SWR
Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen
Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung
Ekkehard Knörer, Berlin, Perlentaucher, Crime Corner
Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel
Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR
Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38
Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR
Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard
Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau

Jochen Vogt, Literaturwissenschaftler
Hendrik Werner, Bremen, DIE WELT
Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

In der Jury der KrimiWelt-Bestenliste hat es einige Veränderungen gegeben: Kathrin Fischer und Jochen Schmidt sind ausgeschieden. Neu hinzugekommen ist Jochen Vogt, einer der wenigen akademischen Literaturwissenschaftler, der den Kriminalroman schon vor Jahrzehnten erforscht hat.

Alle weiteren plazierten Krimis entnehmen Sie bitte den Krimi-Besprechungen in den vormonatlichen Artikeln, die Sie unter Kultur. Bücher oder unter dem Autorennamen im Archiv finden. Dreimal darf ein Buch einen Platz bekommen, dann scheidet es aus und hat nur noch die Chance, in der Jahresbestenliste wieder aufzutauchen, die diesmal Ende Januar herauskommt.

Unter www.arte.tv/krimiwelt finden Sie die Bestenliste mit Kurzrezensionen der Juroren, Kommentaren des Jurysprechers („What’s New?“) und weiteren Informationen zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z“).

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