Paris huldigt Wagner – Eine stimmlich und musikalisch triumphale „Walküre“ in der Bastille-Oper

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Aber oh Wunder, auch solche sterile Absonderlichkeiten halten das von einander nicht lassende Liebespaar nicht ab und schnell blendet der Zuschauer das Drumherum einfach aus und konzentriert sich auf Robert Dean Smith’s Siegmund, der mit einer darstellerisch zum Ausdruck kommenden Verlassenheit und der Sieglinde anheimfallenden Brunst einen verwickelt in das Geschehen, daß man mit „Ja, endlich“ den Ehebruch der Sieglinde von Ricarda Merbeth und der Vereinigung des Geschwisterpaares im Inzest zustimmt.

Das hat schon Wagner sehr geschickt angelegt, indem er den Ehemann Hunding, der mit seiner Horde Siegmund verfolgte, nun aber der Konvention folgend den Gast im Hause respektieren muß, als brutalen Widerling anlegt, mit dem kein Zuschauer zu tun haben möchte. Daß aber während der Ouvertüre, die einen sanft auf das Kommende vorbereiten soll und in der die Leitmotive der handelnden Personen aufscheinen, daß als in diese Ouvertüre hinein die Regie ein stummes Gemetzel stattfinden läßt, das wohl die Vorgeschichte, den Mord an der Mutter und den Raub der Schwester zeigen soll, das ist so unnötig wie ein Kropf und wir breiten den Mantel des Schweigens über die inszenierende Bühne des ersten Aktes aus, die dennoch weder Sänger noch Orchester totschlagen konnte. Dann, oh Wunder, geht es völlig anders weiter. Die Bühnenbilder des 2. und 3. Aktes bleiben etwas technisch, sind aber ästhetisch hochartifiziell von anderer Art und völlig passend und es finden Regisseur und Sänger in einer hervorragenden Personenführung zu einer so stimmigen und beglückenden Erzählung zusammen, daß mit einem gewaltigen Schlußapplaus und tiefen Dankesbezeugungen das Publikum dem Ensemble und dem Orchester unter Dirigent Philippe Jordan zu Füßen liegt.

Wir aber sind noch im ersten Akt, wo Nämliches Siegmund vor Sieglinde tut, deren Augenspiel einen in ihre Geschichte hineinzieht und wo im gegenseitigen sich Erklären auch die Geschichte um Wotan, der die Wälsungen zeugte und über sie die Hand hält, entwickelt wird. Um die Aufgabe dieses Schutzes geht es nun, wenn im zweiten Akt die Hüterin des häuslichen Herdes, der Ehe und des Gesetzes, Fricka von ihrem Ehemann die Konsequenz aus dem ehebrecherischen inzestuösen Verhalten fordert. Und schwach zeigt sich Wotan, weil ihn Fricka mit seinen eigenen Argumenten schlägt. Die in kühnes Rot und Schwarz Gekleidete Yvonne Naef läßt dem sehr jungen einäugigen Wotan des Thomas Johannes Mayer inhaltlich keine Chance, kühl und herrschaftlich fertigt sie ihn ab, aber zusammen geben sie ein starkes Darstellerpaar, das auch stimmlich sich aufeinander einläßt.

Und so nimmt die Geschichte ihren Gang. Die Lieblingstochter Brünnhilde, strahlend von Katarina Dalayman gegeben, die als einzige der anderen acht Walküren in weißen Kleidchen in einen an eine Arztpraxis gemahnende behosten Kittel gesteckt ist, wird nicht Hundings Speer tödlich gegen Siegmund führen, sondern die schwangere Sieglinde retten und die drei Teile des Schwertes Notung bergen, das vor Hundings tödlicher Attacke durch Wotans Assistenz zu Bruch ging und Siegmund waffenlos ließ. Hier läßt die Regie diese durch Wagner herrlich vorbereitete Diskrepanz zwischen Wollen und Tun des Göttervaters einfach dahingehen, wenn Wotan Frickas Rache Genüge tut und Siegmund fällt, er aber aus Ekel vor der eigenen Tat auch den Mörder Hunding niederstreckt. Hier zuckt Hunding nur zusammen und ist einfach tot.

Brünnhilde aber hatte Sieglinde geraten, Zuflucht bei den Nibelungen zu suchen, weil Wotan diese aus gutem Grund meide, war doch durch seine List der Ring dem Nibelungen Alberich entrissen worden und Wotan selbst hatte ihn Fafner übergeben, dem Riesen, der Walhalla erbaut hatte, wo die Walküren derzeit im dritten Akt die erschlagenen Helden waschen und aufbahren, in ihrer Arbeit aber durch den heranstürmenden Wotan unterbrochen werden. Der will wütend den Ungehorsam der Lieblingstochter bestrafen. Da die Schwestern Brünnhilde nicht schützen können, tritt diese vor den Vater, versucht sich zu rechtfertigen und beugt sich seinem Urteil des langen Schlafes, von Feuer umgürtet, nachdem dieser wiederum zugesichert hatte, daß sie nicht Beute des ersten Dahergelaufenen werde, sondern nur ein Mann sie erlösen werde, der frei sei und Wotan nicht fürchte. Der noch ungeborene Siegfried wird uns hier angekündigt, aber sein Eintreten folgt erst im dritten Teil von Wagners Ring: „Siegfried“.

Wagnerianern muß man die Handlung nicht erklären, aber das Gute an der Pariser Aufführung ist, daß sie geeignet ist, auch Unkundigen den Weg durch das Niblungengestrüpp zu weisen, denn die Handlung wird durch das Agieren der Personen deutlich. Da sieht man eine wirklich hervorragende Personenführung, die im zweiten Akt unterstützt wird durch einen bühnenbreiten Spiegel, der das Unterste nach oben kehrt. Die Sänger bilden ein hervorragendes Ensemble, in dem es keinen Ausfall gibt, und wo Robert Dean Smith als Siegmund eine besondere Brillanz zukommt. Uns hat auch der Wotan des Thomas Johannes Mayer angesprochen, der einmal nicht einen alten, resignierenden Mann gibt, sondern den Widerspruch, der in der Rolle liegt, deutlich aufzeigt. Tatsächlich ist ja bei all den Toten, die der gesamte Ring produziert, der überlebende Wotan die tragischste Figur.

Die „Walküre“ wurde an diesem Abend in Paris zum 573. Mal aufgeführt und es war die dritte Aufführung der neuen Inszenierung, deren Premiere am 31. Mai war.

Folgevorstellungen sind am 13., 16., 20., 23., 26. und 29. Juni 2010.

www.operadeparis.fr

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