Nördlicher geht ´s nicht – Serie: Per Flugzeug und Eisbrecher auf den Gipfel der Welt (Teil 1/2)

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© Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Für 250 Fluggäste keineswegs. Die wollen sich relativ preiswert einen Lebenstraum erfüllen. Nachdem der Airbus A 330-200 mit der Kennung D-ALPI überpünktlich abgehoben hat, begrüßen sie Manuel Kliese und Dr. Sven Maertens, Geschäftsführer der veranstaltenden Deutschen Polarflug, einer Vereinigung von Luftfahrt- und Arktis-Enthusiasten, zum längsten „innerdeutschen Rundflug“ von Tegel nach Tegel. Nicht verwunderlich, dass seine Gästeschar total bunt ist. Aus aller Welt sind die „Pol-Verrückten“ gekommen, um, wie es einer formuliert, „eine Reise mitzumachen, die so selten ist wie Menschen am Nordpol“. Als erster erfuhr das der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, als er 1926 mit dem Luftschiff NORGE am Pol landete.

Wenn man vor der Reise jemandem erzählte, man wolle am Wochenende zum Nordpol, dann bekam man häufig zur Antwort: „Da waren wir schon mit dem Wohnmobil“. Gemeint war natürlich das Nordkap, weil niemand sich einen Tagesausflug zum Nordpol vorstellen konnte.

Mystischer Punkt schwarzes Loch

Manuel Kliese setzt noch eins drauf, wenn er in seiner Begrüßung sagt: „Sie nehmen heute an einer Reise teil, die mitten im frühlingshaft milden Mitteleuropa beginnt und Sie zu Gebieten auf der Nordhalbkugel bringt, die zum Atemberaubendsten gehören, was man auf unserem Planeten überhaupt entdecken kann. Heute werden Sie zu einer winzigen Gruppe von Menschen gehören, die solch abgelegene Seiten der Erde sehen wird, wie sie fast allen Anderen verborgen bleiben. Das Nordpolarmeer und insbesondere den geografischen Nordpol konnten bislang nur sehr wenige Menschen erblicken. Ein Punkt, für dessen Erreichen vor gerade einmal 100 Jahren berühmte Entdecker der Polargebiete nicht selten mit dem Leben bezahlten. Ein Punkt, von dem selbst in unserer offenen Informationsgesellschaft nur wenige Bilder aufzutreiben sind und an dem ´Google Earth` noch immer ein schwarzes Loch anzeigt. Heute wird dieser mystische Punkt, die nördlichste Position unseres Planeten, für Sie zum Greifen nahe sein. Dieser fast spielerische Umgang mit Entfernungen auf der Erde zeigt uns vor Allem aber, wie klein unser Lebensraum eigentlich ist. Die Grenze zur Arktis ist nicht einmal vier Flugstunden von Deutschland entfernt. An ein und demselben Tag erreichen wir den Nordpol und umrunden den gesamten Nordatlantik. Jeder von uns wird die Reise anders erleben und in unterschiedlichen Gedanken verarbeiten“.  

Überraschung Bäreninsel

Via Stralsund, Rügen, Kopenhagen, Göteborg, Oslo steuern der erfahrene Polarpilot Flugkapitän Wilhelm Heinz und seine Erste Offizierin Patricia Jörsch die norwegische Westküste an, die sich weitgehend unter Wolken versteckt. Doch schon über den Lofoten klart es auf. Der „Knaller“ ist die Bäreninsel. Normalerweise hüllt sie sich die raue Insel in der ebenso rauen Barentssee in dicke Wolken ein, doch an diesem 5. Mai liegt sie auf dem Präsentierteller: wie ein mit Puderzucker bestäubter Pfannkuchen im tiefblauen Meer. Nicht nur die Fotografen jubeln und sind überwältigt. „Wir sind in der Arktis“, beginnt Alexander Soucek von der Europäischen Weltraumbehörde ESA, einer der mitreisenden Lektoren, seinen ersten Vortrag, „und das kommt vom griechischen Wort arctos und heißt Bär. Je weiter nördlich man kommt, desto höher steht das Sternbild des Kleinen Bären, am Pol dann im Zenit“. Übrigens sei die Arktis ein „Kontinent im Wasser“, das von zwei bis vier Meter dickem Eis bedeckt sei. Anders als die aus festem Land bestehende Antarktis.

Knut im Cockpit

„Wir beginnen jetzt mit dem Sinkflug von 10.000 bis auf 2500 Meter“, meldet sich der Kapitän aus dem Cockpit und nimmt Kurs auf Spitzbergen. Auch er ist polarbegeistert und daher hochmotiviert, flexibel zu reagieren: auf wechselnde Wetter- und Sichtverhältnisse.

Spitzbergens Südküste, von Treibeis umgeben, kommt in Sicht. Manuel Kliese von der Deutschen Polarflug – er lebt und arbeitet in Norwegen und war für längere Zeit auf Spitzbergen – nimmt Kontakt auf zu einer polnischen Forschungsstation im Hornsund. Während AB 1111 über sie hinweg düst, hören die Nordpolfahrer seine Satellitentelefon-Unterhaltung mit Dr. Adam Nawrot. Der weiß zu berichten, dass die Eisbären-Population in diesem Jahr rapide abgenommen habe: von sonst 60 auf nur noch 27. „Ein Ergebnis der Klima-Erwärmung“, erklärt er seinen erstaunten Zuhörern im gemütlich warmen Flugzeug über ihm, „der vergangene Winter war rund 7,5 wärmer als sonst, so dass das Seeeis abgenommen hat und damit auch die Robbenzahl, Hauptnahrung der Bären“. Ein weißes Plüschtier ziert übrigens das Cockpitfenster, die Gäste klemmen ihre an die Sitze.

Moderator Knut Breidenbach, im „wirklichen“ Leben Kreuzfahrtdirektor und mit dem legendären Berliner Eisbären namensverwandt, geht auf Fragen ein, zum Beispiel die Klimaverträglichkeit des Fluges. Er bittet die Gäste, für die Aufforstung des Regenwaldes zu spenden, „dann ist der Flug innerhalb von zwei Jahren kompensiert“. Außerdem fliege man ja nur einmal pro Jahr.

Spitzbergen-Impressionen

„Die Zeit vergeht wie im Flug“, findet Sitznachbarin Karin Peisker-Wichert, „auch weil alles so schön ist!“ Alle Seh-Leute sind angesichts der tief verschneiten Berglandschaft mit den charakteristischen Erosionsrinnen wie aus dem Häuschen, ständig in Bewegung und sehr kooperativ. Zum Beispiel werden ohne zu murren die Plätze gewechselt, damit jeder nach unten schauen, staunen, fotografieren oder filmen kann. Wie bestellt reißt die Wolkendecke immer mehr auf und gibt den Blick frei auf die fantastische Gipfelflur und ihre Täler. Über der Magdalenenbucht erinnert sich der Autor an seine Kajakfahrt durchs Eis und die Begegnung mit seinem früheren schleswig-holsteinischen Schulkameraden Arved Fuchs auf dem Segler DAGMAR AAEN. Beide waren schon am Nord- und Magnetpol und treffen sich nach vielen Jahren erstmals im arktischen Eis wieder. „Du verrückter Hund!“, begrüßt er den Kanuten lachend, der an der Bordwand auf und nieder schaukelt. Seine Kajak-Expeditionen haben den „polarisierten“ Autor animiert, es ihm ein klein wenig nachzutun, auch schon an der grönländischen Westküste.

Sensibles Eismeer

11.55 Uhr. AB 1111 geht auf 80 Grad Nord wieder in Steigflug über. Während am Boden – 15 Grad herrschen, sind es außerhalb der Kabine minus 50 Grad. Bei der Hinlopen-Straße geht das Eismeer ins Nordpolarmeer über. Zeit für Alexander Soucek und seine spannenden populärwissenschaftlichen Ausführungen: „Das Polarmeer ist sehr sensibel und die Eisschicht nur zwischen zwei und vier Meter dick. Wenn das Süßwasser taut, wirkt sich das gleich doppelt schlimm aus“. Mit der Veränderung des Salzwassergehalts ändere sich auch die Temperaturzirkulation in den Meeren. „Sollte also der Golfstrom kein warmes Wasser mehr nach Europa transportieren, wird es richtig kalt bei uns – bis zu minus 30 Grad“. Darüber hinaus reflektiere die bisher riesige Eisfläche das Sonnenlicht zurück ins All. „Aber getautes Wasser kann die Energie nicht so stark zurückgeben“. Die Folge sei, dass das Meerwasser sich erwärme und ausdehne. „Dadurch steigt der Meeresspiegel mit verheerenden Auswirkungen“.

Seine Firma ESA filme täglich mit Satelliten den Planeten, sammle Daten und dokumentiere Veränderungen. „Das Eisvolumen hat im Vergleich zu den Vorjahren abgenommen“, stellt er ernüchternd fest.

Am Ziel: Gipfel der Welt

Nach einer Stunde Nachdenklichkeit wächst allerdings die Spannung. Allround-Talent Manuel Kliese startet seinen lange erwarteten Countdown aus dem Cockpit: „Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwo, eins: 90 Grad Nord! Wir sind über dem Nordpol!“ Auf dem Display sieht man das kleine Flugzeug auf dem Gipfel der Welt, darunter „Nordpol“. 13.15 Uhr: Ein Jubelruf geht durch die Reihen, die zuvor von den freundlichen Flugbegleitern gereichten Champagnerflaschen fliegen auf und man prostet sich zu. „Das ist ja wie zu Silvester“, freut sich jemand
Die Maschine legt sich in die Kurve, Gläser rutschen zu Boden. Zwei Mal links- und zweimal rechts herum lässt Kapitän Wilhelm Heinz seine D-ALPI um die Erde kreisen: in nur acht Minuten und nur 1500 Meter Höhe. Dabei wird auch vier Mal die Datumsgrenze überquert, alle Zeitzonen sowie alle 360 Längengrade. Bei strahlendem Sonnenschein und – 25 Grad. Die Eisfläche ist von Spalten und Rissen durchzogen, aber offenes Wasser ist nirgends auszumachen. „Nördlicher geht ´s von hier nicht, nur nach Süden“, lacht Manuel Kliese und freut sich, dass seine Gäste hochzufrieden sind. Auch mit dem danach gereichten Polar-Dinner Elchsteak, Lachs und Saibling.

„Wie spät ist es jetzt hier eigentlich?“, möchte ein Gast von Knut Breidenbach wissen. „Das können Sie sich aussuchen“, antwortet er, während der Airbus die Zeitzonen in Minutenschnelle schneidet. „Solche grandiosen Erlebnisse sind bisher sicher nur wenigen Menschen vergönnt gewesen“, meint die weitgereiste Karin Peisker-Wichert euphorisch und schlürft genüsslich ihren Nordpol-Champagner.

Vier Superlative

Eine Stunde Flugzeit vom Pol: das Nordostkap an der Ostküste Grönlands voraus. Bei Sonne pur präsentiert sich die größte Insel der Welt in ihrer ganzen eisigen Schönheit. Aus 1500 bis 2000 Metern genießt man atemberaubende Ausblicke: vereiste Fjorde, endlose Gletscher, bis zu 1700 Meter hohe Berge, gewaltige Eisberge in der Grönlandsee vor der Küste.

Über Island und den Vulkan Eyjafjallajökull, die sattgrünen Shetland-Inseln, Deutsche Bucht mit Sylt, Föhr und Helgoland und Schleswig-Holstein – der 97 Kilometer lange Nord-Ostsee-Kanal mit dahin kriechenden Frachtern ist in ganzer Länge zu sehen – führte der Expeditions-Sonderflug wieder zurück in die Spree-Metropole. AB 1111 wird mit Regen empfangen, was keinen auch nur im geringsten stört, denn man kann gleich drei Superlative verbuchen: die ungewöhnlichste Reisemöglichkeit in der Geschichte des Tourismus, den kuriosesten Tagesausflug sowie die kürzeste Expeditionsreise überhaupt. Knut Breidenbach hält das Schlusswort: „Schlüpfen Sie in die Rolle von Botschaftern, um von dem einmaligen Erlebnis zu berichten. Zeigen Sie Ihre Fotos, lassen Sie auch andere an dem Naturwunder teilhaben!“ Das letzte stabile und zugleich hochsensible Ökosystem der Erde verdient es!

Nach rund 10.000 Kilometern, zwölf Stunden Non-Stopp-Flug und knapp 70 Tonnen Kerosinverbrauch setzt die Maschine pünktlich um 20.00 Uhr wieder in Berlin-Tegel, kurz TXL genannt, auf. Alle sind irgendwie stolz, auch noch „die kürzeste Weltumrundung der Fluggeschichte“ erlebt zu haben, wie das Polarflug-Zertifikat, das jeder bekommt, schwarz auf weiß bestätigt.

Infos:

Reise und mehr: www.polarflug.de

Das Flugzeug: Airbus A 330-200; Länge: 59.00 m, Höhe: 18,23 m, Spannweite: 60,42 m, Abflugmasse (max.): 233.000 kg, Reichweite (max.): 12.300 km, Reiseflughöhe (max.): 12.500 m, Standschub (max.): 2 x 68.000 lbs, Reisegeschwindigkeit: 890 km/h, Treibstoffverbrauch 3,3 l/100 PKM, Fluggesellschaft: Air Berlin; Fluglänge entspricht der Strecke Deutschland – Bangkok.

DVD-Empfehlung: Sonderflug zum Nordpol, PILOTSEYE.tv, das Beste aus 12 Flugstunden Richtung Nordpol

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