Nicht nur sauber, sondern rein – Makaber und menschlich ist Christine Jefferys Tragikkomödie “Sunshine Cleaning”

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Szene mit Amy Adams und Emily Blunt in "Sunshine Cleaning"

Verbrechen zahlt sich aus für Norah (Emily Blunt) und ihre ältere Schwester Rose (Amy Adams). Rose war einst die Königin der Cheerleader, die mit dem beliebtesten Sportler der Schule ausging. Geblieben ist ihr der verhaltensauffällige Sohn Oscar (Jason Spevack) und eine schlecht bezahlte Tätigkeit als Putzfrau. Eine spezielle Privatschule für Oscar kann sich Rose nicht leisten. Da erzählt ihr verheirateter Liebhaber Mac (Steve Zahn) von einer lukrativen Geschäftsnische. Mit der Reinigung von Tatorten ließe sich viel Geld verdienen. Gemeinsam mit Norah, die immer noch bei ihrem schrulligen Vater (Alan Arkin) lebt, gründet sie die Firma “Sunshine Cleaning”. Mord ist zwar nicht ihr Hobby, dafür ihr Metier. Ob selbst- oder fremdverübt, Norah und Rose putzen weg, was an Mordschauplätzen übrig bleibt. Doch Menschen lassen mehr zurück als tote Masse, wenn sie sterben. Besonders Norah fällt es schwer, emotionale Distanz zu ihrer neuen Arbeit zu wahren. Personalien und Fotos aus der Wohnung einer Toten nimmt sie an sich und spürt damit deren erwachsene Tochter auf. Aus der flüchtigen Bekanntschaft wächst ein überraschend intensiver Kontakt, der mehr sein könnte, als nur Freundschaft. Die Todesfälle in ihrem Alltag erinnern Norah und die von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Rose an einen lange verdrängten Todesfall in ihrer Kindheit. Bevor sie hinter frischen Leichen aufkehren können, müssen sie mit den Leichen im eigenen Keller fertig werden.

Dass sie in allem ein Geschäft wittern, ist Spezialität der Amerikaner. “Sunshine Cleaning” ironisiert derartige innovative Umtriebigkeit einerseits mit der Figur des kauzigen Vaters der Schwestern, der mit kuriosen Geschäftsideen Geld zu machen versucht. Die Unternehmung der Töchter hingegen wird überraschend seriös und realistisch geschildert. Es sind die leisen Töne, die dem humorvollen Werk seinen unaufdringlichen Charme verleihen. Nicht von ungefähr erinnert der Titel von Christina Jeffes Komödie an den Überraschungserfolg “Little Miss Sunshine”. Vom selben Filmteam wie Jonathan Daytons und Valerie Faris Erfolgskomödie wurde “Sunshine Cleaning” produziert. Außer dem Sonnenschein im Filmtitel haben die Werke Nebendarsteller Alan Arkin gemeinsam, der Jeffes Komödie mit trockenem Witz bereichert. In dem gut aufgelegten Ensemble glänzen besonders Emily Blunt und Amy Adams  mit Natürlichkeit und Authentizität. Ohne in Pathos abzurutschen rührt Regisseurin Jeffe an die stillen Tragödien des Alltags und die kleinen Probleme des Lebens. Dem düsteren Grundton lässt sie gekonnt mit spielerische Leichtigkeit kontrastieren. Statt mit überkonstruierten Lösungen für die Schwierigkeiten der unterschiedlichen Protagonisten aufzuwarten, führt die Tragikkomödie seine Figuren auf den Weg zur Problembewältigung. Zentrales Motiv des beschwingten melancholischen Dramas ist die Akzeptanz des Unwiederbringlichen. Nicht nur des Todes, sonder auch erlebten beruflichen Misserfolgs oder unerfüllter Beziehungen.

Gerade ihre Unkonventionalität macht die Charaktere sympathisch. Ganz nebenbei vermittelt “Sunshine Cleaning” ohne in manierierte politische Korrektheit abzudriften, wie viel wert es ist, sich selbst zu akzeptieren. Sei es als Lesbe, als einarmiger Reinigungsmittelverkäufer oder uneheliches Kind. Dies sind nur ein paar der komplizierten Eigenschaften, mit denen die Charaktere umgehen müssen. Doch statt die Klischeekiste zu greifen, werden die Besonderheiten zur Nebensache. Norah durchläuft keine Sinneskrise ob ihrer Bisexualität und Steve Zahn als behinderter Verkäufer ist weder Traumatisierter noch Mitleidsobjekt. Er macht auch einen weitaus besseren Partner her als der markige Polizist Mac, der für Putzfrau Rose nie sein gutbürgerliches Familienleben aufgeben würde. Doch dies deutet “Sunshine Cleaning” nur an. Es sind solche Nuanciertheiten, die den Reiz des Films ausmachen. Es bleibt zu hoffen, dass der Film im Brackwasser greller Sommerfilme und Romantikkomödien nicht untergeht. Reife und Ruhe zeichnen die Tragikkomödie aus, die mit wahrhaft knochentrocknem Humor aufwartet. Zu den Eigenschaften sagt das Massenkino meist „Schwamm drüber“. In “Sunshine Cleaning” gilt letzte nur für Blut und Eingeweide.

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Titel: Sunshine Cleaning

Genre: Tragikkomödie

Land/Jahr: USA 2008

Kinostart: 21. Mai 2009

Regie: Christine Jeffes

Drehbuch: Megan Holley

Darsteller: Amy Adams, Emily Blunt, Alan Arkin, Steve Zahn

Verleih: Capelight, www.capelight.de

Internet: http://www.sunshinecleaning-film.de

Laufzeit: 91 Minuten

FSK: Ab 12

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