„MR. NICE“ Aufstieg und Fall eines Dealer-Genies – ein Film von Bernard Rose

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Szene aus dem Film "MR. NICE" © Neue Visionen

Bernard Roses Verfilmung der Marksschen Autobiographie beginnt mit dem Aufziehen eines Theatervorhangs. Howard Marks, kongenial verkörpert von Rhys Ifans, steht allein auf der Bühne und sieht auf sein Publikum herunter. Er macht ein paar flotte Sprüche und beginnt von seiner Kindheit zu erzählen. Marks wächst in Kenfig Hills, einem trostlosen, walisischen Bergarbeiter Dorf, auf. Sein Fleiß und sein Ehrgeiz lassen ihn zum Außenseiter werden. Die als Inszenierung erkennbaren und im 4:3-Format gehaltenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen illustrieren die emotionale Tristesse dieser Jahre. Die Mädchen verachten den Einser-Schüler, die Jungs beschimpfen ihn als „Sissi-Boy“ und ziehen prügelnd über den Jungen her. Dennoch erkämpft sich der junge Marks sein erstes großes Erfolgserlebnis. Ermutigt von seinen Lehrern, bewirbt er sich an der Elite-Universität Oxford. Marks wird tatsächlich zur Aufnahmeprüfung eingeladen. Wenige Tage später flattert der Brief mit der Zulassung zum Studium ein und Howard Marks wird zum gefeierten Helden von Kenfig Hills.

Zum ersten Mal in seinem Leben verlässt Marks das elterliche Heim und zieht auf den Campus der Universität. Konzentriert arbeitet er an seinem Physikstudium. Um ihn herum tobt das Studentenleben der 60iger. Eine Welt des Aufbegehrens, des politischen Widerstands und der exzessiven Partys. Schnell wird Marks klar, dass die Drogen der Schlüssel zu dieser Art Leben sind. Marks fängt an mit kleineren Mengen Dope zu dealen und findet so seinen Platz in der Gemeinschaft. In Bernard Roses Film fallen Marks erster Joint und sein erster Kuss zusammen. Das Bild zieht auf und füllt sich mit Farbe. Marks lebt sich aus, feiert Partys und verliebt sich in Ilze, die wie er eine Lehrer-Laufbahn anstrebt. Erst der Tod eines Freundes, der an einer Überdosis Heroin stirbt, lässt Marks in sich gehen. Er macht seinen Abschluss in Physik, heiratet Ilze und schwört den Drogen ab.

Doch das unaufgeregte Leben als Lehrer macht ihn nicht glücklich. Marks lernt Judy, gespielt von Chloë Sevigny, kennen und verliebt sich ein zweites Mal. Als Judy den jungen Mann fragt, was er beruflich mache, antwortet Marks: „Ich unterrichte.“

Judy kann nicht glauben, was sie da von ihrem Gegenüber hört und antwortet: „Du siehst nicht aus wie ein Lehrer, eher wie ein Dealer!“

Kurz darauf wird ein guter Freund von Marks an der deutsch-schweizerischen Grenze geschnappt und mit 500 Kilo schwarzem Afghanen festgesetzt. Marks soll helfen, nach Deutschland reisen und sich um eine noch unentdeckte Ladung kümmern. Ohne lange zu überlegen, willigt Marks ein, fährt nach Wiesbaden und sichert vor Ort den zweiten Wagen. Grenzübergänge, Drogenhunde und Zollbeamte, der Landweg bis nach London ist länger, als gedacht. Doch Marks ist wie in Trance. Das Gefühl mit dem Feuer zu spielen, die Grenzer und die Drogenfahnder ein ums andere Mal an der Nase herumzuführen, all das berauscht ihn. Die Mischung aus Adrenalin und Dope hebt Marks auf eine Wolke der Glückseeligkeit. Wieder ein Mal beweist er sich, das Unmögliche geschafft zu haben.

Als Marks in London ankommt, teilt er seine Begeisterung mit Judy, vertickt das Dope in Rekordzeit und bietet sich den pakistanischen Lieferanten des Stoffes als neuer Partner an. Als klar wird, dass nicht das Beschaffen der Ware, sondern deren sicherer Transport nach London das Problem ist, hat Marks eine Idee. Er will Jim McCann von der IRA mit ins Boot holen, um so den Weg über den Dubliner Flughafen zu öffnen. Spätestens hier entpuppt sich Bernard Roses Film als Großes Kino. Die Besetzung der Figur McCann durch David Thewlis passt wie die Faust aufs Auge. Keiner vermag einen unberechenbaren, Briten hassenden Waffenschieber besser zu verkörpern als Thewlis. Diesem Mann nimmt man sein durchgeknallt Sein und jeden dahin gerotzten Fluch unbesehen ab. Umso mehr überzeugt die Szene in der Marks und McCann das erste Mal aufeinander treffen und die in einer Beinahe-Exekution von Marks endet.

Der Deal mit McCann macht Marks binnen weniger Monate reich. Marks eröffnet eine Boutique, gibt vor ein Geschäft zu führen und legt sein gewaschenes Geld auf der Bank an. Als ihn ein alter Freund aus Studententagen direkt auf sein „Business“ direkt hin anspricht und ihn fragt, ob er nicht für den MI6 arbeiten will, bleibt Marks erstaunlich locker und glaubt noch immer Herr der Lage zu sein. Offenbar hält er sich bereits für unverwundbar. Ein Gefühl, dem er die kommenden Jahre komplett erliegt und das ihn fast ein Jahrzehnt lang zu einem der erfolgreichsten Dealer der Welt und zum meistgesuchten Staatsfeind Großbritanniens aufsteigen lässt.

Den Fall, der sich an diese steile Karriere anschließt, spart Bernard Rose in seiner Verfilmung nicht aus. Im Gegenteil, mit einem guten Gespür für die wesentlichen Momente dieses Dramas und einem hohen Grad an Authentizität zeichnet Rose den unaufhaltsamen Untergang eines tragischen Helden. Eines kultivierten Oxford-Absolventen, der niemals Gewalt anwendete oder mit harten Drogen dealte und der dennoch unter die Räder seines eigenen, sich als selbst zerstörerisch entpuppenden, Systems gerät. Bedrückend hierbei sind die Bilder, die Marks als liebenden Familienvater und als Adrenalin- und Dope-Junkie zugleich zeigen. Auch Chloë Sevigny läuft in diesem Teil des Films zu Hochform auf. Exzellent, wie sie um ihren süchtigen Mann und den Zusammenhalt der Familie kämpft, obwohl sie bereits ahnt, dass es wohl kein Happy End geben wird.

Niemand schien Howard Marks aufhalten zu können, außer Howard Marks selbst. Trotz dieser offensichtlichen Tragik, schafft es Bernard Roses Film, den Zuschauer mehr als nur zu unterhalten. Die eigenwillige stilistische Umsetzung, die brillanten Dialoge und der oft rabenschwarze britische Humor sind Garanten für eine in sich stimmige Umsetzung des gleichnamigen literarischen Bestsellers. Am Ende steht Marks wieder auf seiner, ihm so wichtigen, Bühne. Er hat ein unbeschreibliches Jet-Set-Leben, eine fast lebenslange Flucht und sieben mörderische Jahre im härtesten Knast der USA hinter sich. Dennoch ist sich der Mann, der sich lange Zeit „Mr. Nice“ nannte, treu geblieben. Er sieht zu seinen Zuschauern herunter, zieht ein Fazit seines bewegten Lebens und zündet sich einen Joint an.

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Mr. Nice“ ein Film von Bernard Rose

mit Rhys Ifans, Chloë Sevigny, David Thewlis

Komödie, UK 2010, 121 Min.,

Verleih: Koch Media, Kinostart: 23.06.2011

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