Meisterstück der Travestie – „Ein Käfig voller Narren“ im Opernhaus Bonn

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© Foto: Thilo Beu, 2014

Auch das Opernhaus Bonn ließ sich für die neue Spielzeit die Gelegenheit nicht entgehen, sich des nach wie vor aktuellen Themas anzunehmen. Ein mit seinem Bühnenbild (Heinz Balthes, Licht: Max Karbe) und vor allem mit seinen Kostümen (José-Manuel Vazquez) opulenter Saisonstart, den ein begeistertes und applausfreudiges Publikum mit stehenden Ovationen angemessen zu würdigen wusste.

Brisante Handlung

Dabei ist die Handlung nach dem Stück „La Cage aux Folles“ von Jean Poiret mit der Musik und den Gesangstexten von Jerry Herman schnell erzählt. Sie handelt von der Beziehung des in die Jahre gekommenen Albin alias „Zaza“ zu seinem Lebenspartner Georges, dem Besitzer des glitzernden Nachtclubs „La Cage aux Folles“ in St. Tropez.

Die Brisanz der Handlung wird herauf beschworen, als Georges` Sohn Jean-Michel (Angelo Canonico) sich ankündigt, um seine Verlobte Anne (Léonie Thoms) in die ungewöhnliche Familie einzuführen. Tochter aus gutbürgerlichem Haus, deren Vater, ein erzkonservativer Politiker, am liebsten alle Nachtclubs schließen würde. Eine biedere Fassade muss her und dazu noch eine richtige Mutter. Doch trotz aller hektischen Bemühungen ist die eilends aufgebaute Kulisse bürgerlicher Anständigkeit im Nu durchlöchert, und die eigenwillige Dynamik der jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Welten nimmt unausweichlich ihren Lauf.

Mitreißende Situationskomik

Im Mittelpunkt des tragikkomischen Verwirrspiels steht Albin alias „Zaza“ (Dirk Weiler), der überragende Transvestit dieser in Glitzer und Glamour erstrahlenden Bühnenshow. Umgeben von einem Dutzend hochkarätiger Cagelles (Choreographie: Julio Viera Medina), die mit ihren wunderbar phantasievollen Einlagen den Scheincharakter dieser funkelnden Glitzerwelt noch potenzieren.

Virtuos schlüpft Albin in die ihm jeweils zufallenden weiteren Rollen hinein. Unter Anstrengungen erlernt er erfolgreich die Rolle eines „richtigen“ Mannes, bis der turbulente Handlungsverlauf das jähe Überwechseln in die Rolle einer „richtigen“ Mutter erforderlich macht. Ein Verwirrspiel voll von mitreißender Situationskomik.

Menschlicher Tiefgang

Die Gratwanderung Albins zwischen Schein und Sein hält jedoch immer wieder einen ernsten menschlichen Tiefgang bereit. Ja, sie wird zu „Zazas“ bevorzugtem Thema, wenn sie einfühlsam mit zunehmendem Alter „dem Leben nicht mehr trauen kann“ und dadurch Abhilfe schafft, dass sie wieder „den Fummel anzieht“ und „noch ein bisschen mehr Mascara auflegt“.
 
Gegenüber den Zickigkeiten „Zazas“ steht Lebensgefährte Georges seinen Mann. Um das Lebensglück des jungen Paares nicht zu gefährden, springt er über seinen Schatten, um alle aufreizenden Spuren der häuslichen Homo-Szene zu verwischen. Ein Plan, der trotz allem chaotischen Durcheinander mit dem braven neuen Ambiente  perfekt aufzugehen verspricht.

Humorvolle Wendung

Wäre da nicht das Ehepaar Dindon, das in die Ehe seiner Tochter seine eigenen Vorstellungen mit einbringen möchte. Während Marie Dindon (Barbara Teuber) noch Kompromissbereitschaft signalisiert, erweist sich ihr Ehemann Edouard Dindon (Franz Nagler) als verbohrter Sturkopf, der am Ende wild entschlossen ist, die sich anbahnende Familienzusammenführung doch noch zum Scheitern zu bringen. Bis der Zufall zu Hilfe kommt und das Geschehen eine unerwartet humorvolle Wendung nimmt.

Eine bezaubernde Inszenierung von John Dew, die in ihrer locker-humorvollen Art Maßstäbe setzt. Ebenso wie die „Band La Cage 2014/15“, die unter der Leitung von Jürgen Grimm einfühlsam und zugleich zupackend aufspielt. Eine durchweg begeisternde Gesamtleistung und damit ein überaus gelungener Auftakt für die neue Spielzeit.

Insgesamt 19 Aufführungen bis zum 9. April 2015.

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