„Mein Leipzig lob ich mir”¦“! – Serie: Stadt und Hochschule feiern 600 Jahre Universität Leipzig (Teil 1/5)

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Großes Siegel („sigillum maiestatis“) der Universität Leipzig, Pergament, Wachs, Universitätsarchiv Leipzig

Gegen solche Vereinheitlichungen waren die deutschen Studenten in Prag vor 600 Jahren gefeit. Sie sollten nämlich auf ihre deutschen Privilegien nicht nur verzichten, sondern sollten sich der politisch zur Majorität erkorenen ’böhmischen Nation’ unterordnen. Das war am 18. Januar 1409, als der böhmische König Wenzel IV. das Kuttenberger Dekret erließ. Mit rund 300 Worten kehrte er die Uni-Verhältnisse um. Die bisherigen Landmannschaften der Böhmen, Bayern, Sachsen und Polen, die in Prag studierten, besaßen bisher je eine Stimme in den Gremien der Prager Karls-Universität. Nun bekamen die Böhmen drei und die drei deutschen Länder eine einzige Stimme! Und als im Mai des Jahres auch noch dem Rektor der Universität, Magister Henning Boltenhagen, und seinem Dekan der Philosophie die Studentenverzeichnisse, Siegel und Schlüssel der Universität abgenommen wurden, war Schluß. Nicht mit den Sachsen! Nicht so! Rund 1000 Studenten und Lehrende zogen hinaus aus Prag und heimwärts nach Sachsen.

Wie sie zogen? Zu Fuß natürlich, denn das Reisen in den Kutschen war nur den Betuchten möglich. Und wie es war, das schildert eine Postkarte aus dem Jubiläumsjahr 1909, auf der ein schier endloser Zug von mittelalterlichen Gestalten in den Hauptfarben Rot und Grün, das Bündel über der Schulter, vom Fürsten Friedrich, dem Streitbaren in der Markgrafschaft Meißen mit offenen Armen und majestätisch zugleich begrüßt werden und nach Leipzig gelenkt, dem Handelszentrum. Die Postkarte sagt die Wahrheit; allerdings nicht über die ’Vertreibung aus Prag’, sondern über das politische Bewußtsein der Jubilare von 1909 und über das kulturelle Gedächtnis der Deutschen, das aus dem historischen Geschehen ein schönes und passendes Bild machte. Denn nie und nimmer hätte 1409 ein solcher Zug sich durch die Lande wälzen können. Wer sollte die Leute versorgen, wo sollten sie schlafen? Heute nimmt man an, daß sich die Studenten und Lehrenden in kleinen Gruppen auf den Weg machten, in Klöstern Unterschlupf fanden, vielleicht auch bei Bauern unterwegs.

In Leipzig war man fix und auch der Papst spielte mit, der die Genehmigung der Alma mater Lipsiensis schon im September 1409 erteilt, der Markgraf Friedrich steuert die Räumlichkeiten bei: in der Rittergasse das Große Kolleg und in der Petersstraße das Kleine. Kaum glaublich, wenn man an die zeitlichen Prozeduren heutzutage denkt, aber schon am 2. Dezember 1409 wird die Eröffnung gefeiert – für vier Nationen übrigens: Sachsen, Meißner, Bayern und Polen! Es beginnt mit einem Studium generale an der Artistischen Fakultät. Nicht ein schneller und billiger Bachelor, auf den ein edlerer Master aufgesetzt wird, sondern umgekehrt lernen hier die Studenten ihre allgemeinen Fähigkeiten gemäß den sieben freien Künsten des Mittelalters zu erweitern: Grammatik. Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Erst danach können sie an den Fakultäten Theologie, ab 1415 auch Medizin und später dann Jura weiterstudieren.

Von heute aus bewundern wir nicht nur dieses grundlegende Studium also Vorschaltung vor die Spezialisierung, sondern erst recht das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden. Denn von Massenuniversitäten sprechen wir ja heute nicht deshalb, weil massenhaft studiert wird, sondern weil in den Seminaren Massen herumsitzen, während ein einziger lehrt. Im Wintersemester 1409/10 fingen in Leipzig laut Immatrikulationsliste 369 Studenten an, von denen nur ein Drittel aus Prag gekommen war – was mit den angeblich 1000 Ausgezogenen ist? Schwund ist immer und die Geschichte einfach mit Tausend viel dramatischer -, die von 46 Magistern und Doktoren unterrichtet wurden. Da kann man wirklich von pädagogischen Verhältnissen reden. Aber, was so gut klingt, hat auch Schattenseiten. Studierende und Lehrende leben im Semester zusammen in sogenannten Bursen, das Tageslicht muß ausgenutzt werden und das Studium beginnt sommers um 5 Uhr früh und um 22 ´0 oder 21 Uhr wird buchstäblich dicht gemacht: die Türen geschlossen. Daß nicht nur auf Latein gelehrt wurde, sondern auch so gesprochen, sagen uns die Schriften. Und zwischendrinnen gebetet sowieso, denn wir befinden uns im Jahre 1409 noch im spätmittelalterlichen Einflußbereich der Kirche aus Rom, so daß auch zu den Mahlzeiten meist aus theologischen Werken vorgelesen wurde. Im 15. Jahrhundert haben an der neuen Universität der Humanist und Dichter Conrad Celtic (1459-1508) studiert und Heinrich Stromer (1482-1542), der heute noch als Gründer von „Auerbachs Keller“ in aller Munde ist, aber auch Martin Schongauer (1450-1491), den wunderbaren Malter, Zeichner und Stecher, zu dem sich Dürer zu spät auf den Weg machte, dessen Einfluß auf ihn und die Kunst der Renaissance aber überdeutlich ist.

Im 16. Jahrhundert gerät die bisherige Welt aus den Fugen. Hatte schon der Buchdruck die Wissensmöglichkeiten vervielfältigt, so traf die Reformation das tradierte Europa ins Mark. Dabei muß man sich immer gegenwärtigen, daß Luther hierzulande der Held wurde, daß es aber in der Schweiz auch Zwingli gab und vor allem in Genf Calvin. Aber wir können die Auswirkungen auf das Universitätsleben nicht begleiten, weder hier noch die folgenden Jahrhunderte, in denen Leipzig zwischenzeitlich die größte deutsche Universität wurde, wollen aber einige der neben Goethe berühmten Studenten über die Jahrhunderte nennen: der Humanist Agricola, der Musiker Carl Philip Emanuel Bach, der Philosoph und Psychologe Arnold Gehlen, der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher, der Schriftsteller Erich Kästner, Ernst Jünger, der hier Zoologie studierte und in Philosophie keinen Abschluß machte, Karl Liebknecht, der mit Rosa Luxemburg im Januar 1919 ermordet wurde, Friedrich Nietzsche und auch sein Vorbild und späteres Haßobjekt Richard Wagner, auch Robert Schumann studierte hier, aber wie schon Georg Philipp Telemann nicht Musik, sondern Rechtswissenschaften.

Ganze 30 Nobelpreisträger hat die Universität Leipzig hervorgebracht. Das scheint uns ein hoher Anteil. Die meisten Auszeichnungen sind für Physik, Chemie und Medizin verliehen, aber zwei Literaturpreisträger stechen hervor. Gerhart Hauptmann für 1912 und Theodor Mommsen 1902, der berühmte Historiker. Letzterer war 1848/49 Professor für Römisches Recht in Leipzig und Hauptmann gar nur Ehrendoktor. Ein richtiger Leipziger Student mit Promotion war allerdings Gustav Stresemann, deutscher Politiker und Reichskanzler, der 1926 den Friedensnobelpreis erhielt.

Leipzig feiert seine 600jährige Universität in großem Stil. Schon vor vielen Jahren war ein bauliches Modernisierungs- und Erweiterungsprogramm – verbunden mit einer räumlichen Neuordnung der Fachbereiche – gestartet, das pünktlich zum Jubiläum mit dem Campus Augustusplatz eingeweiht werden soll, dem größten innerstädtischen Universitätsleben, an dem seit 2004 gebaut wird. Darüber und über das Paulinum werden wir gesondert berichten. Die aus Ruinen wiederaufgebaute Universitätsbibliothek, die Bibliotheca Albertina, wurde schon 2002 fertiggestellt und ihr Direktor Ulrich Schneider ist auf den Bestand – darunter die höchste Anzahl von Aldinen, die besonderen Drucke des Aldo Manutius /1449-1515) aus Venedig – genauso stolz wie auf die Modernität des Ausleihesystems und die Lesesäle. Auch dies soll im nächsten Artikel eine Rolle spielen, denen die Artikel über die Jubiläumsausstellung und die Eröffnung folgen.

Jubiläumsausstellung „Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften“ vom 9. Juli bis 6. Dezember 2009

Der Ausstellungskatalog wird zur Ausstellungseröffnung am 8.7. vorliegen. Als Erster Band sind schon die Essays erschienen, die der Kunst- und Kulturausstellung das innere Gerüst geben, das der Aufklärung allgemein und das der Aufklärung in Sachsen im Besonderen. Da geht es um die dortigen Träger der Aufklärung, um die Wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch Formen der Bildung und der Wissenschaft außerhalb von Universitäten und Schulen. Ein beeindruckender und lehrreicher Band, erschienen im Sandstein Verlag, Dresden 2009.

Das dicke Jubiläumsprogramm besitzt viele Schwerpunkte, von denen die wissenschaftlichen Veranstaltungen allein 80 Seiten ausmachen.

www.sechshundert.de

www.erleuchtung-der-welt.de

www.uni-leipzig.de

www.uni-leipzig.de/campusrundgang

Universität Leipzig, Geschäftsstelle 2009-07-05 Ritterstraße 30-36, 04109 Leipzig, Telefon: 0341 97 35 0 35, Fax: 0341 97 35 0 39

Reiseliteratur:

Tobias Gohlis, DuMont Reistaschenbuch Leipzig, 2006

Marco Polo, Leipzig, 2006

Mit freundlicher Unterstützung des Leipzig Tourismus und der Universität Leipzig sowie der Hotels Mercure am Johannisplatz und Park Hotel Leipzig, gegenüber dem Hauptbahnhof.

Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, Leipzig Information, Richard Wagner Straße 1, 04109 Leipzig, Tel. 0341/7104-265, Email: info@ltm-leipzig.de

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