Magische Metamorphosen – 25 Jahre Studio Ghibli – Serie: Meisterwerke der „Ghibli DVD Collection“ des Universal Verleihs (Teil 7/ 7)

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„Hatter“ steht über dem Hutmacher-Geschäft, in dem die unscheinbare Sophie (Sprecherin: Chieko Baishō) arbeitet. Die allegorische Tochter des verrückten Hutmachers ist die tugendhafteste und fleißigste Modistin in einem romantisierten Preußen des frühen 20. Jahrhunderts. Sie erfüllt ihre Pflicht, während Militärfanfaren zum Weltkrieg rufen. Die begeisterte Menge tanzt weiter Wiener Walzer auf dem Vulkan. Ein Verwechslung mit ihrer hübschen Schwester Lettie ( Yayoi Kazuki) wird Sophie zum Fluch. Die eifersüchtige Hexe des Niemandslandes (Akihiro Miwa) verzaubert sie zur Greisin. Unscheinbar wird unsichtbar, denn keiner beachtet die altersschwache Frau, die um den Bann zu brechen „Das wandelnde Schloss“ betritt, dessen Meister sie schon einmal begegnete.

Metamorphosen so skurril wie die Ovids verformen, verzerren und verbinden alles in „Howl ´s Moving Castle“. Die gleichnamige Fantasy-Geschichte der Kinderbuchautorin Diana Wynne Jones unterzieht Regisseur Hayao Miyazaki in dem Animé von Studio Ghibli einer kafkaesken Verwandlung. Traumlogik triumphiert über die konventionelle Struktur eines Abenteuermärchen. Kein Ort, keine Zeit oder Form sind sicher. Die karnevalesken Szenen-Vignetten setzen der konservativen Moral klassischer Kinder- und Kunstmärchen eine radikale Antithese entgegen. Bescheidenheit, Fügsamkeit und Keuschheit enthüllt sich als Selbstkasteiung, Obrigkeitshörigkeit und schamvoller Selbstekel. Hässliches und Groteskes kann gut sein, extremes Alter birgt innere Stärke und Klugheit, Verweigerung ist Widerstand gegen barbarischen Zwang.

Das Monstrum ist die Realität, welche in Gestalt von Soldaten in das Zauberschloss einbricht. Während sich die geputzten Einwohner zwischen den pittoresken Fachwerkhäuschen wie Aufziehpuppen im Tanz drehen, ziehen fliegende Zerstörer und Luftschiffe am Himmel in einen Krieg, der deutlich an den ersten Weltkrieg angelehnt ist. Das herzogliche Empire-England lässt eine Zinnsoldatenarmee gegen das Kaffeehausidyll marschieren, denn der Thronfolger ist verschwunden. Die possierlichen Fassaden der Fachwerkbauten müssen brennen. Der beiderseitige Nationalismus umfasst jedoch keine überirdischen Wesen. Daher rufen die Königreiche ihre Cagliostros und Hanussens ein. Hauro, in der Buchvorlage ein verantwortungsloser Pflichtverweigerer, ist in dem Animé ein Pazifist, der seine Fähigkeiten nicht für militärische Zwecke missbraucht. Statt Zwangsrekrutierung drohen ihm Flüche und der Raub seiner Zauberfähigkeiten.

Fast abrupt bricht das Ende nach zwei Stunden Filmdauer über die Zauberwelt herein. Sophies trübsinnige Existenz in dem fiktionalen Sissi-Österreich weicht der Surealität des Steam Punk, begleitet von einer zärtlichen Allegorie des Guten im Abweichenden. Miyazakis Heldin gelingt, was keiner ihrer literarischen Vorgängerinnen erlaubt war. Ihr persönliches Wunderland, Nimmerland, Oz wird ihre Heimat, nachdem Kolonialmacht und Karikatur-Colmar womöglich doch in Blut- und Boden untergegangen sind. „Das wandelnde Schloss“, dessen Bewohner alle einen symbolischen Tod gestorben sind, wird zum süßen Jenseits.

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Titel: Das wandelnde Schloss

Land/ Jahr: Japan 2

Genre: Animé

DVD-Start: 27. Februar 2006

Sprachen: Japanisch, Deutsch

Regie und Drehbuch: Hayao Miyazaki

Darsteller: Chieko Baishō, Takuya Kimura, Akihiro Miwa, Tatsuya Gashūin, Ryūnosuke Kamiki, Haruko Katō, Yayoi Kazuki, Mayuno Yasokawa, Yō Ōizumi, Daijirō Harada.

Kamera: Atsushi Okui

Musik: Joe Hisaishi

Schnitt: Takeshi Seyama

Laufzeit: 119 Minuten

Verleih: Universum

www.universumfilm.de

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