Liebe und Wahn – Der wunderbare zweite und eigentlich erste Roman von Maile Meloy

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Dieses ist der erste Streich, und der zweite kam davor. Ja, im nun vorliegenden Roman „Lügner und Heilige“ der amerikanischen Schriftstellerin Maile Meloy kennen wir die Hauptfiguren. Ein Blick auf das Veröffentlichungsdatum der Originalausgabe lüftet den Schleier des Geheimnisses, Liars and Saints erschien bereits 2003, der auf Deutsch erste Roman Meloys A Family Daughter kam in den USA erst 2006 heraus. Genauso verwickelt entspinnen sich nun die Gespinste der Geschichte, noch einmal erzählt, weit zurückgeschaut. Ging es in der „Tochter einer Familie“ mehr um die Enkelin Abby, die einem Roman schreibt, stehen nun die Großeltern Teddy und Yvette im Zentrum der ersten Seiten, Teddy ist im Krieg, Yvette zieht die Mädchen Margot und Clarissa vorübergehend alleine groß. Es ist ein bisschen, als würde man ein Fotoalbum von sehr engen Nachbarn finden, die die eigene Familiengeschichte aus leicht veränderter Perspektive mit verfolgt haben, da steht ein zerknittertes Mädchen, das so vorher niemand wahrgenommen hatte, eine verführerische Mutter, ein eifersüchtiger Mann”¦

Meloy schreibt rasch, hastig und wunderschön. Ihre Sätze tragen den Leser mühelos durch abgrundtiefe Katastrophen, durch halbe Jahrhunderte. In leichten Sprüngen, als würde ein Kind Himmel und Hölle hopsen. Dass im neuen Buch die Geschichte ganz anders verläuft und einzelne Personen sterben müssen, die im zweiten (und uns bekannten) Roman weiter leben dürfen, ist beruhigend. Dennoch erzeugt Meloy eine zweite Wahrheit, ein Drama der Durchschnittlichkeit, das sich außerordentlich gut liest, amüsiert und entsetzt. Sie kennt sich aus mit streng gläubigen Christen, mit Sünde und Beichte, mit Vergeben und Verzeihen. In diesem Buch ist mehr über die amerikanische Mittelschicht zu lernen, als in einer Handvoll Dokumentationen zum Thema. Die besondere Stärke der Autorin sind jedoch die Liebesgeschichten. Der oben zitierte Einstieg gehört Teddy, dem im Krieg abwesenden Ehemann und Vater. Wie es mit Jamie und Abby, Clarissa und Margot, dem kleinen Jungen und der heiligen Übermutter weitergeht, müssen Sie schon selbst herausbekommen, lassen Sie sich das nicht entgehen!

Fazit: leichtfüßig daherkommend, einfühlsam übersetzt, traurig und tröstend, die richtige Winterabend-Herzschmerzlektüre für gehobenen Anspruch!

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Maile Meloy, Lügner und Heilige, Roman, 304. S., Kein & Aber AG Zürich, Berlin, September 2011, 19,90 €

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