„Kunst kann man nicht lernen – sie muss einem gegeben sein.“ – Serie: Die Memoiren der Marianne Feilchenfeldt Breslauer (Teil 2/2)

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Ein Bild aus einer verlorenen Zeit. Fotografie: Marianne Breslauer, Galerie Lafayette, Paris 1930

Sie war modern, selbstbewusst, liberal und konservativ zugleich. Die Fotografie sah sie als zweite Wahl, die Umwandlung der Städte, mit den vielen Bausünden der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, erfüllte sie mit Trauer um den Verlust des Schönen: „Noch heute kann ich, wenn ich in Paris über eine Straße gehe, kaum glauben, dass es so etwas Schönes gibt. Man hat sich zwar alle Mühe gegeben, die Stadt kaputt zu machen, doch man hat es erstaunlicherweise noch immer nicht geschafft. Doch wer weiß heute noch, um wieviel schöner das alles einstmal war.“

Die Bilder dieser vergangenen Welt kann man zur Zeit in einer angenehm präsentierten Ausstellung in der Berlinischen Galerie sehen, zu der sie unten den Link und die Information finden.

Fotografie als vorausbedachter Schnappschuss

Wenn Frau Feilchenfeldt über Malerei oder Museumsbesuche berichtet, beschreibt sie auch immer die Empfindungen freudigen Erstaunens, die sie beim Betrachten der Werke hatte. Wir erfahren, dass die Berufswahl zur Fotografin, den sie als typischen und geachteten Frauenberuf bezeichnet, quasi als Notlösung entstand, weil „ich zu meinem Bedauern wusste, dass ich nicht im engeren Sinn künstlerisch begabt war.“ (S. 56) Ist dies eine der Untertreibungen, wie sie gelegentlich von Großmeistern betrieben wird oder Ausdruck einer tradierten Kunstvorstellung, in der die Fotografie noch gering geschätzt wurde?

Ihre Bilder, sagt sie, seien fast nie gestellt gewesen, und meist machte sie nur „eine oder zwei Aufnahmen pro Motiv“: „Alle meine Bilder sind so, gewissermaßen als vorausbedachter Schnappschuss, entstanden.“ (S. 89)

Ihr undogmatisches Werk rangiert zwischen der Fotografie des „Neuen Sehens“ und der „Street Photography“, es finden sich poetische Bilder und solche, die man der „Neuen Sachlichkeit“ zuschreiben möchte.

Der Text glänzt vor allem mit witzreichen Anekdoten

Der Text ist durch Brüche und Ellipsen gekennzeichnet, was vielleicht daran liegt, dass er aus Aufzeichnungen, Artikeln und Interviews von fremder Hand zusammengestellt wurde. Ausgiebig erzählt uns der Text von den unbeschwerten frühen Jahren der Porträtierten. Frau Feilchenfeldt erzählt die Details, die dazu führten dass ihr späterer Mann und dessen Kollegin Grete Ring 1915 Teilhaber der legendären Galerie/Kunsthandlung Paul Cassirer wurde, und wie nach Cassirers Freitod, dessen Firma, unter dem Geschicke Feilchenfeldts „zu einem international wichtigen Auktionshaus“ wurde. Je näher uns die Zeit rückt, umso zurückhaltender werden die Auskünfte. Es sind kurze Episoden, voll von pointiertem Witz, wie man sie gerne auf einer Cocktailparty erzählt bekommt. Sternstundenhafte Bilder eines Lebens. Eine literarische Technik, wie sie so trefflich von Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Leoparden (seit 2004 auch Gattopardo) angewandt wurde. Die „Bilder meines Lebens“, so der Titel der Memoiren, sind allerdings von einem plauderhaften Erzählton gekennzeichnet, und haben ihre Qualität weniger im Literarischen.

Gerne hätte man mehr über den frühen Handel ihrer Galerie mit den Kunstwerken anderer Emigranten gelesen, als den lakonischen Hinweis, mit Kunst ließe sich Geld verdienen (S.142). Gerne hätte man auch Hintergründe über die Zusammenarbeit mit deutschen Museen nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren. Frau Feilchenfeldt berichtet nur kurz über die Londoner Hirsch-Auktion von 1979 (S. 215).

Es ist Charakteristikum dieser Memoiren, daß die Autorin eigentlich nur Gutes und Angenehmes erzählt und wenn sie über ein Missgeschick redet, dann nur über ein eigenes, das wiederum so banal ist, dass man herzhaft lachen kann, was den Leser zum Komplizen macht. Und, hier zeigt sich ihre gehobene Erziehung und ihr Taktgefühl, lieber zu schweigen, als Schlechtes zu erzählen.

Der Text zeichnet sich durch seine gelungenen Anekdoten aus und macht mit Worten lebendig, was uns in den Bildern der Breslauer so frisch und unmittelbar vor Augen tritt. Wer die Malerei liebt, und mehr über die zwanziger und dreißiger Jahre erfahren möchte, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

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Buch: Marianne Feilchenfeldt Breslauer: Bilder meines Lebens. Erinnerungen. Nimbus. Kunst und Bücher, Wäldenswil 2009, 224 S., 40 Abb., ISBN 978-3-907142-03-5, 42,00 CHF, 26,00 €

Ausstellung: „Marianne Breslauer. Unbeachtete Momente – Fotografien 1927-1936“ bis zum 6. September 2010 im Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Berlinische Galerie, Berlin.

Katalog: Marianne Breslauer. Fotografien 1927-1936, hrsg. von Kathrin Beer und Christina Feilchenfeldt, Nimbus. Kunst und Bücher, Wäldenswil 2010, 216 S., 160 Abb. im Duoton, ISBN 978-3-940208-13-2, 38,00 €

Internet: www.berlinischegalerie.de

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