Katastrophe als Kitsch – „Die Kinder von Paris“ fallen Rose Boschs melodramatischer „La Rafle“ zum Opfer

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Reale Tragödie melodramatisch verfilmt: "Die Kinder von Paris"

Radikal ist die Wendung im Leben der Protagonisten. Radikal, wie der unmenschliche Gewaltakt, in dem 28.000 Juden ins Konzentrationslager verschleppt werden. Zuvor ist alles eitel Sonnenschein im Bilderbuchfrankreich. Akkordeon-Klänge schweben durch die laue Luft, die duftet nach Croissant und Madleines, die eine dralle Mamsell verkauft, die einem dem kleinen Joseph Weismann (Hugo Leverdez) hinterher schimpft. Das nostalgische Karussell dreht sich lustig im Schatten von Sacre Coer. Nur Joseph darf nicht mitfahren, weil ein Schild es verbietet: „Interdit aux Juifs“ – für Juden verboten. 1942 hatte das Vichy-Regime bereits drastische antisemitische Gesetze erlassen. Doch mussten „Die Kinder von Paris“ aus Boschs Film auch einen Judenstern tragen, ließen sie sich nicht die Freude an ihren drolligen Alltagsstreichen nehmen.

So will es Drehbuchautorin Rose Bosch, die mit dem von ihrem Ehemann Ilan Goldmann produzierten Melodram ihre zweite Regiearbeit vorlegt. So verbrämt und klischeelastig inszeniert sie die Ausgangssituation ihres fast zweistündigen Historiendramas, das dessen hartnäckig beteuerte Authentizität unglaubwürdig erscheint. Doch die Tragödie ist real. Aus ihr ein mit Stereotypen besetztes und pittoresken Nostalgie-Szenen bebildertes Rührstück zu machen ist pure Geschmacklosigkeit. Nicht zynisch zu werden fällt angesichts der augenscheinlichen kommerziellen Kalkulation hinter „La Rafle“ schwer. Urplötzlich wird es auf der Leinwand zappenduster, das Karrusell und das Schicksal der Filmfiguren in Boschs malerischem Postkarten-Paris.

Unter katastrophalen Bedingungen müssen die verhafteten jüdischen Familien im Pariser Velodrom ausharren, von wo sie ins KZ deportiert werden. Dort opfern sich die junge Krankenschwester Annette (Melanie Laurent) und Dr. Sheinbaum (Jean Reno) vergeblich für sie auf. Gegen die Unmenschlichkeit sind sie so machtlos ie die Schauspieler gegen die ihnen aufoktroyierten Pappfiguren. Was sie erwartet ahnen weder „Die Kinder von Paris“ noch deren Eltern. Ob die Faschisten dem Teddy auch weh tun werden, fragt der kulleräugige Noé (Mathieu Di Concetto). Nein, der sei ja aus Plüsch. Auch den Protagonisten kann niemand eh tun. Sie sind nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus hölzern und papieren, artifizielle Konstrukte, die das Schicksal realer Menschen, reale Opfer rekonstruieren sollen. „Was spielt ihr denn?“, fragt Annette „Die Kinder von Paris“ einmal. „Verhaften!“, lautet die Antwort. Manchmal begreifen Kinder die Tragik der Realität nicht. Und manchmal tun es Filmemacher noch weniger. Rose Bosch spielt im Kino mit „La Rafle“ Deportation. Mitmachen will man da nicht.

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Titel: La Rafle – Die Kinder von Paris

Land/ Jahr: Frankreich 2010

Genre: Drama

Kinostart: 10. Februar 2011

Regie und Drehbuch: Rose Bosch

Darsteller: Jean Reno, Melanie Laureant, Gad Elmaleh, Hugo Leverdez, Rebecca Marder, Raphaelle Agogué, Olivier Cywie, Anne Brochtét, Isabelle Gelinas

Kamera: David Ungaro

Musik: Christian Henson

Schnitt: Yann Malcor

Laufzeit: 115 Minuten

Verleih: Constantin Film

www.die-kinder-von-paris.de

www.constantinfilm.de

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